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Verzweiflung und Heiterkeit

Von Birgit Schwaner

Reflexionen

Undine Gruenter, die ihren posthumen Ruhm dem Roman "Sommergäste in Trouville" verdankte, würde heuer 60 Jahre alt. Ihr labyrinthisch angelegtes Gesamtwerk ist Ausdruck einer suggestiven schriftstellerischen Intensität.


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Fangen wir mit den Eckdaten an: geboren am 27. August 1952 in Köln, gestorben am 5. Oktober 2002, mit knapp fünfzig Jahren. Tochter einer Schriftstellerin und eines Germanisten, unehelich, verbrachte sie die ersten eineinhalb Jahre ihres Lebens im Waisenhaus. Oder wurde hineingesteckt, dorthin abgeschoben? Vielleicht hätte Undine Gruenter diese zweite Formulierung angemessener gefunden, wer weiß. Vielleicht hätte die unerbittlich Klarsichtige, lebte sie noch, aber inzwischen auch milder geurteilt - man kann es nicht wissen.

Gewiss ist (und keineswegs kühn behauptet, sondern lediglich d’accord mit dem Chor begeisterter Leser und Rezensenten): Wenigstens die letzten, posthum erschienenen Bücher dieser Autorin sind auf einem Niveau geschrieben, das gemeinhin als "Weltliteratur" bezeichnet wird - oder wurde, ehe die Werbemaschinerien "globaler" Verlagskonzerne auch dieses Etikett aufsaugten und seither noch ein wenig leerer (als es vorher war, wie alles Superlativische) auf die Klappentexte von Neuerscheinungen spucken. Altmodisch verstanden bedeutet "Weltliteratur" ja ein außergewöhnliches Werk - das im Fall Undine Gruenters durch Leichtigkeit und Präzision der Sprache, einen stupenden Wortschatz, Reflektiertheit, Intelligenz, scharfe Beobachtung, und als Akt einer überwachen Gratwanderung zwischen Verzweiflung und Heiterkeit berührt.

Verzweiflung und Heiterkeit: Beides ordnet sich hier, als augenblickliche Verfasstheit, ein in das Spektrum zweier anderer psychischer Zustände: Sehnsucht und Leidenschaft, die noch an einem weiteren haften: Einsamkeit. Fünf Begriffe, die den Weg zu einem fast grenzenlosen Versuchsfeld auf mehreren Ebenen weisen, auf dem Undine Gruenter ihre Figuren aussetzt und das sich als Labyrinth entpuppt.

Schauplatz Paris

Ein Labyrinth namens Paris, mit Treppen, hinauf in Dachbodenkammern mit papierüberhäuften Sesseln, in lichtdurchflutete Bildhauerateliers, in Wohnungen, aus deren Fenstern man über Zinkdächer hinweg gegen den Himmel blickt oder in dunkle Lichtschächte, in denen Tauben flattern, jeder Flügelschlag nachhallend, wie die Stimmen der Nachbarn; mit Treppen hinab in den Untergrund, in die Metro oder weitläufige Kelleranlagen. Und zwischen weit oben und weit unten die Straßen und kleinen Gassen, die Zufluchtsorte der Metropole wie Parks, Geschäfte, Cafés und Bars, die schon einmal "Bar au Rêve" heißen können, wie in der Erzählung "Nachtblind". Und wie im realen Paris, wo Undine Gruenter seit 1982 mit ihrem Mann, dem Literaturwissenschafter Karlheinz Bohrer bis zu ihrem frühen Tod lebte:

"31. Oktober, und die Bäume an der Montmartretreppe (. . .) sind so frisch wie im September, die Sonne von Sacré-C"ur wärmte plötzlich wie an manchen Wintertagen, und der Gang die Rue Caulaincourt hinauf war wie ein langes Aus- und Einatmen von Luft, Wolken, dem Rinnsal der Rinnsteinbäche, dem Herbstflimmern in den braunen Kastanien vor der Bar au Rêve, von Freiheit, und das Ausatmen war das eines langen Alptraums, aus dem man plötzlich erwacht und die Dinge entdeckt, die man vor Jahren verlassen hat. "

