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Volksfest auf der Stadtautobahn

Von Stefan May

Reflexionen
Zur Feier des "autofreien Tages" tragen die Menschen traditionelle Masken und Kostüme.
© Foto: Stefan May

Seit fast zehn Jahren wird in Indonesiens Hauptstadt Jakarta am Sonntag die breiteste Verkehrsstraße für den Autoverkehr gesperrt. Dieser "Carfree-Day" ist bei den Bewohnern der Stadt sehr beliebt.


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Es ist Sonntag, kurz nach sechs Uhr früh. Die Sonne ist gerade aufgegangen, doch die ganze Stadt scheint schon auf den Beinen zu sein. Die gewohnte Geräuschkulisse vor dem Hotel fehlt heute: Wo es normalerweise brummt und hupt, wird geschnattert, gerufen und geklingelt. Wo sich sonst Fahrzeuge drängen, tun dies seit den frühen Morgenstunden die Menschen. Auf Jakartas wichtigster Straße ist, wie jeden Sonntag-Vormittag, Carfree-Day.

Was in Wien mancher für die Ringstraße fordert, ist in Fernost bereits seit Längerem Realität: Jalan Sudirman, die Hauptverkehrsader der indonesischen Hauptstadt, gehört an jedem Sonntag für einige Stunden allen, nur nicht den Autos. Und 2015 sind es genau zehn Jahre, dass das allwöchentlich so passiert.

Wochentags ist die Sudirman-Straße eine Verkehrshölle: Vier Spuren auf der einen Seite, vier Spuren auf der anderen, und in der Regel alle verstopft. Wobei die äußerste Spur den Einspurigen gehört: Ein unübersichtlicher, zäher Fluss sich sekündlich neu organisierender, einander schneidender oder tangierender Schlangenlinien zieht sich an den Rändern des breiten Verkehrswegs entlang. Jene in Asien allgegenwärtigen Motorroller, mit denen man noch am Schnellsten im täglich aufs Neue dem Infarkt erliegenden Verkehrsgewühl vorankommt, bilden die brummende Grundmelodie von früh bis spät.

Daneben stauen sich hupend die Individualgefährte Stoßstange an Stoßstange, zwischendrin klapprige überbesetzte Minibusse. In der Straßenmitte verlaufen - wie in Kolumbiens Hauptstadt Bogota - die Fahrspuren für den Autobus, hier Transjakarta genannt. Aber weil die Kreuzungen meist verstopft sind, kommt auch er trotz seiner Busspur nicht planmäßig voran. Dicht gedrängt recken die Fahrgäste auf den Haltestelleninseln sehnsüchtig die Hälse nach ihm. Sie tragen entweder Atemschutz, den Verkäufer an den Zugängen günstig anbieten, oder pressen Tücher vor den Mund.

Fußgänger sind kaum unterwegs, die Gehsteige sind, wenn vorhanden, hoch und schmal, mitunter versperren Bäume den Weg. Wer kann, versucht sich in Jakarta fahrend fortzubewegen und vergrößert das Chaos zusätzlich. Mühsam drängt die Sonne ein paar Strahlen durch den Smog, der über der Stadt liegt. Die Wolkenkratzer an den Seiten der Straßen verharren fahl und unbeachtet. Das ist das übliche Bild einer zu schnell - vor allem in die Höhe - wachsenden Stadt.

Sonntagsstimmung

Am Sonntagvormittag ist aber alles anders. Zwar benützt auch da kaum jemand die Gehsteige, stattdessen sind die Fahrbahnen voll Menschen. Kein Auto, kein Roller ist an diesem Vormittag auf Jakartas wichtigster Nord-Süd-Verbindung im Zentrum unterwegs: Da klingelt sich eine Gruppe bunt gewandeter Radler durchs Gewühl, dort zieht eine Gruppe Jugendlicher mit himmelblauen Luftballons dahin. Auf Jalan Sudirman herrscht Volksfeststimmung.

