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Volksbegehren für Religionsunterricht

Von WZ-Korrespondent Markus Kauffmann

Europaarchiv

Berlin. Religion oder Ethik - zwischen diesen Fächern sollen Berliner Schüler ab der 7. Schulstufe, also in der Regel die 13- bis 14-Jährigen, frei entscheiden dürfen. Derzeit müssen sie nur den Ethik-Unterricht besuchen; wenn sie zusätzlich noch Religion als Freifach wählen, müssen sie dafür Freizeit opfern - bei 33 regulären Wochenstunden für viele eine Belastung.


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Derzeit läuft in Berlin ein Volksbegehren, das diese Wahlfreiheit zum Ziel hat. "Jeder soll frei wählen können. Zwischen Ethik, evangelischer, katholischer, islamischer und jüdischer Religion oder Weltanschauungsunterricht", fordert Christoph Lehmann, Chef der Bürgerinitiative "Pro Reli". Unterstützt wird er von Christen und Christdemokraten, aber auch von islamischen und jüdischen Organisationen.

Eigentlich bestimmt das Grundgesetz ganz klar: "Der Religionsunterricht ist in den öffentlichen Schulen... ordentliches Lehrfach." Das bedeutet, dass der Besuch Pflicht ist, dass das Fach in den Lehrplan und die Stundentafel integriert ist und benotet wird.

So wird es in beinahe allen Bundesländern gehandhabt. Wäre da nicht der Artikel 141, die "Bremer Klausel", die seinerzeit mit Rücksicht auf den überkonfessionellen "Bibelunterricht" im Stadtstaat Bremen ins Grundgesetz aufgenommen worden ist.

Dies hat sich das traditionell "rote Berlin" zunutze gemacht. In der deutschen Hauptstadt wurde der verfassungsgemäße Anspruch auf gleichwertigen Religionsunterricht von Anfang an umgangen. Dass man im Ostteil, der "Hauptstadt der DDR", keinen gesteigerten Wert auf konfessionellen Unterricht legte, war klar - und hat sich nach der Vereinigung mit dem säkularen und laizistischen Westen noch addiert. Kapitalistischer und Dialektischer Materialismus zogen hier an einem Strang.

Deshalb war es auch eine der ersten Maßnahmen, die der rot-rote Senat aus SPD und Linken vor zwei Jahren umsetzte, einen verpflichtenden Ethik-Unterricht einzuführen. Das hatte massenhafte Abmeldungen vom Religionsunterricht zur Folge, wie etwa 6000 vom evangelischen in den letzten zwei Jahren.

"Mit dieser Methode ist es der SED komplett und West-Berliner Landesregierungen weitgehend gelungen, die Region ziemlich frei vom Christentum zu machen", schreibt Gerd Appenzeller, Redaktionsdirektor des "Tagesspiegel".

Weltanschauung gelehrt

Anti-religiös und anti-kirchlich hingegen ist der "Weltanschauungsunterricht" des Humanistischen Verbandes, der vor allem im Osten Berlins stark vertreten ist. Nach der evangelischen Kirche ist er der zweitstärkste Anbieter von Werteunterricht mit mehr als 40.000 Volksschülern.

Verständlich, dass der Humanistische Verband gegen die Ziele des "Pro Reli"-Volksbegehrens polemisiert. Sollte Religion mit Ethik gleichgestellt werden, könnten sich wieder mehr Schüler für die Glaubensinformation entscheiden.