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Virus trifft auf wehrloses Opfer

Von WZ-Korrespondent Felix Lill

Politik
Ein Speisesaal in einer Fabrik in Pjöngjang wird desinfiziert.
© reuters / Kyodo

Seit in Nordkorea der erste offizielle Infektionsfall vermeldet wurde, verbreitet sich das Coronavirus wie ein Lauffeuer. Die Regierung scheint in eine Krise zu stürzen.


Die Unmutsbekundungen kommen von höchster Stelle. Die Mitarbeiter hätten versagt, lässt Kim Jong-un durch die Staatsmedien erklären. Laut der politisch kontrollierten Nachrichtenagentur Korean Central News Agency (KCNA) hat Kim "das Kabinett und den öffentlichen Gesundheitssektor stark für ihre verantwortungslose Arbeitseinstellung und Organisations- wie Durchführungsfähigkeit" kritisiert. Medizinische Maßnahmen erreichten die Bevölkerung nicht rechtzeitig, die Verantwortlichen "verstehen die gegenwärtige Krise nicht".

Die harschen Worte, die der Regierungschef und Diktator von Nordkorea wählt, lassen erahnen, wie rasant sich die Corona-Pandemie derzeit im Land ausbreitet. Erst Mitte vergangener Woche vermeldete der abgeschottete Ein-Parteien-Staat zwischen China und Südkorea seinen ersten offiziellen Fall von Covid-19. Mittlerweile sind laut staatlichen Medienberichten 56 Personen gestorben, an die 1,5 Millionen Menschen haben Fiebersymptome. Bei einer Bevölkerung von 26 Millionen Menschen ist es ein explosives Wachstum.

Explosiv scheint aber auch die politische Stimmung im Land zu sein. Schließlich reagiert Kim Jong-un, der in dritter Generation die Kommunistische Partei Nordkoreas und damit den Staat anführt, ganz anders auf die Ausbreitung des Virus als Regierungschefs anderswo. Als Corona zum Problem der öffentlichen Gesundheit wurde, erklärte Frankreichs Präsident Emmanuel Macron dem Virus den Krieg. Der damalige US-Präsident Donald Trump spielte die Gefahren herunter. Angela Merkel, zu der Zeit Deutschlands Kanzlerin, appellierte an die Geduld und Leidensfähigkeit der Nation.

Gesundheitssystem schwach

Strategien der Krisenkommunikation hat es in den vergangenen zwei Jahren unterschiedliche gegeben. Öffentlich gegen die eigenen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zu schießen, diese quasi für das Chaos verantwortlich zu machen, ist auf diese Weise aber ein Alleinstellungsmerkmal Nordkoreas. Offensichtlich fürchtet Kim Jong-un, der damit die Aufmerksamkeit von sich zu lenken versucht, um seine Legitimität als politischer Anführer eines krisenerprobten Landes. Schließlich sind auch die von Kim getroffenen Maßnahmen zumindest international umstritten.

Als Ende 2019 der erste Fall von Covid-19 im benachbarten China festgestellt worden war, reagierte die nordkoreanische Regierung mit strengen Grenzschließungen. Was das Virus fernhalten sollte, schottete Nordkorea auch wirtschaftlich ab. Wichtiger Güterverkehr ins Land, das inmitten wiederholter Waffentests seit 2017 von weitreichenden UN-Handelssanktionen betroffen ist, wurde somit gestoppt. Erst seit Beginn des Jahres begannen Lieferungen wieder - und haben womöglich das Virus mitgebracht.

Das Gesundheitssystem Nordkoreas scheint kaum gegen eine Pandemie gewappnet. Im internationalen Gesundheitsindex der Johns Hopkins University belegt Nordkorea von 195 Ländern Platz 193. Laut Verfassung steht jeder Bürgerin und jedem Bürger kostenlose Gesundheitsversorgung zur Verfügung. Aus dem Norden geflüchtete Person berichten aber von der Notwendigkeit, gerade für schwierige Behandlungen individuell zu bezahlen.

Auch wenn sich die gesundheitliche Versorgung des Landes nach dem Fall der Sowjetunion und einer Hungersnot in den 1990er Jahren verbessert hat, so sei sie in den letzten Jahren wieder schwächer geworden, beurteilen die Mediziner der Universität Harvard Kee Park und Edward Ham in einem Bericht vom vergangenen September. So mangele es auch wegen der UN-Sanktionen teilweise unter anderem an Rohstoffen wie Öl oder Gas, um die Krankenhäuser regulär zu betreiben. Seit Beginn des Krieges in der Ukraine dürfte sich dieses Problem verschlimmert haben.

Südkorea bietet Hilfe an

Pandemiepolitisch schien die totale Isolation angesichts der Umstände also als sinnvoller Schritt. Schließlich dürften sich im agrarisch geprägten Land auch Maßnahmen wie Homeoffice-Anordnungen kaum durchsetzen lassen. Ökonomisch verschlechterte sich aber eine ohnehin schon angespannte Lage auch hierdurch. Ein Bericht des Welternährungsprogramms der UN befand im vergangenen Jahr, dass 42 Prozent der Bevölkerung unterernährt seien. In staatlichen Medien wird schon vermehrt von den Gefahren einer Dürre und diversen Maßnahmen dagegen berichtet.

Kim Jong-un wiederum scheint zu verstehen, dass seine nunmehr zehn Jahre währende Regentschaft zumindest in letzter Zeit kaum noch als erfolgreich angesehen werden könnte. Ende 2020 trat Kim unter Tränen vor die Öffentlichkeit und bat die Bevölkerung um Verzeihung, dass die Entwicklungsziele nicht erreicht worden waren. Die Bilder überraschten, da sich Kim bis dato gern als starker und praktisch unfehlbarer Führer präsentiert hatte. Die offenbare Überforderung bei der Kontrolle der Pandemie wiederum scheint er sich nicht auch noch anlasten zu wollen.

Es ist zudem eine Überforderung, die im verfeindeten Bruderstaat Südkorea genau beobachtet wird. Seit dem Koreakrieg von 1950 bis 1953 befinden sich der kommunistisch regierte Norden und der liberal-kapitalistisch ausgerichtete Süden weiterhin formal im Kriegszustand. Die US-amerikanische Militärpräsenz im Süden sowie wiederholte Waffentests im Norden haben diversen Annäherungsversuchen immer wieder im Weg gestanden.

Humanitäre Krisen aber wirkten auch öfter schon als Anlass zu etwas Austausch und Hilfsbereitschaft. So sieht es zumindest seitens Südkoreas auch jetzt aus. Der dort erst seit einer Woche regierende Konservative Yoon Suk-yeol, der im Wahlkampf noch einen Konfrontationskurs gegen Nordkorea sowie die Aufrüstung Südkoreas angekündigt hatte, hat nun schon wiederholt die Lieferung mehrerer medizinischer Güter wie auch Impfstoffe angeboten. Bisher hat Nordkorea keine Vakzine angenommen.

Laut dem südkoreanischen Wiedervereinigungsministerium ist bis jetzt auf das Angebot vom Bruderstaat keine Reaktion gekommen. Im Norden wende man sich laut südkoreanischen Medienberichten lieber ans politisch befreundete China und bitte dort um Unterstützung. Vom Klassenfeind Hilfe anzunehmen, würde womöglich als ein Zeichen der Schwäche verstanden, das sich Kim Jong-un gerade offenbar nicht leisten kann.