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Vier Tage - ein Dilemma

Von Monika Jonasch

Wirtschaft
Kann es so einfach sein? Weniger Meetings sorgen für mehr Produktivität in weniger Arbeitszeit und gesündere, motiviertere Mitarbeiter.
© stock.adobe.com / Andrey Popov

Die gleiche Produktivität in weniger Zeit ist möglich, meint US-Ökonomin Juliet Schor.


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Die Menschen brennen aus, die Pandemie hat das noch befeuert", so die prägnante Analyse der US-Ökonomin und Professorin für Soziologie am Boston College, Juliet Schor, zur aktuellen Lage auf den Arbeitsmärkten von den USA bis Europa.

Seit den 1980er Jahren forscht Schor rund um das Thema Arbeit, aber noch nie habe sie so große Veränderungen wie derzeit gesehen, betont sie. Sie ist eine der federführenden Forscherinnen beim aktuell in Großbritannien laufenden Experiment "4 Day Week Global". Gemeinsam mit Kollegen der Universitäten Cambridge, Oxford und des Boston College will man dabei die Auswirkungen auf Produktivität und Wohlbefinden der Mitarbeiter bei der versuchsweisen Einführung der Vier-Tage-Woche in 70 britischen Unternehmen mit rund 3.300 Arbeitern und Angestellten messen.

Meetings oder Produktivität

Nach fast einer Dekade an Experimenten in verschiedensten Ländern und Branchen gehe es nun darum festzustellen, ob die Vier-Tage-Woche mit gleichbleibender Produktivität und damit auch gleichem Gehalt funktionieren könne, so die Ökonomin kürzlich bei einem Vortrag auf der Innovationskonferenz TED. Ihr vorläufiges Fazit: "Obwohl die Menschen weniger Zeit bei der Arbeit verbringen, heißt das nicht, dass sie weniger Arbeit leisten."

Um die Produktivität trotz verkürzter Arbeitszeit beibehalten zu können, müsse der Arbeitsalltag jedoch ausgemistet werden, betont sie: Weniger und kürzere Meetings und eine bessere Arbeitsorganisation seien dafür Voraussetzungen. Die Menschen jedenfalls seien durchaus gewillt, fünf Tage Arbeit in vier zu quetschen, weiß sie aus Erfahrung.

Dreifach positive Folgen winken als Lohn dieser Veränderung, so Schor: Gesündere und engagiertere Mitarbeiter - und damit weniger Kosten für krankheitsbedingte Ausfälle beim Arbeitgeber - sowie bessere Dienstleistungen und weniger Klimabelastung durch das Pendeln.

"War of Talents"

Warum aber kommt die jahrzehntelange Forderung nach Arbeitszeitverkürzung gerade derzeit in Schwung? Aufgrund von Corona, samt Lockdowns, Homeoffice, Kurzarbeit und Digitalisierung stieg der Stress bei den Arbeitskräften rund um den Globus. Dies führte zu wahren Kündigungswellen und Arbeitskräfte sind mittlerweile Mangelware. Der lange angekündigte "War of Talents" scheint nun voll im Gange.

Unternehmen suchen geradezu verzweifelt nach Mitarbeitern, diese wiederum stellen höhere Ansprüche an die Vereinbarkeit von Arbeit, Familie und Freizeit. Um auch die Personalnot in Österreich, speziell in Branchen wie Tourismus und Gastronomie zu lindern, gebe es unterschiedlichste Möglichkeiten, meinte zuletzt Wifo-Arbeitsmarktökonom Helmut Mahringer. Die Vier-Tage-Woche könne da ein wichtiges Puzzlesteinchen sein. Auch die Hoteliervereinigung hat das Thema zuletzt auf ihre Agenda gesetzt.

Tourismus im Fokus

In der heimischen Tourismusbranche summieren sich die Gründe für die derzeitigen Personalengpässe besonders deutlich: Nicht nur die Pandemie und ihre Folgen sind dafür verantwortlich. Auch die Demografie mit dem beginnenden Wegfall der geburtenstarken Babyboomer-Generation verstärkt den Personalmangel. Hinzu kommt der Aufschwung in Osteuropa samt dort steigenden Löhnen, was ausländische Arbeitskräfte weniger motiviert, in Österreich zu arbeiten. Zudem weist der Sektor noch einen überdurchschnittlich hohen Anteil an geringfügig Beschäftigten auf - wer es sich verbessern konnte, hat dies angesichts der günstigen Arbeitsmarktsituation daher nun gemacht. Unter dem Strich ist das Resultat jedenfalls verheerend: Die Branche sucht laut jüngsten Zahlen des Arbeitsmarktservice AMS nach mehr als 15.000 Mitarbeitern. Es geht nun darum, die Jobs attraktiver zu machen, eine Arbeitszeitverkürzung ist eine Möglichkeit- neben besseren Gehältern - heißt es dazu.

Zu viele Arbeitsstunden?

Allerdings ist die Gastro- und Beherbergungsbranche hierzulande nicht die einzige, die verzweifelt Arbeitskräfte sucht. Tatsächlich zieht sich die Problematik quer durch den heimischen Arbeitsmarkt. Nach aktuellen Erhebungen des Gewerkschaftsbundes ÖGB wird in Österreich im Europa-Vergleich zudem besonders lange gearbeitet, Überstunden gehören zur Selbstverständlichkeit. Als Zusatzverdienst beliebt, als Stressfaktor bedenklich, sind sie jedoch auch für Unternehmen nicht geschenkt.

Arbeitszeitreduktionen hat es in Österreich immer wieder gegeben. Arbeitete man zu Anfang der Zweiten Republik noch sechs Tage und 48 Stunden pro Woche, gab es 1969 ein Volksbegehren und in Folge eine schrittweise Senkung auf 43, dann 42 Wochenstunden. 1975 wurde die 40-Stunden-Woche eingeführt. Federführend waren damals SPÖ und Gewerkschaften, die sich auch heute wieder dafür starkmachen wollen.

Zweifel an der Leistbarkeit von Arbeitszeitverkürzungen gab es auch stets. Allerdings ist Einkommen aus Arbeit in den letzten Jahrzehnten gegenüber Kapitaleinkünften stark zurückgefallen - nicht zuletzt wegen der ungleichen Steuerbelastung. Hier gäbe es noch einige Stellschrauben, an denen man zugunsten der Arbeitnehmer wie der Arbeitgeber drehen könnte.