Vertraut mit Mensch und Tier

Von Franz M. Wuketits

Wissen

Vor 500 Jahren kam der Schweizer Universalgelehrte Konrad Gesner zur Welt. Er leistete Pionierarbeiten in verschiedenen wissenschaftlichen Disziplinen, wobei vor allem seine Tierbeschreibungen hervorragen.


Konrad Gesner in einer zeitgenössischen Darstellung.
© Wikimedia Commons

<p>Den Beginn der Neuzeit und damit den Anfang eines fulminanten Aufschwungs der Naturwissenschaften markieren bedeutende und bekannte Persönlichkeiten wie Leonardo da Vinci, Nicolaus Copernicus, Paracelsus und Giordano Bruno.<p>Weniger bekannt, aber nicht minder bedeutend ist Konrad Gesner. Wie die anderen wegweisenden Naturforscher seines Jahrhunderts lieferte er Bausteine zum Fundament einer erweiterten Sicht der Welt, die noch länger auf nicht geringe Widerstände stoßen sollte. Denn es ging um eine grundlegende Erneuerung der von theologischen Axiomen beeinflussten Naturwissenschaften und um einen veränderten Blickwinkel in der Bestimmung des Menschen und seiner Stellung in der Welt.<p>Gesner war, ganz im Geiste der Renaissance, vielseitig gebildet. Er war Arzt, befasste sich aber auch mit alten Sprachen, mit Milch- und Käsewirtschaft sowie mit der Verbesserung des Weines und erlangte seine Bedeutung nicht zuletzt als Verfasser gewichtiger naturhistorischer Werke.<p>

Fleiß und Armut

<p>Konrad oder Conrad Gesner (auch Gessner) wurde am 26. März 1516 als Sohn eines armen Zürcher Kürschnermeisters in einer kinderreichen Familie geboren. Da sein Vater einem der zahlreichen (religiösen) Konflikte und Kriege zum Opfer fiel, kam er unter die Obhut eines Großonkels, der seine Talente früh erkannte, ihn aber zum Theologen bestimmte. Gesner begann zwar ein Theologiestudium, wandte sich jedoch bald der Medizin und Botanik zu. Nach einem kurzen Besuch in Paris, wo er sich unter anderem mit den Lehren antiker Ärzte befasste, kehrte er nach Zürich zurück und fand dort als Grundschullehrer mehr schlecht als recht sein Auskommen.<p>Als Einundzwanzigjähriger erhielt Gesner die Stelle eines Professors für griechische Sprache an der Akademie zu Lausanne. Er gab die Stelle allerdings nach drei Jahren auf und ging nach Montpellier zum Studium der Medizin. Seine Promotion in Medizin erfolgte in Basel, wonach er sich als Arzt und als Lehrer für Naturgeschichte in Zürich niederließ.<p>Während dieser ganzen Zeit blieben seine wirtschaftlichen Verhältnisse bedrückend, woran auch seine Ernennung zum Oberstadtarzt kaum etwas änderte. Gesner hatte bereits als Neunzehnjähriger eine Frau geheiratet, die keine Aussteuer in die Ehe mitbrachte. Seine Lebenssituation war insgesamt paradox. Aus Angst vor Verarmung und Hunger widmete er sich nach seiner Studienzeit mit größter Intensität seiner Arbeit, wurde jedoch schlecht dafür entlohnt. Buchdrucker und Buchhändler erwarteten von ihm ständig neue, umfangreiche Werke und behinderten ihn damit in seiner ärztlichen Tätigkeit, ohne ihm eine angemessene finanzielle Kompensation dafür zu bieten.<p>Gesners Ehe blieb kinderlos, aber er hatte seine alte Mutter sowie Neffen und Nichten zu versorgen, womit er an die Grenzen seiner Kräfte stieß. In einem Bittbrief an Heinrich Bullinger, den Vorsteher der Zürcher reformierten Kirche, charakterisierte er sich selbst "als von vielen Anstrengungen erschöpft, abgemergelt, entkräftet, halbblind und zuweilen kaum seiner selbst bewusst". Auf diesen Brief hin wurde er zum Chorherrn ernannt, aber sorgenfrei war er auch in den folgenden Jahren nicht.

In Gesners "Thierbuch" hatte das Einhorn noch einen Platz.
© National Library of Medicine/Wikimedia Commons

<p>Gesner starb am 13. Dezember 1565, noch keine fünfzig Jahre alt. Er wurde von der Pest hinweggerafft. Das war im 16. Jahrhundert zwar nicht ungewöhnlich, spiegelt in seinem Fall aber eine besondere Tragik wider. Als Arzt war er stets bemüht gewesen, gegen diese heimtückische Krankheit anzukämpfen. Gesners Gesundheit war aber offenbar bereits früh angegriffen. Schon in verhältnismäßig jungen Jahren bot er den Anblick eines Greises, und er wird als große, hagere und bleiche Gestalt beschrieben, deren Gesicht von Entbehrungen und Leiden gezeichnet war. Umso erstaunlicher ist das geradezu ungeheure Werk, das er in den wenigen Jahrzehnten seines Wirkens schuf.<p>

