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Vitaminstoß vom Unterhemd

Von Wolfgang Kappler

Wissen

Ging es kürzlich an dieser Stelle noch um Düfte, so soll das Repertoire zum Thema "functional cloth" heute noch erweitert werden. - Die Geißel unserer Zeit heißt Vitaminmangel. Doch obwohl Mediziner diese "Gebetsmühle" immer häufiger mit wissenschaftlichen Gegenbeweisen zu stoppen versuchen, schlucken die Menschen in den Industrienationen Tag für Tag Vitaminpräparate was das Zeug hält. Aber warum überhaupt noch schlucken, wenn es trendy ist, dass der tägliche Vitaminstoß aus dem Unterhemd kommt?


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Möglich macht dies das Italien-Projekt "Bayscent Aromatherapy" von Bayer Chemical, einem Unternehmensbereich der Leverkusener Bayer AG. Textilien werden dazu mit diffusionsdichten Mikrokapseln aus Polyurethan veredelt, in die verschiedene Substanzen gepackt werden können. Bei Bewegung und Reibung an der Haut reißen die Mikrokapseln und setzen die Wirkstoffe frei.

So ausgestattet, wollen Piave Maitex und Jersey Lomellina mit zugesetztem Aloe Vera die Haut ihrer Textilkunden pflegen und deren Gesundheit durch Acerola, eine Vitamin C-Komposition aus der Acerolakirsche, erhalten. "Acerola stärkt das Immunsystem und schützt durch seine antioxidative Wirkung den Organismus", verspricht der Bayer-Konzern.

Eine höchst gefährliche, Markt bereitende und Bedürfnis erweckende Behauptung. Denn der Pharmakologie-Professor Reinhard Neubert an der Universität Halle hat gezeigt, "dass die alleinige Verwendung von Ascorbinsäure (Vitamin C) ohne Co-Antioxidantien wie Vitamin E in halbfesten topischen Formulierungen Hautschäden auslösen kann, und daher einer neuen und differenzierten Betrachtung bedarf".

Trotz vereinzelter sachlicher Kritik aus der Grundlagenforschung nimmt der Innovationszug der Textilindustrie immer mehr an Fahrt auf: Bettwäsche, die Keime tötet; Socken, die Schweißgeruch verhindern; Unterwäsche, die Hautentzündungen hemmt; Boxershorts, die das Immunsystem stärken; Hemden, die die Haut pflegen; Jacken, die vor UV-Strahlung, Elektro-Smog und kosmischen Strahlen schützen sowie im Falle kritischer Vitalwerte ärztliche Hilfe anfordern.

Allergien und Pilze

Toxikologen und Mediziner warnen aber davor, Textilien mit pharmakologisch, kosmetisch und hygienisch wirkenden Substanzen aufzurüsten. "Sie können gesundheitliche Risiken wie Allergien in sich bergen", sagt Prof. Franz Daschner, Direktor des deutschen Nationalen Referenzzentrums für Krankenhaushygiene in Freiburg und wird bestätigt vom Vorsitzenden der Deutschen Gesellschaft für Krankenhaushygiene, dem Greifswalder Professor Axel Kramer: "Ich möchte wetten, dass sich durch den ständigen Kontakt die Hautflora verändert und Pilzbesiedlungen der Boden bereitet wird." Und: "Ich verstehe das Ganze nicht. Wir haben hochwirksame Präparate, die Betroffenen bei richtiger Diagnose sicher helfen. Wozu dann solche Entwicklungen?"

Die hält in Freiburg Daschners Mitarbeiter, der Biologe Armin Schuster, nicht nur aus medizinischer, sondern auch aus ökologischer Sicht für bedenklich, weil sich durch das Einbringen von Wirksubstanzen das Umweltprofil von Textilien über die gesamte Produktlinie verschlechtere: "Das den Textilien oft zugesetzte Triclosan wirkt nicht nur allergisierend, es ist auch schlecht abbaubar und gilt als Dioxinquelle. Und Silber, dessen Ionen Keime zerstören sollen, ist ein knapper Rohstoff und seine Gewinnung äußerst Umwelt belastend."

"Wann immer Stoffe direkt auf die Haut wirken, sollte man sehr vorsichtig sein. Konsumenten müssen deshalb die Sicherheit haben, dass so ausgerüstete Textilien geprüft sind", meint auch die Münchner Dermatologin Anke Gauger.

Wer ist eigentlich zuständig?

Doch nach welchen Kriterien soll das geschehen? Das in Deutschland zuständige Bonner Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte fühlt sich nicht zuständig, weil Kleider Bedarfsgegenstände sind und damit nicht unter das Arzneimittelgesetz fallen. Damit wäre die Bedarfsgegenstände-Verordnung die rechtliche Grundlage. Die wiederum verbietet aber, Textilien so herzustellen, dass sie die Gesundheit schädigen können, weshalb das zuständige Berliner Institut für gesundheitlichen Verbraucherschutz solche Textilien nicht zulassen würde.

Weil sie aber pharmakologisch wirksam sind, haben die Verbraucherschützer keine Handhabe und sprechen deshalb von "einer skandalösen und unlauteren und im übrigen illegalen Praxis", weil antibakteriell wirksame Textilien weder als Arzneimittel noch als Medizinprodukte überprüft, registriert und zugelassen seien.

Gebündelte Vorschriften

In diesem Spannungsfeld versucht der Textilexperte Dr. Maximilian Swerev von den Hohensteiner Instituten in Bönnigheim zu vermitteln. Er ist überzeugt: "Eine gesonderte Gesetzgebung brauchen wir nicht. Die europäischen Bedarfsgegenstände- und Arzneimittelverordnungen reichen völlig aus. Wir müssen für die Hersteller antibakterieller Kleidung lediglich die für sie relevanten Vorschriften bündeln." Swerev arbeitet mit europäischen Partnern an einem gültigen Teststandard, an dessen Ende ein Qualitätssiegel stehen soll. Grundlage: Alle medizinisch wirksamen Textilien müssen die von der Arzneimittelgesetzgebung vorgeschriebenen Bedingungen erfüllen.