Zum Hauptinhalt springen

Vier Fenster zur Realität

Von Gerald Schmickl

Reflexionen

Hinweis: Der Inhalt dieser Seite wurde vor 12 Jahren in der Wiener Zeitung veröffentlicht. Hier geht's zu unseren neuen Inhalten.

"Niemand ist so gewitzt, sich ständig zu irren", ist der amerikanische Bewusstseinsforscher Ken Wilber überzeugt. Aus dieser Grundeinsicht hat der 1947 geborene und in Boulder, Colorado, lebende Denker über mehr als drei Jahrzehnte hinweg seine umfassende und radikal ganzheitliche Welt- und Kosmossicht destilliert und in rund zwanzig Büchern niedergeschrieben (u.a. "Halbzeit der Evolution", "Eros, Kosmos, Logos"), die in über 30 Sprachen übersetzt wurden.

Damit ist Wilber der meistübersetzte akademische Autor der USA, auch wenn sich der akademische Betrieb mit diesem unorthodoxen, spirituell grundierten Privatgelehrten, der so unterschiedliche philosophische Ansätze wie etwa jene von Jürgen Habermas und Sri Aurobindo zusammenführt, immens schwer tut. Wie übrigens auch die New Age-Bewegung, der Wilber öfters fälschlich zugerechnet wird, die er aber in ihren einseitigen, prä-rationalen Grundzügen fundamental kritisiert. Wilber ist ein trans-rationaler Denker, der mittels vernunftgeleiteter, wissenschaftlicher Methoden über die Rationalität hinausgeht, bis in jene Bereiche, die traditioneller Weise Mystikern und Religionen vorbehalten sind.

Globale Gesamtschau

Sein komplexes, von Interpreten in mehrere Phasen unterteiltes Werk ist Grundlage der sogenannten Integralen Theorie, die in ihrer vielfältigen, nahezu alle Bereiche menschlichen Wissens umfassenden Gesamtschau in den letzten Jahren weltweit rasante Verbreitung fand - und mittlerweile weit über ihren Begründer hinausgeht. Zur gesellschaftlichen Umsetzung und Weiterführung der Integralen Vision hat Wilber in Boulder das Integral Institute (I-I) gegründet, in welchem mit Wissenschaftern, Politikern und allerlei "open-minded people" neben der Theorie auch ein Leitfaden für eine integrale Praxis erarbeitet wurde. Auch in Europa haben sich viele integrale Initiativen gebildet, großteils organisiert in lokalen Arbeitskreisen, sogenannten "Integralen Salons", wie es sie seit einigen Jahren auch in Wien und Graz gibt.

Dem Thema "Integral Leben" ist am 16. und 17. September ein Kongress in Wien gewidmet, bei welchem unter dem Titel "Krise - na und?" in diversen Workshops und Arbeitskreisen der Frage nachgegangen wird, was "integral leben" im 21. Jahrhundert bedeutet - und welche Methoden und Modelle innovative Wege aus sowohl persönlichen als auch gesellschaftlichen Krisen weisen. (Weitere Hinweise siehe Kasten.)

Was bedeutet nun "integral leben" tatsächlich? In dem Hand- und Übungsbuch "Integrale Lebenspraxis", das von Ken Wilber und anderen Autoren herausgegeben wurde, stehen im Untertitel zwar etwas plakative Schlagworte, die das breitgefächerte Anwendungsgebiet aber doch anschaulich erläutern: "Körperliche Gesundheit, emotionale Balance, geistige Klarheit, spirituelles Erwachen". Es geht darum, in möglichst vielen Lebensbereichen aktiv zu sein und zu praktizieren, um sich weiter zu entwickeln. Sport alleine genügt dabei genauso wenig wie das Ausüben von Meditation oder Yoga; Lesen und Schreiben als klassische intellektuelle Weltzugänge sind ebenfalls nur Elemente, genauso wie das Erkunden der eigenen Psyche oder des sozialen Status.