Diese Passage aus dem 1995 veröffentlichten Journal "Der Autor als Souffleur" mag auch ein Beispiel für die Meisterschaft sein, mit der Undine Gruenter Atmosphäre, Augenblick und Stimmungen zu skizzieren versteht. Die Figuren in ihren Romanen und Erzählungen sind nicht selten von Stimmungen, mit Sinn aufgeladenen Augenblicken gefangen genommen - wenn überhaupt (und ausgenommen Zustände der Müdigkeit und Depression) kommt dann ihre, sie antreibende Sehnsucht und ihr Begehren, in Momenten traumwacher Hellsichtigkeit zur Ruhe, in denen Intellekt und Empfinden, Innen- und Außenwelt deckungsgleich scheinen. Momente, die Musils "Mann ohne Eigenschaften" als "anderen Zustand" bezeichnet hätte; die aber im Gruenter’schen Werk auf Nähe zu den französischen Surrealisten hindeuten. Etwa auf André Bretons Buch "Nadja", dem literarischen Dokument der Begegnung Bretons mit einer verwirrten, jungen Frau, die er als Offenbarung begreift, welche eine Wahrnehmungsveränderung in Gang setzt, als deren Folge jedes zufällige Ereignis als bedeutendes Zeichen erscheint, sodass die Reihe der Zufälle zur sinnvollen Struktur werden (generiert durch im Unbewusstsein angelegte Wünsche).

Salopp gesagt: Die Kunst hat sich, beim Flanieren durch Paris, aus Wahrnehmungen ein, naturgemäß heikles, Netz gesponnen und dem Leben übergeworfen. Ob der erfolglose Autor Blok, der Jahrzehnte an einem Stück schreibt und mit Fernanda, Fanny und Franziska im Roman "Vertreibung aus dem Labyrinth" eine ménage à quatre pflegt oder der Unbekannte, der sich in der Erzählung "Fontaine de Médicis" aufgrund von Erzählungen und einer alten Fotografie in die Geliebte seines Freundes Jean verliebt - das Netz, das Gruenters Figuren in ihrer Wirklichkeit hält, ist in der Regel so fein gesponnen und brüchig, dass ein winziger Zufall, eine kleine, überraschende Beobachtung, die nicht ins Bild passt, alles, wo nicht zum Reißen so doch in heftiges Schwanken bringen könnte.

Ob die rothaarige Portugiesin, die man in "Versteck des Minotaurus" immer mit einem Buch in der Hand (als Schutzschild?) sieht, oder das Mädchen, das zu Beginn des grandiosen (zurecht mit dem jungen Proust verglichenen) Erzählbandes "Sommergäste in Trouville" im Salon der Tante, auf dem Kanapee, allegorische Figuren einübt, als gehöre sie in eine Zeichnung von Balthus - das Gruenter’sche Universum ist bevölkert von Personen, die versuchen, das Leben, wie Nietzsche sagen würde, "unter ästhetischer Optik" zu betrachten, und wahrscheinlich auch zu ertragen. Das Leben und die Liebe vielleicht, die Undine Gruenter oft "das Unmögliche" nannte und für die es ein Rezept gab: das Schreiben.

Kalkulierte Trance

Dieses, natürlich, ein Wechselbad. Notizen zur "Tortur der Wörter" stehen im Journal andere gegenüber wie: "Dass Schreiben eine Kette von Erleuchtungen sei, die erst im nachhinein als (kalkulierte) Trance miteinander verbunden erscheint."

Die Freude also, dass sich letztlich alles fügt? Wohl bei dieser Autorin nicht ohne Zweifel denkbar. So liest man auch: "Nur der Naive kennt Augenblicke der Ruhe, weil er nicht weiß, was geschieht." Und wo andere, wenn möglich gemeinsam, zur Ruhe kommen wollen, wie der fünfundfünfzigjährige intellektuelle Journalist Soudain (auf Deutsch "plötzlich"), in "Der verschlossene Garten", der für seine rund dreißig Jahre jüngere Frau Equilibre (auf Deutsch: "Balance") einen Garten anlegt, in dem sie wie ein lebendes Bild den ihren angemessenen Rahmen finden möge (den sie aber möglichst nicht mitzugestalten hat) . . . schlagen sie mit Sicherheit einen Weg ein, an dessen Ende wieder die Einsamkeit wartet.