Ich habe mich mit dem Leiter einer Sprachschule, Yanuar Budiarso, und seiner Familie verabredet. Wir lassen uns durch die kilometerlange Menge treiben, die ihre Freizeit auf einem ungewöhnlichen Terrain verbringt. Man kommt an Eisverkäufern vorbei, die von ihren Wägelchen stets dieselbe monotone Erkennungsmelodie erklingen lassen, an mobilen Fahrradservice-Ständen und Zeltplanen, unter denen Musik aus Lautsprechern dröhnt. Stände am Rand bieten unter ihrem Sonnenschutz von Sportbekleidung über T-Shirts bis zu Handyverträgen alles für die Freizeit der Großstädter. Auf Plastikhockern sitzen sich junge Leute gegenüber und lernen die Gebärdensprache.

Zweimal im Monat lässt sich Yanuar mit seiner Familie hier durch die Menge treiben, erfreut sich am völlig anderen Bild dieser Straße, an der sein Büro liegt, und genießt es, stehen bleiben zu können, um die mitunter überraschende Architektur der Hochhaustürme rundum neu zu entdecken. Die übrige Woche über würde man nie empor sehen, ohne Gefahr zu laufen, Opfer des Straßenverkehrs zu werden. Die Sonne scheint klar, für einige Stunden kann sich das Klima im Zentrum der indonesischen Hauptstadt erholen.

Drei überlebensgroße Figuren, deren Träger im Inneren unsichtbar bleiben, wanken auf uns zu: "Das sind typische Puppen aus Jakarta", erzählt Yanuar. "Sie werden gerne zu Hochzeitsfesten eingeladen." Ein Stück weiter sitzt ein Meister des Scherenschnitts am Straßenrand auf einem Hocker und hält ein paar Stücke schwarzen Kartons in der Hand. Yanuars Sohn darf vor ihm Platz nehmen, und schon beginnt der Künstler dessen Kopf-Profil aus dem Karton zu schneiden: Exakt modelliert er Lippen, Wimpern und Haarlocke, hält prüfend den Karton in Richtung des Bubenkopfes, schneidet weiter, macht sachte Korrekturen, prüft neuerlich mit raschen Blicken. Nach weniger als fünf Minuten ist das Profil, wie auf einer Tafel vor dem Straßenkünstler angekündigt, fertig. Unverkennbar: Yanuars kleiner Sohn.

Naschereien und Musik

Wir ziehen weiter, die Familie kauft an einem Stand Nüsse, Süßkartoffeln, in Bananenblätter eingeschlagenen Reis - Frühstück to go für die Familie. Frau Budiarso ersteht ein paar Pflanzen für daheim von einem fliegenden Händler. Manchmal gehen die drei auch noch ein Stück weiter Richtung Norden, denn da kann man gratis an von einem Trainer geleiteten Gymnastikübungen teilnehmen. Vor dem Polizeiquartier am Kreisverkehr hat eine kleine Musikkapelle Aufstellung genommen. Selbst Polizisten sind heute auf Rollerblades unterwegs und machen ein wenig Werbung für sich als Freund und Helfer.


Händler bieten von ihren Karren alles, was das Herz der Promenierenden oder Sportler begehrt: Wasserflaschen, Uhren, Kleinkram, Spielzeug. Und zwischen all dem krähen Kinder, wummern Lautsprecher, klingeln Fahrradglocken - nur in der Mitte der Straße fährt unverändert der Transjakarta, diesmal ausnahmsweise nach Fahrplan, flott und unbehindert.

Wir schlendern ein Stück weiter, wo im Schatten der Bäume am Straßenrand längliche pelzige Tiere kreuz und quer trippeln. Manche sind angeleint oder tragen ein Glöckchen um den Hals. Den Scharen der Vorbeikommenden sind sie ein willkommenes Fotoobjekt: Handykameras nehmen sie aus allen Perspektiven ins Visier.

Es sind eigenartige Haustiere, die hier präsentiert werden. Ein wenig ähneln sie Iltissen oder Mardern. Doch es handelt sich um Musangs, Schleichkatzen, die nur auf drei Inseln Indonesiens vorkommen. Heute ist der Verein der Freunde des Musang hier, ein anderes Mal treffen sich an dieser Stelle Halter von Reptilien oder Hundeherrchen und -frauchen.

Die pelzigen Schleichkatzen lassen sich auf den Arm nehmen und blicken einen interessiert aus dunklen Knopfaugen an. Allerdings wirken sie ein wenig unproportional mit ihren spitzen Nasen, den eher gedrungenen Körpern und dem langen Schwanz. Doch sie sind flink, immer in Bewegung. Lediglich die handtellergroßen Jungen saugen genüsslich am gereichten Fläschchen.