Die Integrale Lebenspraxis (ILP) geht von vier "Kernmodulen" aus, die sich auf die vier primären Dimensionen individuellen Seins beziehen: auf Körper, Verstand, Geist und Schatten. Geist beinhaltet hierbei seelische Aspekte ebenso wie spirituelle Dimensionen; Schatten bezeichnet die "dunkle Seite" der Psyche, also alle abgespaltenen, verleugneten oder - in der Terminologie der Psychoanalyse - verdrängten Anteile. Für jedes dieser Kernmodule gibt es - aus den unterschiedlichsten Traditionen, Schulen und Lehren stammende - Übungen, die in der ILP miteinander kombiniert werden. Dabei sind es oft nur kurze Sequenzen, die auch für chronisch Zeitgeplagte geeignet sind, es gibt sogar "1-Minuten-Module" (wie z.B. ein hochintensives Intervall-Aerobic-Training als Körpermodul). Wichtig ist, dass überhaupt etwas getan wird - und zwar auf allen Ebenen, sprich in allen vier Dimensionen.

In herkömmlichen Schulen - aus West wie Ost - wird meistens, so befinden Wilber und Co, zu einseitig praktiziert: "Traditionelle spirituelle Wege legen meist nur auf zwei oder drei dieser Module Gewicht - fast keiner bezieht das Schattenmodul mit ein. Moderne und postmoderne Wege der Selbstentfaltung beziehen oft die Schattenarbeit mit ein, werfen aber oft das Verstandmodul über Bord, und im GEISTmodul fehlt ihnen häufig die Tiefe und Strenge der meditativen Traditionen."

Die Mehrdimensionalität des Lebens, die hier praktisch erfahren und "ertüchtigt" werden soll, ist in der Integralen Theorie mittels einer Landkarte erfasst, einer "Art Technologie, welche die Realität kartografiert und (. . .) zeigt, wie alles zusammenpasst und Sinn macht". Diese Landkarte nennt sich "AQAL" (ausgesprochen "Ah-quol") - eine Abkürzung für "Alle Quadranten, alle Ebenen" ("All Lines" im Englischen), und ist eine Metatheorie, die viele andere Theorien und Sichtweisen enthält, indem sie Erkenntnisse aus Philosophie, moderner Wissenschaft, Entwicklungspsychologie, mystischen Traditionen und anderen Disziplinen zu einer Zusammenschau führt.

Die vier Quadranten

Kernstück - und Ken Wilbers früheste erkenntnistheoretische Pioniertat - ist das Quadranten-Modell, das die vier Dimensionen des In-der-Welt-Seins auf einfache und anschauliche Weise abbildet: das individuelle Innere (Gedanken, Gefühle, Absichten - Quadrant oben links); das kollektive Innere (Beziehungen, Kultur und die daraus erwachsenden gemeinsamen Bedeutungen und Werte - unten links); das individuelle Äußere (physischer Körper und individuelles Verhalten - oben rechts); und das kollektive Äußere (soziale Strukturen und Systeme - unten rechts). Die diesen Aspekten entsprechenden Perspektiven werden auch ausgedrückt in den Personalpronomen Ich, Wir, Es und Sie (siehe Abbildung).

Mit diesen beiden einfachen Unterscheidungen - innen/außen und individuell/kollektiv - wird ein großer, mehrdimensionaler Raum eröffnet. Und damit wird auch schnell erkennbar und ersichtlich, wie viele Disziplinen eindimensional agieren, weil sie im Wesentlichen nur einen Qua-dranten berücksichtigen: Die moderne Naturwissenschaft hält sich etwa fast ausschließlich im oberen rechten Quadranten auf, indem sie die äußere Beschaffenheit individuellen Seins erforscht, dabei aber innere Vorgänge wie etwa Bewusstsein vernachlässigt.

Meditationstechniken sind wiederum allzu einseitig oben links beheimatet, also im individuellen Inneren, ohne sich über die (Aus-)Wirkungen in den drei anderen Dimensionen zu kümmern. So haben fast alle Richtungen und Fachbereiche ihre blinden Flecken bzw. Quadranten - und versuchen die Welt (und darüber Hinausgehendes) aus einer einzigen Sichtweise zu erklären (wofür Ken Wilber den Begriff "Flachland-Perspektive" eingeführt hat).

