PodcastWelche Bildung brauchen unsere Kinder? Wie bereiten wir sie auf die neuen Herausforderungen vor? - Antworten eines Theologen.
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Vereinzelung und Isolation greifen immer mehr Platz (trotz oder aufgrund sozialer Netzwerke im Internet). Mobbing, Egoismus, Ich-Kultur sind an der Tagesordnung. Zur sozialen Kompetenz gehört aber, auf den Anderen zu schauen und ihn in seiner Not und Freude annehmen, begleiten und "verstehen" zu können. Zu diesem Schauen auf den Anderen und dem Sich-Einfühlen (Empathiefähigkeit) können Spiel und Sport beitragen, vor allem aber stabile menschliche Beziehungen. Diese bestehen idealerweise schon im Elternhaus, später dann in der Schule.
Aus stabilen Beziehungen heraus können junge Menschen eine innere Standfestigkeit entwickeln, die sie mit anderen Menschen offen und frei umgehen lässt. Religion sollte Vertrauen vermitteln und nicht Angst, Stabilität und nicht Verunsicherung. Sie sollte den jungen Menschen inneren Halt geben inmitten der Unsicherheiten des Lebens.
Eine solche Religiosität sollte den Menschen aus der Fremdbestimmung der Eltern (niemand ist gefragt worden, ob er leben will) zu sich selbst hin und zur Selbstbestimmung befreien. Dieser Überstieg beginnt spätestens mit der Pubertät. Es ist der Weg von der innerweltlichen Elternschaft hin zum letzten Grund allen Seins - und damit zu sich selbst. Hier kann der Mensch Halt finden. Dieses Finden eines inneren "Standings" wird immer wichtiger in der schnell sich verändernden Welt. Es schafft die notwendige Orientierung.
Empathiefähigkeit und Eigenstand sind bedeutsam, um Freundschaften zu schließen. Niemand kann alleine die Herausforderungen dieser Welt bewältigen. Menschen brauchen einander. Ein gutes Verhältnis zu sich selbst ist die unabdingbare Voraussetzung für ein solches Miteinander. Der Einzelne soll selbst zur Entfaltung kommen, aber dabei den Nachbarn und das Gemeinwohl nicht vergessen. Ellbogengesellschaft und Selbstverwirklichung im egoistischen Sinn dienen weder dem Einzelnen noch der Gesellschaft. Theologisch gesagt: Gottesliebe, Selbstliebe und Nächstenliebe gehören zusammen.
Bildung in Sachfragen
Neben der Ausbildung menschlicher Kompetenzen müssen junge Menschen lernen, sich in der Welt zurechtzufinden. Dazu bedarf es einer guten und fundierten Ausbildung in Sachfragen. Sachwissen schafft ein Stück weit innere Freiheit. Dabei geht es nicht so sehr um das Auswendiglernen von Detailwissen, das auch im Internet nachgelesen werden kann, sondern um die Einordnung dieses Wissens in größere Lebenszusammenhänge. Zum Lernen gehört, dass der Mensch aktuelle Erkenntnisse aus den verschiedenen Wissenschaften in ein Gesamtkonzept vom Menschen integrieren kann. Der junge Mensch soll in groben Zügen lernen, wie die Welt "funktioniert", und Lehrer sollten ihm vermitteln, wozu man das jetzt Gelernte im Alltag verwenden kann.
Weiterhin gilt es, den maßvollen Umgang mit den modernen Kommunikationsmitteln und sozialen Netzwerken zu erlernen. Die reale Welt durch die virtuelle zu ersetzen, kann bei Jugendlichen zu einem Verlust an Empathiefähigkeit führen. Diese kann so weit gehen, dass es einigen unmöglich wird, Freundschaften in der realen Welt zu schließen. Sie verlieren den Kontakt zu Anderen und schließlich zu sich selbst. Innerlich abgestumpft, sind sie nicht mehr in der Lage, sich auf wirkliche Freundschaften einzulassen oder die Not Anderer auch nur wahrzunehmen. Diese Isola-tion kann bis hin zu unkontrollierbaren Aggressionen gegen Eltern, Lehrer, Mitschüler, sozial Schwache, Ausländer führen. Die "da draußen" werden zu Feinden, die es zu bekämpfen gilt. Mangelnde innere Standfestigkeit und Souveränität führt zur Abschottung und Ghettoisierung.
