Zum Hauptinhalt springen

Vom Arbeiter zum Bundespräsidenten

Von Johann Vasek

Politik

Das Leben von Franz Jonas zeigt geradezu typisch den Werdegang eines Arbeiterkindes, dessen Eltern aus Böhmen nach Wien gezogen waren, bis zur höchsten politischen Funktion, die Österreich zu | vergeben hat. Franz Jonas hat sich durch Fleiß, Ausdauer und Genauigkeit zu hohen politischen Ämtern emporgearbeitet, an deren Schluss die Funktion des Bundespräsidenten stand.


Hinweis: Der Inhalt dieser Seite wurde vor 24 Jahren in der Wiener Zeitung veröffentlicht. Hier geht's zu unseren neuen Inhalten.

Er wurde am 4. Oktober 1899 in Wien-Floridsdorf geboren. Schon als Kind musste er zum Familienbudget beitragen, zuerst als Geschäftsdiener, später als Milchzusteller. Franz Jonas absolvierte fünf

Klassen Volksschule und drei Klassen Bürgerschule mit gutem Erfolg.

Vom Setzerlehrling zum Kärntner Abwehrkampf

1913 trat er als Setzerlehrling in eine Floridsdorfer Druckerei ein und besuchte die dreijährige Fachschule für Buchdrucker und Schriftgießer in Wien. In dieser Zeit trug Jonas nebenbei auch eine

sozialdemokratische Zeitung, den "Volksboten", aus und trat 1915 dem "Verband der jugendlichen Arbeiter" in Floridsdorf bei.

1917 leistete er den Militärdienst in Galizien an der russischen Front. 1918 wurde er dann an den italienischen Kriegsschauplatz versetzt.

Nach dem Ende des Ersten Weltkrieges meldete sich Jonas zur damals neu gegründeten Volkswehr und nahm kurzfristig auch am Kärntner Abwehrkampf teil. Er bekam dann eine Stelle als Schriftsetzer in der

Floridsdorfer Druckerei Perschak und betätigte sich wieder in der Sozialistischen Arbeiterjugend.

Er wurde Vertreter dieser Organisation im Arbeiterrat von Floridsdorf. Außerdem war er in den Monaten der "österreichischen Revolution" Mitglied des Arbeiter- und Soldatenrates.

1922 heiratete Franz Jonas die 1889 geborene Tochter einer Floridsdorfer Arbeiterfamilie, Margarete Towarek. Jonas arbeitete auch in der Bibliothek des Floridsdorfer Arbeiterheims. In der

Floridsdorfer Volkshochschule besuchte er regelmäßig Englisch- und Italienisch-Kurse. Im selben Jahr trat er auch dem Österreichischen Arbeiter-Esperanto-Bund bei.

Bei Renner, Schärf, Körner in der Arbeiterhochschule

Von 1924 bis 1932 war Jonas in der Druckerei Perschak Korrektor. Als fleißiger Besucher der Wiener Volkshochschulen bewarb er sich 1930 um einen Freiplatz in der damals berühmten

Arbeiterhochschule in Wien-Döbling.

Dort hörte er Nationalökonomie von Otto Bauer, Philosophie von Max Adler, Staatswissenschaft von Karl Renner, Verfassungsrecht von Adolf Schärf, Soziologie von Otto Neurath, Militärwissenschaft von

Theodor Körner, Gewerkschaftsgeschichte von Julius Deutsch und Geschichte der Internationale von Oscar Pollak.

Zwei der damaligen Referenten, Renner und Schärf, wurden nach 1945 so wie später auch Jonas österreichische Bundespräsidenten von Österreich.

1930 wurde Jonas von der Floridsdorfer SPÖ (Sozialdemokratische Partei Österreichs) als Kandidat für den Nationalrat aufgestellt. 1932 bestellte man Jonas zum hauptamtlichen Sekretär der SPÖ-

Bezirksorganisation Floridsdorf. An den Februarkämpfen des Jahres 1934, an dem Bürgerkrieg zwischen Heimwehren und Republikanischem Schutzbund, nahm Jonas nicht teil, weil er als Verbindungsmann

zwischen der sozialdemokratischen Parteizentrale und der Floridsdorfer Bezirksorganisation eingesetzt war.

