Zum Hauptinhalt springen

"Viele Bausteine verstellen den Weg"

Von Eva Stanzl

Wissen

Forscherinnen erleiden Knick in der Mitte ihrer Laufbahn. | Jedoch steigt die Zahl der Frauen in der Wissenschaft. | Wien. Seitdem die Bundes-Gleichbehandlungskommission in der Vorwoche Diskriminierung von Margarethe Hochleitner bei der Rektorswahl an der Medizin-Uni Innsbruck festgestellt hat, ist der geringe Anteil von Frauen in universitären Spitzenpositionen wieder ins Blickfeld gerückt. An der Spitze der österreichischen Universitäten gibt es derzeit keine einzige Rektorin. Der Professorinnenanteil an den Unis liegt bei 17 Prozent.


Hinweis: Der Inhalt dieser Seite wurde vor 16 Jahren in der Wiener Zeitung veröffentlicht. Hier geht's zu unseren neuen Inhalten.

Dennoch wächst - langsam, aber doch - der Prozentsatz der Frauen in der Forschung. "Von 1998 bis 2007 ist die Zahl der Frauen insgesamt, die in allen Ebenen der Forschung arbeiten, von 14 auf 20,5 Prozent gestiegen - eine höhere Wachstumsrate als bei Männern", betont Inge Schrattenecker von Femtech, einem Programm des Infrastruktur-Ministeriums zur Förderung von Chancengleichheit in Forschung und Technologie, gegenüber der "Wiener Zeitung". Nach Sektoren aufgeschlüsselt lag der Anteil der Forscherinnen an Hochschulen 2007 bei 32,5 Prozent, im öffentlichen Dienst bei 35 und im Unternehmenssektor bei 13,3 Prozent.

Industrie-Nachfragerichtet sich an Männer

Bei den Uni-Absolventen liegen Frauen noch knapp vor den Männern, beim Doktoratsstudium dreht sich das Verhältnis schon um. In den Naturwissenschaften und in technischen Studien wird etwa ein Drittel der Abschlüsse von Frauen getätigt. Problematisch sind dagegen genau jene Fächer, die von der Industrie am meisten nachgefragt werden - etwa Mechatronik, Elektrotechnik oder Maschinenbau. Diese Studienrichtungen würden nur zu zehn Prozent von Frauen inskribiert. Hingegen seien zwei Drittel der Forscher in Biotech und Pharma weiblich.

"Es hat viel mit Berufsbildern zu tun: Vor 20 Jahren hatten Frauen wenig Vorstellung davon, was es heißt, in den Bergbau zu gehen - heute ist das Rollenbild für hochtechnische Studien zu wenig präzise", sagt Schrattenecker.

Doch selbst wer sich über diese Hürde hinwegsetzt, steigt noch lange nicht bis zu Spitze auf. Etwa arbeiten in der außeruniversitären Forschung nur zwei Prozent aller Wissenschafterinnen in Führungspositionen, gegenüber acht Prozent der männlichen Wissenschafter. Ausgeprägt ist der

Karriereknick in der Mitte der Forscherinnenlaufbahn: Ab 26 Jahren sinke der Frauenanteil von 34,4 auf 20,9 Prozent, heißt es im Femtech Gender Booklet (2008).

Claudia-Elisabeth Wulz vom Institut für Hochenergiephysik der Österreichischen Akademie (ÖAW) bestätigt diesen Trend. Die Physikerin leitet die Österreich-Gruppe beim Teilchenbeschleuniger Cern in Genf. "Zwar steigt die Zahl der Nachwuchsforscherinnen - bei unseren Nachwuchsveranstaltung sind 30 Prozent den Interessierten Frauen. Aber der Frauen-Anteil sinkt ab 30 Jahren von 19 auf 14 Prozent", sagt Wulz. Insgesamt seien 16 Prozent der Cern-Mitarbeiter Wissenschafterinnen.

Kritische Masse hievt Frauen ganz nach oben

"Frauen steigen nicht in derselben Art und Weise auf wie Männer. Das beginnt früh auf der Karriereleiter", sagt Schrattenecker. Und es liege bei weitem nicht nur an Schwierigkeiten bei der Vereinbarkeit von Familie und Beruf: "Besonders zwischen 35 und 40 Jahren sinkt der Frauenanteil in Führungspositionen. Aber genau in dieser Altersgruppe schrumpft der Anteil der Mütter." Also steigen auch jene, die keine Kinder haben, nicht auf.

"Viele Bausteine verstellen den Weg nach oben", so die Expertin. Um zu fördern, bedarf es einer kritischen Masse: Je weniger Frauen in Spitzenjobs, desto weniger Frauen können einander nach oben hieven.

Auch an der Medizinuni Wien gibt es die viel zitierte Gläserne Decke. "Im Mittelbau haben wir ein ausgewogenes Verhältnis von 50:50. Aber von 126 Professoren sind nur 17 Frauen", sagt Sprecherin Nina Hoppe. Immerhin: 2004 waren es nur neun von damals 119 Professuren weiblich besetzt. In den vergangenen zwei Jahren sei ein Drittel der Neubesetzungen an Frauen ergangen.

Doch pikant: Obwohl die Meduni offenbar bemüht ist, die Zahl ihrer Professorinnen zu erhöhen, kommt die Ungleichheit durch die Hintertür beim Nachwuchs wieder herein. Bei den

Eignungstests für das Medizinstudium schneiden weibliche Teilnehmer vor allem in Österreich schlechter ab als männliche. "Der Test zielt stark auf das räumliche Vorstellungsvermögen ab, das bei Frauen anders ausgeprägt ist als bei

Männern", sagt Hoppe. Die Medizinuni untersuche

derzeit in einem Forschungsprojekt, warum genau die Burschen besser

abschneiden.