Grundvertrauen
Ideal für eine gute Erziehung und Bildung ist ein stabiles Elternhaus, das die Grundlagen für ein Grundvertrauen ins Leben legt. Hinzukommen sollte eine gute spirituelle Unterweisung zur Entwicklung einer guten Selbstwahrnehmung. Der Mensch soll spüren lernen, was in ihm vorgeht. Im Zuge der Schulung dieser Wahrnehmungsfähigkeit für sich selbst und den Anderen - hier müssen andere Religionsgemeinschaften sagen, was für sie zur Zeit von zentraler Bedeutung ist -, sollte der Mensch lernen, seine inneren Seelenregungen zu verstehen. Die Tradition nennt das die Unterscheidung der Geister.
Der Mensch kann erkennen, woher seine inneren Antriebe, Motive und Emotionen stammen. Da gibt es innerweltliche (An-) Triebe und Emotionen, aber auch solche, die aus einer tieferen Dimension des Seins stammen. Sie formen das Gewissen des Menschen, das über seine innerweltlichen Prägungen hinausragt (internalisiertes Über-Ich bei Freud) in den Bereich des Absoluten. Ein solch gut gebildetes Gewissen bildet den inneren Kompass für weitere Entscheidungen.
Gerade im Bereich der christlichen Spiritualität gibt es viel nachzuholen. Sie ist vor allem eine Alltagsspiritualität. Es geht um Fragen, wie man eine gute Entscheidung trifft, wie man sein inneres Seelenleben "verstehen" lernt, wie man inneren Frieden und Freude findet. Es geht um das Finden von Entscheidungskriterien, damit das Leben gelingt. Hier überschneiden sich christliche Spiritualität und Ethik.
Leider ist die Bildung des inneren Menschen im Christentum zu kurz gekommen. Die große Tradition des christlichen Mönchs- tums, der Mystik oder der Alltagsspiritualität eines Ignatius von Loyola (dem Gründer des Jesuitenordens), will dem Menschen einen Zugang zu seinen inneren Seelenregungen verschaffen. Hier bedarf es einer "Nachrüstung" auf geistlich-spirituellem Gebiet. Die ethischen Fragen sind weithin gut diskutiert und in vielen Ländern auch in Gesetze umgesetzt worden, es fehlt aber an Spiritualität.
Die emotionale Ausbildung der jungen Menschen, die eine Verschränkung von Psychologie und Spiritualität ist, muss intensiviert werden. Denn sie umfasst nicht nur die Emotionalität auf der Ebene Mensch-Mensch, sondern auch jene dem letzten Seinsgrund (christlich gesprochen: Gott) gegenüber. Der Mensch findet inneren Frieden, wenn er sich auf diesen letzten Grund einlässt.
Menschenwürde
Beim Begriff der Ethik geht es darum aufzuzeigen, woraus sich das europäische Wertesystem gebildet hat. Es gilt darzustellen, welches Menschenbild dahinter steht und welche ethischen Konsequenzen das hat. Gerade im christlichen Umfeld ist der Begriff der Menschenwürde gewachsen. Dieser besagt, dass jeder Mensch um seiner selbst willen geachtet werden soll. Jeder/jede hat ein Recht auf Leben, körperliche und geistige Unversehrtheit. Niemand darf total verzweckt werden. Diese Werte stammen aus gelebtem Leben, philosophischer Reflexion, aber auch aus den Kulturen und Religionen. Daher ist es für das Verstehen der Wertebildung von Menschen und Gesellschaften notwendig, auch in einen interreligiösen Dialog einzutreten.
Die Frage nach dem Schutz der Würde des Menschen, der Gleichberechtigung von Mann und Frau, der gleichen Bildungschancen, der Wahrung der Intimsphäre, der staatlichen Hilfsprogramme, Arbeitslosengeld, Versicherungen, Krankenkassensysteme, Rechtsstaatlichkeit, Trennung von Kirche und Staat, Meinungsfreiheit, Redefreiheit, Gewissensfreiheit, Versammlungsfreiheit sind weithin - wenn auch oft nach langem Ringen und zum Teil gegen den Widerstand der Kirche als Institution - aus einem christlichen Menschenbild entstanden. Nicht allein die Hoffnung auf materiellen Wohlstand, sondern gerade dieser Werte wegen ziehen viele Flüchtlinge nach Europa.