Daher gilt es - und damit ist auch wieder der Anschluss zur (Integralen) Praxis hergestellt -, Entwicklung in allen vier Qua-dranten möglichst gleichzeitig und ausgeglichen in Einklang zu bringen. Es handelt sich dabei um keine ganz einfache Balance-Übung. Kompliziert wird die Sache auch dadurch, dass neben den Quadranten, dem ersten Teil von AQAL, in diesem Bezugsrahmen ja auch noch "All Lines" berücksichtigt werden sollen, nämlich Ebenen, Linien, Zustände und Typen, womit spezifische individuelle wie kollektive Entwicklungsstufen gemeint sind, deren Präzisierung in diesem Zusammenhang zu weit führen würde.

Wie generell die Ausformulierung diverser integraler Theoriebestandteile in Büchern, Zeitschriften und immer mehr Internet-Foren viele tausende Seiten - und viel Speicherplatz - beansprucht, womit einer der Hauptansprüche der "Integralen", nämlich eine Theorie und Praxis nicht nur VON ALLEM zu haben, sondern auch FÜR ALLE zu sein, empfindlich konterkariert wird. Es ist für viele einfach zu schwierig und komplex geworden.

Daher hat sich in der integralen Community, vor allem rund um den originellen amerikanischen Rabbi Marc Gafni, eine Bewegung gebildet, die für eine sogenannte "Second Simplicity" plädiert, eine Einfachheit zweiter Ordnung, welche die Komplexität zwar nicht ignoriert, dafür aber besser integriert, um das AQAL-Modell für Laien verständlich aufzubereiten und nutzbar zu machen. Der holländische Wilber-Experte Frank Visser rät dazu, die Quadranten vor den Ebenen einzuführen - denn diese seien wesentlich einfacher und konfliktfreier zu erklären als jene. Ein anderer integraler Didaktiker hat wiederum gute Erfahrungen damit gemacht, die Quadranten als "Fenster zur Realität" einzuführen (und für geistige Frischluftzufuhr zu öffnen).

Überzogener Anspruch

Wie viele Bewegungen hat freilich auch die integrale einen Hang zur Hybris und zur Lächerlichkeit. Für die Hybris steht teilweise die Ambition von Ken Wilber, eine Art (post-)modernder Hegel zu sein, der - noch einmal - eine "Theorie von allem" entwirft, also eine Phänomenologie eines absoluten Geistes, der sich im Bewusstsein, im Kosmos und in der menschlichen Entwicklung auf jeder Ebene und in jeder Dimension darstellt. Das ist vielleicht doch ein bisschen (zu) viel auf einmal. Aus diesem absolutistischen Anspruch erklärt sich auch manche akademische Skepsis und Berührungsangst mit dem zumindest äußerlich einem Guru nicht unähnlichen Großdenker (der für sich freilich mehr die Rolle eines "Pandit", also eines Schriftgelehrten, beansprucht).

Für die Lächerlichkeit stehen einzelne Inserate, die in einschlägigen Publikationen auftauchen und wo etwa für ein "integrales Bootcamp" geworben wird. Damit geht die ganze Bewegung baden, wenn der an sich griffige und präzise Begriff des Integralen einmal für solch seichte Unternehmungen herhalten muss.

Aber davon abgesehen, hat man mit dem integralen Instrumentarium, wenn man sich darauf einstimmt, jedenfalls ein hübsches Orchester gewonnen, das polyphone Weltmusik in verführerisch reichhaltiger Melodik und Rhythmik spielt. Auch ohne Dirigenten.

Kongress

"Integral Leben 2011: Krise - na und?", 16. & 17. September im Shambhala, Josefstädterstraße 5, 1070 Wien. Nähere Informationen dazu unter: www.if-wiener-kreis.com

Literatur

Ken Wilber, Terry Patten, Adam Leonard, Marco Morelli: Integrale Lebenspraxis. Ein Übungsbuch. Aus dem Amerikanischen von Karin Petersen. Kösel Verlag, München 2010, 462 Seiten, 30,80 Euro.

Internet

Ken Wilber:www.kenwilber.com
Integral Life http://integrallife.com
Integrales Leben deutsch: www.integralesforum.org
Integrales Leben in Wien: http://sites.google.com/site/integralesleben