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Verspielte Hoffnungen am Hindukusch

Von Stefan Haderer

Gastkommentare
Stefan Haderer ist Kulturanthropologe und Politikwissenschafter. Alle Beiträge dieser Rubrik unter: www.wienerzeitung.at/gastkommentare

In Afghanistan zeigt sich, dass die Abhaltung von Wahlen einen Staat nicht automatisch demokratischer macht.


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Eine Welle der Gewalt hat vor kurzem die Stichwahl um den neuen Präsidenten Afghanistans überschattet und zahlreiche Menschen das Leben gekostet. Es ist eine von vielen traurigen Entwicklungen, die das desolate Land am Hindukusch seit dem US-Militäreinsatz 2001 heimsuchen.

US-Präsident Barack Obama sowie die Nato, die eine Internationale Sicherheitsunterstützungstruppe (Isaf) für den Wiederaufbau eingesetzt hat, müssen die bittere Erkenntnis hinnehmen, dass die Abhaltung von Wahlen einen Staat nicht automatisch demokratischer macht. Die beiden Präsidentschaftsanwärter Abdullah Abdullah und Ashraf Ghani beschuldigen einander nämlich gegenseitig, die scheinbar demokratischen Wahlen jeweils zu ihren Gunsten manipuliert zu haben.

Auch darf es nicht verwundern, dass Afghanistans ehemaliger, von den USA geförderter Präsident Hamid Karzai, der unter strengsten Sicherheitsvorkehrungen und völlig isoliert seines Amtes waltete, auf wenig Sympathie bei der Bevölkerung stieß. Naiv wäre es nun zu glauben, dass er als Vermittler einen qualifizierten Nachfolger finden würde, der das Land vom Chaos befreien könnte. Viel wahrscheinlicher ist, dass Karzai sich ins Exil absetzen wird, um der fatalen Sicherheitslage im "failed state" Afghanistan zu entrinnen.

In vielen Medien werden die ethnischen Differenzen dieses Konflikts besonders betont. Kritische Beobachter müssen allerdings erkennen, dass die ethnische Heterogenität der afghanischen Bevölkerung die ausweglose Situation zwar nicht einfacher macht, jedoch nicht die eigentliche Ursache für die Staatskrise und den "Krieg gegen den Terror" ist.

Islamistische Taliban sind nicht nur in den Paschtunengebieten im Süden und Osten Afghanistans zu finden, sondern auch jenseits der Grenze, in Pakistan. Die Gelder für die Waffen fließen von großzügigen internationalen Geldgebern wie dem Emirat Katar ins Land. Die Warlords und diverse Rebellengruppen anderer Ethnien halten sich unterdessen durch Korruptionsgelder an der Macht.

Ende 2014 soll die Isaf ihre Mission beenden, der letzte US-Soldat soll einer Aussage Präsident Obamas zufolge 2016 Afghanistan verlassen. Die berechtigte Frage stellt sich, ob der zwölfjährige Kampfeinsatz internationaler Militäreinheiten sinnvoll war, wo doch in den Bergen des Hindukusch ein Partisanenkrieg geführt wird, dem niemand wirklich gewachsen ist.

Dem Staat stehen heute weit größere Herausforderungen als vor zehn Jahren bevor, unter anderem die andauernden Menschenrechtsverletzungen. Erst Ende des vergangenen Jahres wurde darüber diskutiert, die Steinigung als Strafe für Ehebruch wieder einzuführen.

Ein ebenso gravierendes und noch ungelöstes Problem ist die Opiumproduktion samt dem regionalen Drogenhandel, der laut einem UNODC-Bericht seit dem Jahr 2004 wieder erheblich zugenommen hat und eng mit dem Sicherheitsproblem verknüpft ist. Ein Szenario für die Zeit nach dem Isaf-Einsatz müsste also nicht bloß militärische Kapazitäten, sondern vor allem die Kontrolle und den Schutz der Bevölkerung vor Korruption und Machtmissbrauch berücksichtigen.