Der Begriff der Würde des Menschen wurde schon vorchristlich bei Cicero reflektiert, dort aber noch in dem Sinne, dass der Mensch sich seine Würde durch gute Leistung oder durch ein hohes Amt verdienen kann. Zu Beginn der Neuzeit war es vor allem Pico della Mirandola, der den Menschen als nicht festgestellt und mit freiem Willen begabt betrachtet und ihn daher mit Würde ausgestattet sieht. Schließlich ist es Immanuel Kant, der den Würdebegriff im Unterschied zum Wert herausarbeitet und zeigt, dass der Mensch aus den Kategorien des Wertes und der Preise (Dinge haben einen Preis und es gibt Äquivalente dafür) herausfällt. Er soll nicht be-wertet oder ver-wertet werden. Seine Würde ist ihm inhärent und kann ihm daher auch von niemandem zuerkannt oder aberkannt werden. Jeder Mensch hat Würde, unabhängig von Alter, Rasse, Geschlecht, Krankheit.
Das Christentum speist seine Werte zum Teil aus dem Judentum (der Mensch als Ebenbild Gottes), zum Teil aus den Aussagen des Paulus, dass vor Gott alle Menschen gleich sind sowie aus griechischer Philosophie und der Aufklärung, die - wie eben Immanuel Kant - philosophisch argumentiert. Allerdings hatte Kant bestimmte Begriffe wie etwa jenen der Person zur Verfügung, die im Christentum gewachsen sind (ein Gott in drei Personen), aber so in Asien nicht vorkommen.
Gerade das Christentum (das zum Teil unterschieden werden muss von den Kirchen als Institutionen) neigt zur Säkularisierung, da der Glaube die Vernunft sucht. Christlicher Glaube will vernünftig argumentiert sein. Es ist eine Vernunftreligion, der göttliche Logos ist Mensch geworden. Der Dalai Lama sagte in einem als Buch veröffentlichten Interview, dass Ethik wichtiger sei als Religion, da gerade monotheistische Religionen wegen ihres Wahrheitsanspruches zur Gewalt neigen. Er hat damit wohl Recht, zitiert aber gleichzeitig immer wieder die Bergpredigt aus dem Neuen Testament mit ihrem Aufruf zur Nächstenliebe, Barmherzigkeit und sogar zur Feindesliebe. Aus dieser zentralen Botschaft des Christentums speisen sich auch die säkularen Werte.
Gelingendes Leben
Im Jahr 2040 könnte es sein, dass sich in westlichen Ländern unter anderem aufgrund der "Fortschritte" in der Fortpflanzungsmedizin und anderer Entwicklungen die Familienstrukturen noch weiter auflösen. Junge Menschen sind dann immer mehr auf sich selbst gestellt. Ethisch und spirituell gesehen müssen ihnen daher Kriterien für richtige Entscheidungen bereitgestellt werden. Spirituell gesehen bedarf es einer Schulung der Selbstwahrnehmung und der Interpretation der eigenen Seelenregungen. Ethik und Spiritualität greifen hier ineinander.
Richtige Entscheidungen soll man treffen, damit das Leben gelingt. Um eine Auseinandersetzung mit anderen Religionen wird man nicht herumkommen. Dazu ist es aber unabdingbar, sich mit den eigenen Wurzeln des Christentums auseinanderzusetzen, um dessen befreiende Botschaft zu verstehen.
Zusammenfassung eines Beitrages zu den "Internationalen Sommergesprächen" Weitra, die zurzeit dem Thema "Österreich 2040. Wird es unseren Kindern besser gehen?" gewidmet sind. Mehr unter: www.waldviertelakademie.atMatthias Beck ist außerordentlicher Universitätsprofessor für Moraltheologie mit Schwerpunkt Medizinethik an der Universität Wien. Autor zahlreicher Bücher und Artikel im Grenzgebiet zwischen Naturwissenschaft, Medizin und Philosophie/Theologie.
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