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Viele Parasitenarten - viele Sprachen

Von Frank Ufen

Wissen

Warum es in den Tropen die größte Sprachenvielfalt gibt. | Berlin. Niemand weiß genau, wie viele Tier- und Pflanzenarten es derzeit auf der Erde gibt. Die Schätzungen reichen von 10 bis zu 30 Millionen. Sicher ist nur: Je näher man dem Äquator kommt, desto mehr nimmt die Artenvielfalt zu - weitaus die meisten Arten gibt es in den Regenwäldern der Tropen und Subtropen.


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Niemand weiß genau, wie viele verschiedene Sprachen heute auf der Welt gesprochen werden. Häufig werden Zahlen zwischen 6000 und 7000 genannt. Sicher ist nur, dass die Vielfalt der Sprachen desto mehr steigt, je mehr man sich aufdie Regionen am Äquator zubewegt - weitaus die meisten Sprachen sind in den tropischen und subtropischen Regenwäldern zu finden.

Bisher war rätselhaft, warum es vom Breitengrad abhängen soll, ob in einerRegion ein babylonisches Sprachengewirr entsteht oder nicht. Doch jetzt gibt es dafür eine schlüssige Erklärung. Sie stammt von den amerikanischen Evolutionsbiologen Corey Fincher und Randy Thornhill(University of New Mexico in Albuquerque). Sie berichten über ihre Forschungsergebnisse in der jüngsten Ausgabe des Fachjournals "Oikos".

Laut Fincher und Thornhill werden in jenen Gebieten die meisten Sprachen gesprochen, wo das Risiko am höchsten ist, von Parasiten befallen zu werden und sich lebensbedrohliche Infektionskrankheiten zuzuziehen. Gefahr ist in den Regenwäldern der Tropen und Subtropen tatsächlich am größten, wo unzählige Parasitenarten ihr Unwesen treiben.

In dieser Situation tun Menschen verschiedener Ethnien gut daran, einander aus dem Weg zu gehen. Denn bei jedem Kontakt mit Angehörigen anderer Kulturen riskiert man, sich mit Krankheitserregern anzustecken, an die das eigene Immunsystemnicht angepasst ist. Dies führt dazu, dass sich eine Vielzahl winziger Gemeinschaften herausbildet, von denen sich jede eine eigene Sprache und Kultur zulegt.

Äußerst enge Korrelation

Um ihre Theorie empirisch zu überprüfen, haben Fincher und Thornhill Daten aus allen Kontinenten über die Verteilung von Parasitenarten und indigenen Sprachen gesammelt. Dabei zeigte sich in sämtlichen Fällen eine äußerst enge Korrelation zwischen diesen beiden Größen. An diesem Zusammenhang ändert sich selbst dann im Wesentlichen nichts, wenn man soziokulturelle und sozioökonomische Faktoren und die Auswirkungen des Kolonialismus berücksichtigt, versichern die Forscher.

Einige Anzeichen deuten allerdings darauf hin, dass auch klimatische und ökologische Faktoren eine wichtige Rolle spielen. So weist der Anthropologe Daniel Nettle darauf hin, dass es weitreichende Folgen hat, ob die für eine Region typischen Wachstumsperioden kurz oder lang sind. Sind sie lang, sind meist genug Ressourcen vorhanden, um selbst Gruppen geringster Größe eine autarke Lebensweise zu ermöglichen. Sind sie aber kurz, können Gruppen kaum umhin, Tauschbeziehungen miteinander einzugehen, um Hungersnöte abzuwenden.