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Viele Kontakte in der Pseudoheimat

Von Haimo L. Handl

Gastkommentare

Mehr Leute als je zuvor pflegen untereinander Kontakt. Elektronische Kommunikation macht es möglich. Man kennt viele, die Qualität einer Persönlichkeit misst sich an der Zahl ihrer Kontakte. Es gilt der Netzwerkfaktor. Es gilt die Quantität. Trotzdem mangelt dem Sozialwesen Wesentliches. Psychische Krankheiten nehmen zu. Eine eigentümliche Orientierungslosigkeit belastet gerade Angehörige der Wohlstandsgesellschaften. Der permanente Austausch scheint zwar süchtig zu machen, aber nicht wirklich zu befriedigen. Eine Art Pseudoprofessionalisierung gestaltet die Selbstdarstellung zum harten Marketingkampf. Das Verstehen von Privatheit und Öffentlichkeit hat sich auf ungesunde Weise verändert.


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Ist das Feld des Sozialen "professionalisiert" und mehrheitlich virtuell, mangelt es rasch an dem, was echte Bindungen erwirken können. Professionalisierung richtet sich nach ökonomischen Werten. Plötzlich werden Zeitbudgets, Zwecke und Nutzen berechenbare Posten. Fordern, als Sachzwänge, als neue Logik erfolgreichen Selbstmanagements, ein besonders strategisches und taktisches Verhalten.

Wie aber speist jemand, der sich als Arbeitender, als Professioneller, derart verausgabt, seine direkte, nahe Umgebung, jenen Bereich, in dem Bindung gilt, die sich real, konkret bewährt? Die Virtualität kann das Eigentliche nicht ersetzen. Mag der Ausgebrannte, Abgestumpfte, Dumme es auch nicht merken, er schwächt und kränkt sich. Das verschafft einer ganzen Armada von Therapeuten Aufträge, macht ihn aber nicht glücklicher, stärker, lebensfroher. Er ist wie ein Süchtiger, der die Dosis erhöhen muss, seinem Ziel immer verbissener und verzweifelter nachrennt und nach effektiver Behandlung ruft. Das schafft neue Abhängigkeiten.

Die Welt sei grenzenlos, heißt es, es gebe keine Fremde, wir seien alle eins. Der übersteigerte Gleichheitsappell fordert seine Opfer. Der Irrweg dumm verwegener Apostel und ihrer Jünger, der Schafe in der Herde, führt zu einer perversen Leere, die virtuell nicht konvertiert, nicht aufgefüllt werden kann. Alte Rezepturen bieten sich vielen wieder an: Religionen und Parteien mit einem Extremprogramm, sektiererische Gruppen, die echte Gemeinschaft versprechen. Heimat.

Aber es sind für eine offene Gesellschaft untaugliche, gefährliche Ersatzeinrichtungen und Dienste. Sie sind der Emanzipation abträglich oder zumindest hinderlich.

Trotz besserer Voraussetzungen als früher, bester technischer Einrichtungen und weltweiter, grenzenloser Kommunikationsmöglichkeiten klagen wir über sinkendes Bildungsniveau und wachsende Asozialität.

Fehlt der funktionierende Staat? Nicht nur. Es fehlen Gemeinschaften und Bindungen, die Heimat ermöglichen und verbürgen. Es fehlt jenes Zuhause, das einen froh werden lässt, auch wenn die Arbeit mühsam ist. Das einen sich selbst werden lässt, ohne die anderen deshalb zu ignorieren oder abzuwerten. Weil, einer sozialen Vernunft folgend, die Richtigkeit des Austauschs nicht nur theoretisch gewusst, sondern praktisch geübt wird. Aber nicht nur virtuell.

Haimo L. Handl ist Politik- und Kommunikationswissenschafter.