Die erste Bibliographie

<p>Schon der sechzehnjährige Gesner verfertigte eine Sammlung von griechischen Trauergedichten, und als Neunundzwanzigjähriger begründete er seine Bedeutung als Schriftsteller mit einem wahrhaft formidablen Werk. Es ist die "Bibliotheca universalis", ein Kompendium, das in alphabetischer Reihenfolge ein Verzeichnis aller - etwa 1800 - Schriftsteller seit der Antike mit Schriften in hebräischer, griechischer und lateinischer Sprache enthält, mit biographischen Angaben zu den Autoren und Kommentaren zu deren Werken. Wenige Jahre später ließ Gesner dem Autorenband eine umfangreiche Übersicht über das Wissen seiner Zeit folgen.<p>Mit der Bibliotheca universalis wurde Gesner zum Begründer der wissenschaftlichen Bibliographie. Abgesehen davon, dass es sich dabei um eine zeitlose, mit immensem Fleiß vollbrachte Leistung eines Einzelnen handelt, lässt sich die Bedeutung dieses Werkes nur vor dem Hintergrund seiner Zeit angemessen würdigen. Die Erfindung des Buchdrucks durch Johannes Gutenberg im Jahrhundert davor führte zu einer schnellen Produktion vieler Bücher. Das sich rasch ansammelnde Wissen ließ ein Übersichtswerk geradezu als dringend erscheinen.<p>Gesners Werk lieferte zugleich eine höchst willkommene Orientierung bei der Einrichtung und Erweiterung der großen zeitgenössischen Bibliotheken. Er hat überhaupt maßgeblich zur Bedeutung des Buches beigetragen und sich - vor allem mit seinen späteren naturhistorischen Werken - um die Buchkunst verdient gemacht. Höchst bemerkenswert sind auch die Sprachkenntnisse dieses "Leonardo da Vinci der Schweiz", wie er gelegentlich bezeichnet wurde. Neben seiner deutschen (schweizerischen) Muttersprache und den antiken Sprachen beherrschte er Französisch, Italienisch und Holländisch und befasste sich mit dem Englischen und dem Arabischen. Aus seiner Feder stammt auch ein etwa tausend Seiten umfassendes griechisch-lateinisches Wörterbuch.<p>

Das "Thierbuch"

<p>Verdient Gesner allein schon mit seinen bibliographischen und philologischen Arbeiten ein immerwährendes Andenken in der gelehrten Welt, so erbrachte er seine hauptsächlichen Leistungen doch als Naturhistoriker. Als "Vater der Zoologie" setzte er neue Maßstäbe in der Tierbeschreibung, die seit der Antike über das Werk des römischen Kompilators Plinius des Älteren nicht hinausgekommen war. Mit seiner "Historia animalium" legte Gesner das erste große zoologische Werk der Neuzeit vor, das über Jahrhunderte der beschreibenden Zoologie als Grundlage dienen sollte.<p>Die zwischen 1551 und 1560 erschienene Historia animalium ist ein höchst imposantes Opus von vier Foliobänden mit zusammen 4500 Seiten, reich illustriert mit etwa 1000 Holzschnitten. Ein fünfter Band erschien erst über zwanzig Jahre nach Gesners Tod. Das Werk wurde bald in deutscher Übersetzung als "Thierbuch" populär. Es ist eine umfassende Tierenzyklopädie, die in alphabetischer Reihenfolge (nach lateinischen Bezeichnungen) rund achthundert Tiere vorstellt und über deren Bau, Lebensweise, Fortbewegung, Verbreitung und Nützlichkeit informiert.<p>Diese Informationen fallen oft umfassend aus. So sind dem Pferd nicht weniger als hundertsechsundsiebzig, dem Schaf immerhin noch vierzig Folioseiten gewidmet. Sehr detailliert berichtet Gesner über den Lachs; er zeigt erstmals Abbildungen von Junglachsen und berichtet von ihrer Entwicklung zum erwachsenen Fisch. Gesner war kein bloßer Kompilator, sondern versuchte seinen Lesern das Leben der Tiere insgesamt sehr anschaulich und mit großer Leidenschaft nahezubringen. Viele der beschriebenen Tierarten waren ihm aus eigener Anschauung bekannt, bei der Beschreibung anderer Arten konnte er sich auf Mitteilungen seiner Korrespondenten in verschiedenen Ländern stützen.<p>

Einige Fabeltiere

<p>Obwohl ein kritischer Beobachter und Denker, glaubte Gesner, im Geist seiner Zeit gefangen, noch an die Existenz einiger Fabelwesen, zum Beispiel Seeschlangen und vor allem das Einhorn, das über viele Jahrhunderte unter allen Fabeltieren als besonders prominent herausragt. Wenn man sich in Gesners Jahrhundert zurückversetzt, dann kommt es auch nicht überraschend, dass dem Gelehrten "Walfische" als Ungeheuer erschienen, die ganze Schiffe verschlingen konnten. Der Bedeutung des "Thierbuchs" in seiner Zeit und für die Nachwelt tut das keinen Abbruch.<p>Gesners Interesse galt aber ebenso der Pflanzenwelt, die ihn nicht zuletzt im Zusammenhang mit seinen medizinischen Studien beschäftigte. Er plante eine umfassende "Historia plantarum", die zu vollenden ihm nicht mehr gegönnt war. Er hinterließ dazu allerdings eine nachgerade erschlagende Materialfülle, mit weit über tausend Zeichnungen, naturgetreuen Abbildungen unterschiedlicher Pflanzenformen und unzähligen Notizen. Das Werk konnte (unvollständig) erst 1753 erscheinen. Nicht unerwähnt sollte man lassen, dass Gesner im Zusammenhang mit seiner Beschäftigung mit den Gebirgspflanzen auch zu den frühen Alpinisten und Bergwanderern zählte.<p>Gesner öffnete seinen Zeitgenossen die Augen für die enorme Fülle an Lebensformen auf unserem Planeten, was heute nach wie vor einen wichtigen Bildungsauftrag darstellt.

Franz M. Wuketits, geboren 1955, lehrt Wissenschaftstheorie an der Universität Wien und ist Autor zahlreicher Bücher. Zum Thema des vorliegenden Beitrags: "Außenseiter in der Wissenschaft. Pioniere - Wegweiser - Reformer", Springer Verlag, 2015.