Flucht in die Tschechoslowakei

Ende Februar 1934 flüchtete Jonas, wie viele andere Sozialdemokraten, in die Tschechoslowakei, wo er Parteifunktionen übernahm. Wegen der Teilnahme an der großen "Reichskonferenz der Vereinigten

Sozialistischen Partei Österreichs" zur Jahreswende in Brünn wurde Jonas Ende Jänner 1935 von der österreichischen Polizei verhaftet und zunächst zu sechs Monaten Verwaltungsstrafe verurteilt, später

in das Wiener Landesgericht überstellt und wegen Hochverrats unter Anklage gestellt.

Im Gefängnis studierte Jonas Werke über Geschichte und Nationalökonomie und verbesserte seine Italienisch-Kenntnisse. Mangels an Beweisen wurde Jonas nach achttägiger Verhandlungsdauer freigesprochen

und Ende März 1936 aus der Haft entlassen.

Die Jahre des Zweiten Weltkrieges verbrachte Jonas als kaufmännischer Angestellter in der Wiener Lokomotivfabrik AG (Lofag).

1945: Wiedererrichtung der Sozialdemokratie

Knapp vor Kriegsende, am 17. April 1945, nahm Jonas an ersten Kontaktgesprächen mit Floridsdorfer Arbeitern teil, um die Wiedererrichtung der Sozialdemokratie und der Bezirksverwaltung zu

sondieren.

Im Juli wurde er bei der ersten Bezirkskonferenz der Floridsdorfer SPÖ zum 2. Obmann der Bezirksorganisation gewählt. Noch im Dezember wählte man Jonas in den Wiener Vorstand der SPÖ, und Wiens

Bürgermeister Theodor Körner bestellte ihn im Juni 1946 zum ersten Floridsdorfer Bezirksvorsteher nach dem Krieg.

1948 wurde Jonas Obmannstellvertreter der Wiener SPÖ und im Juni 1948 übersiedelte er als Amtsführender Stadtrat für das Ernährungswesen in das Wiener Rathaus. Im Oktober 1949 wurde er in den Wiener

Gemeinderat gewählt und zum Obmann der Wiener SPÖ bestellt. Im Dezember 1949 übernahm Jonas das Amt des Amtsführenden Stadtrats für das Bauwesen und setzte die Tradition des sozialen Wiener Wohnbaus

aus der Ersten Republik fort.

Von 1953 bis 1965 Abgeordneter im Nationalrat

Im Mai 1951 wurde Theodor Körner als Nachfolger von Karl Renner zum Bundespräsidenten gewählt. Der Wiener Gemeinderat wählte Franz Jonas am 22. Juni 1951 als Nachfolger von Körner zum neuen

Bürgermeister und Landeshauptmann von Wien. Bei der Nationalratswahl von 1953 wurde Jonas als Vertreter Floridsdorfs in den Nationalrat gewählt, dem er bis 1965 angehörte.

Die Gemeinderats-Wahlergebnisse vom Oktober 1954 brachten der Wiener SPÖ mit 52,7 Prozent der Stimmen wieder die absolute Mehrheit. Jonas bildete wieder eine Koalitionsregierung mit der Wiener ÖVP.

In Wien entstanden in diesen Jahren große Bauwerke. 1955 wurde die Opernpassage eröffnet, die im Volksmund bald "Jonas-Grotte" genannt wurde, das Historische Museum der Stadt Wien neben der

Karlskirche wurde gebaut und im Juli 1958 wurde die Wiener Stadthalle eröffnet.

Die Gemeinderatswahl vom Oktober 1959 brachte der SPÖ eine Steigerung ihrer Stimmenzahl auf 54,4 Prozent und mit 60 Sitzen von 100 den bisher höchsten Mandatsstand. Von 1959 bis 1964 wurden in Wien

48.000 neue Wohnungen errichtet.

Anfang Juni 1961 kamen in Wien der amerikanische Präsident John F. Kennedy und der sowjetische Ministerpräsident Nikita S. Chruschtschow zu vielbeachteten Gesprächen zusammen.

Bei den Wiener Gemeinderatswahlen vom Oktober 1964 errang die Wiener SPÖ 54,7 Prozent der Stimmen.

Angelobung zum Bundespräsidenten

Ende Februar 1965 starb unerwartet Bundespräsident Dr. Adolf Schärf. Die SPÖ nominierte Bürgermeister Jonas zum Kandidaten für die Bundespräsidentenwahl. Die ÖVP stellte den früheren Bundeskanzler

Dr. Alfons Gorbach auf. Bei der Wahl im Mai erreichte Franz Jonas rund 2,324.000 Stimmen oder 50,7 Prozent. Am 9. Juni 1965 erfolgte die Angelobung von Franz Jonas als neuer Bundespräsident vor der

Bundesversammlung (Nationalrat und Bundesrat).