Wobei Soudain, dessen Geschichte Undine Gruenter noch bis zwei Monate vor ihrem Tod - sie starb an Lateralsklerose, einer unheilbaren Krankheit, die zuletzt die Muskeln lähmt - ihrem Mann Karlheinz Bohrer diktierte, mit seiner konkreten Gartenanlage fast eine Ausnahme ist. Für viele der Protagonisten und Protagonistinnen der (übrigens reich wie der Alltag bevölkerten, Tiere, Kinder und Alte, Conciergen, Pensionisten und Prostituierte enthaltenden) Gruenter’schen Literatur bleibt es bei der Vorstellung dessen, was sie sich wünschen, oder: der ästhetischen Schau, die die Autorin, da der Anker des Begehrens im schon Erfahrenen liegt, im Vergangenen begründet:

"Die meisten meiner Figuren leben nicht, sondern erinnern sich. Das heißt, die Geschichte spielt nicht in einer Gegenwart (aus der sich etwas wie Zukunft entwickelt), sondern in einer gebrochenen Zeit: Die Gegenwart der Figur ist eine statische Situation, aus der heraus sie sich erinnert. Aber sie erinnert sich nicht kontinuierlich-kausal, sondern tappt blind + zugleich detektivisch sicher umher im Vergangenen wie ein Somnambuler in der Nacht." Hieraus, aus diesen "Bruchstücken" heißt es weiter, entstehe ihr "Kaleidoskop der Geschichte", entsprechend ihrer "Theorie, dass Erfahrung nur als Bruchstück im Vergessen zu finden" sei.

Anfügen ließe sich, dass dies die "aufgeladenen Augenblicke" erklärt, die Intensität und Suggestivkraft, mit der Undine Gruenter sogar eine kleine Teeküche beschreiben kann, oder das Durcheinander auf einem Tisch nach einem mehrgängigen Menü mit Meeresfrüchten, an dem wenige Minuten vorher noch die geladenen Gäste mit einem letzten Glas Wein saßen. Diese zugefallenen "Offenbarungsmomente", für die man auch das Wort "Epiphanien" verwenden kann: Erscheinungen. "Epiphanien, abgeblendet" heißt ein weiteres ihrer Bücher, 56 Prosaminiaturen, von denen jede für sich ein poetisches, offenes Kunstwerk darstellt, miteinander verbunden oft durch das Satzfragment "aber die Liebe". Stets eine andere Konstellation zwischen Mann und Frau, Szenen mit ungewissem Ausgang - vielleicht freiem oder gar keinem.

Unentschiedenheit

"Stillstand" und "Freiheit" lauten zwei Begriffe, denen man beim Lesen von Undine Gruenters Journal immer wieder begegnet. Es gibt eine Anmerkung, die Freiheit als "eine Kette von Schritten in einer eingeschränkten Situation" definiert - an den Beziehungsflaneur Blok denkend, fällt einem als Leser spontan ein, dass der Versuch, frei zu bleiben, bedingt, dass man sich nicht eindeutig entscheidet. (Hier zeigt sich eine Verwandtschaft zu den Figuren Tschechows, den sie hoch schätzte.) Und dies ist auch noch immer ein Thema derer, die im 21. Jahrhundert leben.

Vielleicht sollte man zuletzt ihre "Sommergäste in Trouville" lesen, ihr heiterstes Buch, bei dem sich überm Meer der Horizont lichtet . . . und an Soudain aus dem "Verschlossenen Garten" denken, der sagt: "Alles wird bleiben, wie es abgebrochen wurde, in diesem unvollkommenen Zustand, und ich begreife, dass dies das Schlimmste ist und dass ich wie die meisten Menschen nur an ein vollkommenes, das heißt abgeschlossenes Leben dachte, wenn ich an den Tod dachte." Klare Sicht. Bis zuletzt.

Birgit Schwaner, geboren 1960, lebt als Schriftstellerin, Sachbuchautorin und Journalistin in Wien. Zurzeit ist sie Stipendiatin der Stipendiatenstätte "Künstlerhof Schreyahn" in Niedersachsen (Deutschland).