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Virtuelles Sommerfeeling

Von Francesco Campagner

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Der Sommer hat sich in den letzten Tagen im Leben vieler Menschen endgültig durchgesetzt. Wasserreserven werden schwitzend ins eigene Heim transportiert, das Kochen aufs Notwendigste reduziert und die immerwährende Lust auf Sonnenstrahlen hat sich entscheidend verringert. Überall wird man mit der Naturerscheinung namens Jahreszeit konfrontiert: sei es in der Arbeit, in den öffentlichen Verkehrsmitteln oder in den eigenen vier Wänden.

Während beim Lesen einer Zeitung unsere Sinneswahrnehmung (Hitze = Schwitzen = Sommer) spätestens durch Druckerschwärze-Flecken auf der frischen weißen Hose bestätigt wird, versteht es das Fernsehen uns zu täuschen. Denn die Moderatoren der "Zeit im Bild" berichten in ihren gut sitzenden, dunklen Anzügen ohne die geringsten Schweißperlen an der Stirn von Hitze, Dürre und Wassermangel. Im Fernsehstudio kennt man keine Jahreszeiten, sondern berichtet nur davon. Und während man sich wünscht, dass die Moderatoren wenigsten so tun könnten, als ob sie ebenfalls zur Kaste der transpirierenden Hitzeleider gehörten, begreift man plötzlich, was es mit der vielzitierten virtuellen Realität auf sich hat. Das Fernsehen überbringt, verkündet, täuscht vor und bestätigt, doch immer mit gepflegter Nichtbetroffenheit. Sogar der Sommer ist diesem Medium nicht gewachsen. Weihnachtsfilme im Juli zeigen, dass alles nur Ansichtssache ist. Und wer es nicht glaubt, wird spätestens dann überzeugt, wenn sich sein TV-Gerät trotz Hitzezeiten nicht als Kühlbox, sondern als tüchtiger Heizkörper erweist.