Unweit der Ecke mit den Tierhaltern nimmt, als es schon auf elf zugeht und der Strom der Spaziergänger und Freizeitsportler abnimmt, eine Musikband mitten auf der Fahrbahn Aufstellung und musiziert drauflos. Es ist ein fröhlicher Tag, und trotz der vielen Menschen geht es entspannt und friedlich zu.

Für Ortsfremde ist der Sonntagvormittag eine gute Gelegenheit, ein ungeschminktes Indonesien zu erleben, ohne Tourismus-Sterilität: muslimische Mädchen mit Kopftuch, in Trainingsanzug und Badeschlapfen, modisch hochgerüstete Freizeitsportler in bunten Dressen, aber auch ärmliche Händler mit winziger Ware zum kleinen Preis, aber umso größerer Hoffnung auf ein wenig Verdienst beim Massenevent. Geduldig hocken sie am Rand der breiten Asphaltschneise durch die Skyline der City im Schatten schmächtiger Palmen und sehen dem Treiben wie einem Film zu.

Jakarta erlebt in diesen Stunden eine Gleichzeitigkeit aus westlichem Wohlstandsvergnügen und traditionell asiatischer Genügsamkeit. Die Menschen von Jakarta möchten dem Moloch, wie sie ihn kennen, entfliehen, ihn ihren Wünschen gefügig machen, kurz: ein Stück lebenswerte Stadt erzwingen, und sei es auch nur für wenige Momente am Wochenende. Der Carfree-Day ist eine gute Gelegenheit für die Hauptstadtbewohner, der sonst gesichtslosen Innenstadt einen Charakter zu geben, sich selbst mit den eigenen Hobbies in der Öffentlichkeit zu zeigen, andere zu bestaunen, auf Neues zuzugehen oder sich einfach von der Menge treiben zu lassen. Es ist ein Fest für Alt und Jung, vom Knirps auf dem Rad mit Stützrädern bis zur Oma im Rollstuhl, die einmal gefahrlos und ohne technische Probleme etwas von ihrer Stadt wiedersehen kann.

Private Initiative

Eine Privatidee sei es anfangs gewesen, erzählt Ivan, der an einem Informationsstand der Carfree-Day-Initiative an der Abzweigung einer Nebenstraße Auskünfte über die sonntägliche Großveranstaltung gibt. 15.000 Menschen kommen jede Woche hierher, heute mögen es 20.000 sein, die Zahl der Besucher wächst ständig. Sie kommen meist aus dem Großraum der indonesischen Hauptstadt auf der Insel Java.

"Unser Ziel ist es, die Luftverschmutzung zu verringern und den Menschen Freude und gesunde Freizeit zu vermitteln", sagt Ivan. Mittels Webseite, Facebook oder Twitter kann sich das Publikum über das Programm des jeweiligen Sonntags informieren. Derzeit läuft es zwischen 6 und 11 Uhr, danach wird es zum Radfahren, Joggen und Inline-Skaten einfach zu heiß. Dennoch streben die Veranstalter eine Ausweitung der Verkehrssperre des Jalan Sudirman bis Mitternacht an, sodass der Carfree-Day seinem Namen wirklich gerecht werden kann.

Acht weitere Städte in Indonesien haben ebenfalls einen Carfree-Day in ihren Innenstädten eingeführt. Und erst kürzlich war der Bürgermeister von Malaysias Hauptstadt Kuala Lumpur zu Gast in der Hauptstadt des Nachbarlands, um sich über die Erfahrungen damit zu informieren.

Einziges Problem sind derzeit noch die Abfallmengen, die nach einem solchen Tag auf Jakartas wichtigster Straße zurückbleiben. Zwar fahren unmittelbar nach Ende der Veranstaltung die Fahrzeuge der städtischen Müllabfuhr auf - und dahinter schon die ersten motorisierten Straßenbenutzer -, doch hoffen die Veranstalter, dass die Besucher künftig nicht nur die Abgasfreiheit rundum genießen, sondern auch ihren Beitrag zum Umweltschutz leisten.

Stefan May, geboren 1961, lebt als Jurist, Journalist und Autor in Berlin und Wien und schreibt regelmäßig Reportagen fürs "extra".