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Vom Genuss des Versäumens

Von Judith Belfkih

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Führt es nicht geradewegs in die Revolution, wenn jeder Mensch aufrührerische Schriften kaufen kann? Werden die vielen Bücher das Wissen oberflächlich machen und Menschen verdummen? Werden womöglich obszöne Texte die Jugend verderben? Auch die Erfindung des Buchdrucks, längst als bahnbrechende Errungenschaft in den Geschichtsbüchern verankert, löste Ängste aus - von der (moralischen) Gefahr für den einzelnen Bürger bis hin zur Sorge um die Stabilität der Gesellschaft.

Jede neue Technologie bringt Verunsicherungen und verlangt Antworten auf Fragen, deren bloße Existenz bis dahin niemand auch nur zu ahnen im Stande war. Wird es leichter, sich durch Soziale Medien zu radikalisieren? Werden Menschen nichts mehr wissen, wenn sie online alles nachschlagen können? Wird die Jugend noch Beziehungen führen können jenseits der virtuellen Blasen?

Die Ängste, die die Digitalisierung begleiten, klingen gar nicht so viel anders als jene, die der Buchdruck um sich scharte. Jüngste beschriebene Angst in diesem Zusammenhang ist übrigens die davor, etwas zu verpassen. Fomo - fear of missing out - nennt sich diese latente, angespannte Unruhe, die aus dem Sog Sozialer Medien und der schier unbegrenzten Verfügbarkeit von Information entsteht. Ein Zurück in die Unschuld gibt es auch hier nicht mehr. Doch mit jeder neuen Angst entsteht auch eine neue Lust. Etwa jene daran, sich aus dem Karussell der sich selbst zu Wichtigkeiten stilisierenden Nebensächlichkeiten auszuklinken. Und zu genießen, was man dabei gerade alles verpasst.