Zum Hauptinhalt springen

Vom Außenseiter zum linken Superstar

Von WZ-Korrespondent Peter Nonnenmacher

Politik

Die Strategie des britischen Labour-Chefs Corbyn galt für völlig aussichtslos. Nun liegt er vor den Tories.


Hinweis: Der Inhalt dieser Seite wurde vor 6 Jahren in der Wiener Zeitung veröffentlicht. Hier geht's zu unseren neuen Inhalten.

Brighton. Vor zwölf Monaten noch fragten selbst seine Anhänger bang, ob er sich halten könnte. Seine innerparteilichen Gegner sagten ihm ein baldiges Ende voraus. Als aber Premierministerin Theresa May in diesem Frühjahr Unterhauswahlen ansetzte, überraschte Oppositionschef Jeremy Corbyn Freund und Feind mit einer beachtlichen Wahlkampagne. Statt sang- und klanglos unterzugehen, wie jedermann erwartet hatte, verhinderte er erfolgreich eine erneute Tory-Mehrheit im Unterhaus.

Mittlerweile liegt Corbyns Labour Party in einigen Umfragen bereits knapp vor den Konservativen. Und auf dem Labour-Parteitag dieser Woche in Brighton tritt er 68-jährige Linkssozialist geradezu transformiert auf - als wäre er der Sieger gewesen bei der Juni-Wahl. Die im Wahlkampf von begeisterten Fans angestimmten "Oh-Jeremy-Corbyn"-Gesänge verfolgen ihn nun überall im Kongresszentrum, bis hinaus auf die Korridore. An Souvenir-Ständen kann man jetzt schon Fußball-Schals mit diesen drei Worten erstehen. Sogar eine mit Lichterketten behängte Corbyn-Ikone hat in Brighton die Runde gemacht. Keiner seiner Ex-Kritiker wagt noch, etwas gegen den Parteivorsitzenden zu sagen. Alle zollen "Jeremy" diesen September Tribut. Wiewohl Corbyn selbst immer irgendwie überrascht wirkt von seiner neuen Rolle, kann er sich eines milden Lächelns auf "seinem" Parteitag nicht erwehren.

Linksprogramm kommt an

Grund zum Lächeln hat er. Die Tories liegen sich über dem Brexit heillos in den Haaren. Außerdem zieht ihr altes Austeritäts-Postulat nicht mehr. Das linkssozialdemokratische Labour-Wahlprogramm vom Juni ist bei vielen Briten gut angekommen. Nun sollen weitere in den letzten Jahrzehnten durchgeführte Privatisierungen öffentlicher Bereiche rückgängig gemacht werden. Milliardeninvestitionen sind für die verkümmernden öffentlichen Dienste vorgesehen.

Wie sich das finanziell rechnet, hat Corbyn bislang nicht sagen können. Aber unpopulär sind solche Maßnahmen nicht. Nicht einmal die Aussicht darauf, dass ein Einzug Corbyns in Downing Street zu Kapitalflucht, zu einem Run aufs Pfund führen könnte, scheint Labour noch zu schrecken: Auch wenn Schatten-Schatzkanzler John McDonnell lieber darauf hinweist, wie gut seine Beziehungen zur Wirtschaft sind.

Bemerkenswert ist auf diesem Parteitag, wie sehr Corbyn, wie sehr die Parteilinke den Ton angibt in Brighton - und was für ein neuer, vielstimmiger Enthusiasmus den Kongress bewegt. Die Uniformität der Tony-Blair-Ära hat einem bunten bis chaotischen Treiben Platz gemacht. Labours arrivierte Parlamentarier sehen sich dabei an den Rand gedrängt. Polit-Neulinge, einfache Mitglieder, Gewerkschafts-Obleute sollen sich Gehör verschaffen. Corbyn hat ihnen dafür Platz eingeräumt.

In gewisser Weise scheint das die "vergessenen" Kinder des Mittelstands auf der Insel anzusprechen: Eine britische Jugend, die sich 2017 ohne gewaltige Verschuldung keine weiterführende Bildung, keine eigene Behausung mehr leisten kann. Eine Generation, für die das Leben in London, wo die meisten Jobangebote sich finden, unbezahlbar geworden ist.

Aus dieser Bevölkerungsgruppe speist sich ein Gutteil der "Momentum"-Aktivisten, die jetzt als linke Avantgarde Labours in Erscheinung treten. Vor einem Jahr noch eher im Hintergrund, hat sich diese basisdemokratische Lobby in Brighton stolz und breit in Szene gesetzt. Ihr Einfluss zeugt von sozialen Umbrüchen, vor denen Corbyns Gegner lange die Augen verschlossen. Das war ein böser Fehler. Sie hatten Corbyn unterschätzt.

Im Brexit-Chaos, das die Tories sich und dem Land eingebrockt haben, bietet sich dem Labour-Vorsitzenden eine Chance ohnegleichen. "O Jeremy Corbyn" singen seine Anhänger enthusiastisch in Brighton. Lange war Corbyn nur ein Außenseiter seiner Partei, ein vernachlässigbare Größe. Nun sehen ihn schon viele als kommenden Premier.