Zum Hauptinhalt springen

Völlig aus dem Takt

Von Alexandra Grass

Wissen
Die Begabung, sich zur Musik bewegen zu können, ist nicht jedem in die Wiege gelegt.
© corbis/S. Kozak

Warum manche Menschen absolut kein Rhythmusgefühl besitzen.


Hinweis: Der Inhalt dieser Seite wurde vor 11 Jahren in der Wiener Zeitung veröffentlicht. Hier geht's zu unseren neuen Inhalten.

Montreal/Wien. Sich für die beste Freundin zu schämen, weil sie in der Diskothek im wahrsten Sinne des Wortes aus der Reihe tanzt, kommt vor. Obwohl für die meisten Menschen Rhythmusgefühl die natürlichste Sache der Welt zu sein scheint, ist es dann doch nicht jedermann in die Wiege gelegt. Sowohl in der Bewegung sichtbar als auch im Mitklatschen hörbar wird dies, sobald sich Menschen der Musik hingeben. Und manche von ihnen haben ihn ganz eindeutig nicht - nämlich den Rhythmus im Blut.

Menschen, die den Takt nicht halten können, schaffen es nicht, ihre Bewegungen mit dem Gehörten zu synchronisieren, lautet die Erklärung kanadischer Wissenschafter der McGill University und der Universität von Montreal. Einige Menschen seien demnach völlig unfähig, eine Taktveränderung wahrzunehmen. Die Forscher um die McGill-Psychologin Caroline Palmer sprechen dabei von Takttaubheit.

Takttaube

Defizite in der Synchronisation könnten dazu beitragen, die fundamentalen Eigenschaften menschlicher Nervenfunktionen aufzudecken, heißt es im Fachblatt "Philosophical Transactions". Sie könnten aufzeigen, wie akustische und motorische Systeme im neuronalen Netzwerk verknüpft sind.

In einer Reihe von Experimenten wurden zwei Betroffene mit einer Kontrollgruppe von 32 Teilnehmern verglichen. Sollten die Probanden einfach in unterschiedlichen Rhythmen mit ihrem Fuß klopfen, dann schafften dies alle. Fing hingegen die Musik an zu spielen, dann fielen genau zwei Personen aus der Reihe - nämlich die "Takttauben".

"In der Abwesenheit von Musik schaffen es takttaube Individuen ähnlich wie alle anderen Teilnehmer der Kontrollgruppe, verschiedene Rhythmen wiederzugeben", betont Palmer in der Publikation. Das Defizit äußert sich erst dann, wenn Musik ins Spiel kommt.

Der schwierigste Test war, der Taktgeschwindigkeit eines Metronoms zu folgen, das einmal schneller und einmal langsamer wurde, schildert die Wissenschafterin. Nur innerhalb weniger Taktschläge schaffte es die große Mehrheit der Studienteilnehmer, wieder dem aktuellen Rhythmus zu folgen. Für die zwei Takttauben war es hingegen unmöglich, dieser Veränderung nachzukommen.

"Die Art, in der Fehlschläge gemacht wurden, zeigt Defizite im biologischen Rhythmus auf. Das beinhaltet die natürliche Frequenz körpereigener Schwingung und die Dauer bis zur Umstellung auf das neue Metronom-Tempo", so Palmer.

Biologischer Rhythmus

Biologische Rhythmen sind regelmäßig wiederkehrende Zustände und Veränderungen von Organismen. Sie können so langsam sein wie die Zyklen der inneren Uhr oder so schnell wie der Herzschlag eines Individuums. Der Takt der Musik kann Menschen dazu anspornen, sich schneller oder langsamer zu bewegen, ergänzt Palmer. Während manche Menschen ihren Rhythmus auf einen einzigen Hinweis hin anpassen können, sind andere weniger dazu in der Lage.

Die Erkenntnisse der Wissenschafter "führen zu der Idee, dass Takttaubheit ein Problem unseres biologischen Rhythmus darstellt, wie er mit Veränderungen von Geräuschen in der Umgebung umgeht", so Palmer. Für die meisten Menschen sei es jedoch möglich zu tanzen, mit einem Partner eiszulaufen oder sich im Headbanging zu seinem Lieblingssong zu üben.