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Vollzeitarbeit muss attraktiver werden

Von Monika Köppl-Turyna

Gastkommentare
Monika Köppl-Turyna ist Ökonomin und Direktorin des Forschungsinstituts Eco Austria.

Fast 60 Prozent der Frauen, deren jüngstes Kind älter als 15 Jahre ist, arbeiten immer noch in Teilzeit.


Arbeits- und Wirtschaftsminister Kocher hat vergangene Woche eine intensive Debatte darüber ausgelöst, ob es am Arbeitsmarkt mehr Anreize braucht, einer Vollzeitbeschäftigung nachzugehen. In diesem Fall gilt ganz besonders: die Situation ist kompliziert.

Einerseits wird nach dem Ausbau der Kinderbetreuung gerufen, da der Großteil der Teilzeitarbeit von Frauen mit Kindern geleistet wird. Andererseits finden sich Belege, dass ein bloßer Ausbau der Kindergartenplätze das Verhalten der Frauen nur geringfügig verändert, sofern sich die sozialen Normen nicht weiterentwickeln. So zeigt ein Paper von Josef Zweimüller und Koautoren, dass sich der Gender Gap nach dem Ausbau der Kindergärten in Österreich nicht sehr stark veränderte.

Jedoch belegen Untersuchungen aus Deutschland, dass die Einführung des Rechtsanspruches auf Kinderbetreuung von 40 Prozent der Frauen mit einer Arbeitsaufnahme oder Aufstockung der Arbeitszeit quittiert wurde. Außerdem zeigen Daten, dass fast 60 Prozent der Frauen, deren jüngstes Kind älter als 15 Jahre ist, immer noch in Teilzeit arbeiten. Dies lässt sich nur schwer mit der Verfügbarkeit von Kindergartenplätzen erklären.

Davon unabhängig steht außer Frage: aus bildungspolitischer und volkswirtschaftlicher Sicht ist der Ausbau hochqualitativer Elementarpädagogik von enormer Bedeutung. Darüber hinaus kann die Verfügbarkeit von Kinderbetreuung auch andere Phänomene nicht erklären. Etwa, dass die durchschnittliche Arbeitszeit eines Mannes in Österreich von 39,5 Stunden im Jahr 2004 auf 33,7 Stunden 2021 gesunken ist. Die Anzahl der Männer, mit einer Normalarbeitszeit von weniger als 35 Stunden hat sich seit 2004 mehr als verdoppelt.

Es stimmt jedenfalls, dass das Steuer- und Abgabensystem Anreize zur Teilzeitarbeit kennt. Dazu gehören etwa die Progression der Einkommensteuer, die Ausweitung der Negativsteuer in den letzten Jahren und die Arbeitnehmerbefreiung in der Arbeitslosenversicherung für niedrige Einkommen. Auch der hohe Eingangssatz der Einkommensteuer bei hohem Freibetrag wirkt hemmend: wir beobachten in den Daten der Einkommenssteuer ein so genanntes "bunching". Heißt: viel mehr Personen arbeiten knapp unter der 11.000-Euro- Grenze als oberhalb dieser Grenze. Das Drehen an diesen Schrauben könnte Anreize zur Vollzeitarbeit setzen. Allerdings ist dabei zu bedenken, dass Teilzeit unattraktiver zu machen, manche dazu veranlassen könnte, sich vom Arbeitsmarkt gänzlich zu verabschieden.

Aus meiner Sicht ist es stattdessen wesentlich schlauer, Vollzeit attraktiver zu machen. Teilzeitarbeit bedeutet eine niedrige Pension. Das ist der Hauptgrund, warum Frauenpensionen trotz der Ausgleichszulage um 40 Prozent niedriger sind als jene von Männern. Es kann sein, dass vielen MarktteilnehmerInnen diese Tatsache nicht bewusst ist bzw. andere Anreize - etwa die Witwenpensionen - diese Entscheidungen beeinflussen. Finanzbildung und das Thematisieren der Konsequenzen von Teilzeit sind wichtig. Schließlich braucht es eine Perspektive für junge Frauen, Eigentum und Karriere aus eigener Kraft aufbauen zu können. Denn sonst fehlt die Motivation, mehr zu arbeiten. Vollzeitarbeit muss sich mehr lohnen als bisher.

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