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Verstrahlt vom und fürs Vaterland

Von Alexander U. Mathé

Europaarchiv

Geheimbericht sorgt für Aufregung. | Zehn Millionen Euro für Entschädigung. | Paris/Wien. Verstrahlt, entstellt, krank, tot - oft ohne zu wissen, warum. Frankreichs Atomtests in der algerischen Sahara und in Polynesien haben vermutlich hunderttausende Opfer gefordert. Egal, ob unter der unwissenden Bevölkerung oder unter den kommandierten Soldaten der Forces Armées: Die insgesamt 210 Atomtests, die Frankreich offiziell durchgeführt hat, haben deutliche Spuren hinterlassen.


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Doch noch bis vor kurzem haben die Opfer darum kämpfen müssen, als solche anerkannt zu werden. Während die USA bereits im Jahr 1988 beschlossen haben, ihre "Nuklear-Veteranen" reibungslos zu entschädigen, kam ein entsprechendes Gesetz erst im Dezember aus Paris.

Zehn Millionen Euro stehen für die laut Verteidigungsminister Hervé Morin 150.000 in Frage kommenden Zivilisten und Soldaten als Entschädigung zur Verfügung. Doch dabei dürfte es wohl nicht bleiben. Denn der Druck auf die Regierung wächst und Morin selbst hat eingeräumt: "Wir können die Summe erhöhen, wenn es nötig ist."

Erst am Dienstag veröffentlichte die Zeitung "Le Parisien" die Ergebnisse eines Geheimberichts, demzufolge französische Soldaten im Jahr 1961 als Versuchskaninchen für Atomtests herangezogen wurden. Bekannt war die Affäre seit längerem. Schon Anfang 1998 berichtete der "Nouvel Observateur" die damaligen Ereignisse. Doch die Erinnerung an die damaligen Geschehnisse rüttelte die Gesellschaft erneut auf.

Gegen Ende des algerischen Unabhängigkeitskriegs startete die französische Armee die Operation "Gerboise verte" ("grüne Wüstenspringmaus"). Knapp 200 handverlesene Soldaten, die als verschwiegen und verlässlich galten, sollten die Rückeroberung einer Stellung unter atomar verseuchten Bedingungen simulieren. Die französische Armee erhoffte sich daraus Erkenntnisse über die physische und psychologische Auswirkung von Atomwaffen zu gewinnen.

Nichts ahnend und in Deutschland stationiert, wurden die künftigen Versuchskaninchen nach Algerien überstellt. Erst dort erfuhren sie, was auf sie zukam und dass ihr Einsatz "von grundlegender Wichtigkeit für die Zukunft der französischen Armee" sei. Unmittelbar nach der Zündung einer Atombombe wurden die Soldaten - unter Durchführung von Gefechtsübungen - bis zu 300 Meter an den Explosionsort herangeführt.

Als Ergebnisse des Berichts finden sich unter anderen: Einen Film über die Auswirkungen einer Atombombe vor dem Einsatz zu zeigen, ist für die Truppe schädlich; die Soldaten sollten über ihren Kontaminierungsgrad im Unklaren gelassen werden; oder aber auch: Der Kommandant sollte niemals die verseuchte Zone betreten.

Viele der Soldaten erkrankten später an Krebs und litten an anderen Verstrahlungsfolgen. Im Fall der "Gerboise verte" hatten sie aber Glück: Sie bekamen nur einen geringen Teil der eigentlich geplanten Strahlung ab. Die Bombe sollte ein Sprengkraft von 6 bis 18 Kilotonnen haben, kam aber nur auf eine. Glück, das drei saharauische Stämme nicht hatten. Sie wurden laut der Gesellschaft für Bedrohte Völker durch die Atomtests ausgelöscht.