Im März 1966 fanden in Österreich Nationalratswahlen statt, die der ÖVP die absolute Mehrheit brachten. Bundespräsident Jonas beauftragte den früheren Finanzminister Dr. Josef Klaus mit der Bildung

einer Koalitionsregierung, die aber nicht zustande kam. Daher ernannte Jonas am 19. April 1966 eine Alleinregierung der ÖVP unter Bundeskanzler Klaus.

Jonas und die Neutralität

Im August 1968 kam es zum Einmarsch der Truppen des Warschauer Paktes in die Tschechoslowakei. Bundespräsident Jonas nahm in dieser Situation zur Neutralität Österreichs Stellung und sagte: "Die

Neutralität und damit die Sicherheit unseres Landes würden in Gefahr geraten, wenn nicht zwei Grundbedingungen erfüllt werden: Die innenpolitische Stabilität muss gewahrt und der Wille des Volkes,

die Neutralität des Landes zu schützen, muss klar zum Ausdruck gebracht werden. Gerade diese Neutralität unterstützt und erleichtert unsere Bestrebungen, mit allen Staaten möglichst gute Beziehungen

zu unterhalten und den friedlichen Austausch der Wirtschafts- und Kulturgüter zu fördern."

NR-Wahl 1970: SPÖ-Alleinregierung unter Kreisky

Bei den Nationalratswahlen vom März 1970 errang die SPÖ die relative Mehrheit an Stimmen. Bundespräsident Jonas beauftragte daraufhin den Vorsitzenden der größten Partei, Dr. Bruno Kreisky, mit

der Regierungsbildung, zunächst mit der Auflage einer Großen Koalition. Nach sieben Wochen wurden die Koalitionsverhandlungen abgebrochen und Kreisky mit der Bildung einer Regierung auf einer anderen

Grundlage beauftragt. Kreisky schlug die Bildung einer Minderheitsregierung der SPÖ vor.

Da es dazu keine Alternative gab, ernannte Franz Jonas im April 1970 zum ersten Mal in der Geschichte der Republik Österreich eine sozialistische Alleinregierung.

Die Regierung Kreisky wurde im Parlament von der FPÖ (Freiheitliche Partei Österreichs) unterstützt. Mit ihrer Hilfe kam ein neues Wahlrecht zustande, das die Zahl der Mandate von 165 auf 183 erhöhte

und kleinere Parteien unterstützte.

Für die Bundespräsidentenwahlen 1971 schlug die SPÖ wieder Franz Jonas als ihren Kandidaten vor, die ÖVP nominierte den früheren UNO-Botschafter und Außenminister Dr. Kurt Waldheim. Bei der

Bundespräsidentenwahl im April 1971 wurde Franz Jonas mit 2,488.000 Stimmen oder 52,8 Prozent in seiner Funktion als Bundespräsident bestätigt.

Krebsleiden zwang Jonas in die Knie

Im Oktober desselben Jahres fand die Neuwahl des Nationalrats statt, nachdem die SPÖ das Budget und die Wehrgesetz-Novelle mit Unterstützung der FPÖ verabschieden konnte. Die Nationalratswahl

brachte der SPÖ die absolute Mehrheit.

Österreich erlebte am Beginn der siebziger Jahre einen Aufstieg zum modernen Wohlfahrtsstaat und zum anerkannten Mitglied der Völkergemeinschaft. Anfang 1973 erfuhr Jonas, dass er an einem

unheilbaren Krebsleiden erkrankt war. Erst als er nicht mehr in der Lage war, Aktenstücke zu unterzeichnen, wünschte Bundespräsident Jonas im März 1974 eine Vertretung im Amt.

Der Verfassung entsprechend übernahm Bundeskanzler Kreisky die vorübergehende Vertretung des Bundespräsidenten, doch durfte dies nur 20 Tage lang erfolgen. Der Nationalrat verabschiedete ein

Sondergesetz zur Vertretung des Bundespräsidenten. Ab 10. April übernahmen die drei Nationalratspräsidenten (Anton Benya, Alfred Maleta, Otto Probst) als Kollegialorgan die Amtsgeschäfte des

Bundespräsidenten. Am 24. April 1974 verstarb Bundespräsident Franz Jonas.

Johann Vasek ist Mitarbeiter des Bundespressedienstes