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Alt werden wir allE und das ganz von selbst. Dennoch ist es schwer, diesem unabänderlichen Vorgang ohne klischierte Vorstellungen zu begegnen.
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u hast Dich ja gar nicht verändert", flötet eine Klassenkameradin beim 30-jährigen Maturatreffen und ob sie das wirklich als Kompliment meint, ist nicht ganz klar. "Du auch nicht", presse ich hervor und sehe geflissentlich über graue Haare, Falten und aus der Form geratene Figur hinweg. Aber warum zum Teufel soll man sich innerhalb von 30 Jahren nicht verändern dürfen? Schließlich liegt da oft ein ganzes Leben dazwischen mit Hochzeiten, Geburten, Krisen, Erfolgen, Misserfolgen, Scheidungen und Todesfällen. Das prägt und macht einen im besten Fall reifer und klüger.
"Ich habe einen Test gemacht, um mein biologisches Alter festzustellen", erzählt das ehemalige Pummelchen der Klasse, jetzt eine gestählte und sehnige Bergsteigerin, "und eigentlich bin ich fünf Jahre jünger, als auf meiner Geburtsurkunde steht." Ich mache so einen Test auch, beantworte fast wahrheitsgemäß Fragen nach meinen Ernährungsgewohnheiten, Cholesterinwerten, sozialen Kontakten, dem Alkoholkonsum usw. Das Ergebnis ist ernüchternd. Mein bio-logisches Alter ist weit höher als mein gefühltes. Mein kindisches Faible für den Satz "Man ist so alt wie man sich fühlt" bekommt einen Knacks.
Das Testergebnis führt mich zur Erkenntnis, dass es Zeit wäre, den Lebenswandel zu verändern. Gute Idee, meint Jürgen Spona, Professor für Biochemie an der Universität Wien und Leiter des Ludwig Boltzmann Instituts für experimentelle Endokrinologie, dafür sei es schließlich nie zu spät. Allerdings habe ich den optimalen Zeitpunkt, das zu tun, leicht überschritten. Schon mit 35 fängt der Körper an abzubauen, teilt mir Spona mit. Gemeinsam mit der Therapeutin Benita Cantieni hat er ein Buch verfasst zum Thema Well-Aging. "Das Altern kann man nicht aufhalten, deshalb ist Anti-Aging der falsche Begriff", meint er, "Ziel ist es, gesund zu altern und die geistigen Kräfte bis ins hohe Alter zu bewahren." Fürs "gute Altern" empfiehlt er einige Strategien. Bewegung steht dabei an erster Stelle. "Wir lassen unseren Formel-1-Motor im Laufe des Lebens auf die Kraft eines Trabis verkümmern", ist in dem Buch "Well-Aging" zu lesen. Ohne Bewegung verkümmern nicht nur Muskulatur und Stoffwechsel, sondern auch die Seele, ist Spona überzeugt. Gut für die alternde Seele sei auch ein gewisses Maß an Spiritualität ,meint er.
Ein wichtiger Faktor ist die Ernährung, die nach Sponas Erkenntnissen möglichst nahe an der sogenannten Mittelmeerdiät sein sollte. Also gutes Eiweiß in Form von Fisch und weißem Fleisch, Vitamine sowie genügend Omega 3 Fettsäuren. Und das vielzitierte Glas Rotwein darfs auch hin und wieder sein.
Jürgen Sponas Spezialgebiet sind aber die Aminosäuren, deren Auswirkungen auf den menschlichen Organismus er seit Jahren erforscht. "Ein Körper, der ausreichend mit allen lebensnotwendigen Aminosäuren versorgt ist, hat einen optimalen Stoffwechsel, kann jederzeit selber die Junghaltehormone herstellen, die er braucht - oder möchte, bewegt sich gern lustvoll und freiwillig, hält Haut, Haar, Knochen, Muskeln gesund und elastisch, unterstützt alle Organe ideal in ihrer Wechselwirkung", schreibt der Professor in seinem Buch.
Klingt gut, das will ich auch haben. Also schreite ich zum Bedarfscheck in die Praxis von Dr. Spona, lasse mir Blut abzapfen, damit mein Aminosäurenspiegel eruiert werden kann. Kostenpunkt: 90 Euro. Einen Tage später halte ich den Befund in Händen, auf dessen Basis für mich individuell eine Mischung von Aminosäuren zusammengestellt wird. Das in verschiedenen Geschmacksrichtungen erhältliche Pulver ist in Flüssigkeit aufzulösen und mehrmals täglich zu trinken. Die Wirkung stellt sich wie bei allen Nahrungsergänzungsmitteln natürlich nicht sofort ein, sondern mit der Zeit. Hilfts nicht, so schadet es auch nicht, denke ich mir.
Hurra, wir werden älter
Weg des Älterwerdens ist mit vielen Platitüden gepflastert: Das Leben ist ein unaufhörlicher Prozess von Veränderungen. Auch Alterungsprozesse gehören zum Leben. Alt sein ist keine Krankheit. Wann aber beginnt man alt zu sein? Die Weltgesundheitsorganisation WHO teilt wie folgt ein: Ältere Menschen sind zwischen 60 und 75, alt ist man zwischen 75 bis 90, noch ältere gelten als sehr alt beziehungsweise als hochbetagt. Bis ins Jugendalter hinein erlaubt das kalendarische Alter gute Rückschlüsse. Im Erwachsenenalter vergrößern sich die Unterschiede zwischen den Individuen zunehmend und abhängig von persönlichen Entwicklungen und Lebenswegen. Im Alter sind die Unterschiede zwischen Menschen gleichen Alters dann so groß, dass ein 70-Jähriger geistig ebenso leistungsfähig sein kann wie ein 50-Jähriger, aber ebenso kann ein 70-Jähriger aussehen und sich fühlen wie ein 90-Jähriger. Laut einer Studie des Berliner Max Planck Instituts for Human Developement fühlen sich Menschen über 50 heute mindestens um 12 Jahre jünger, als sie tatsächlich sind.
Die allgemein übliche Definition 50 plus zur Beschreibung fortgeschrittenen Lebensalters ist sowieso reichlich unscharf. Frauen und Männer, die in dieser Phase ihres Lebens voll im Berufsleben stehen, die Karriereleiter vielleicht endlich hinaufgeklettert sind oder sich aus beruflichen oder privaten Gründen völlig neu positionieren müssen, empfinden es als diskriminierend, ins Alteneck geschoben zu werden.
Die heute über 50-Jährigen sind die reichste Generation, die es in Österreich und Deutschland jemals gab. In Österreich stehen den über 50-Jährigen an die 30 Milliarden Euro Vermögen zur Verfügung, die jährliche Kaufkraft überschreitet 18 Milliarden Euro. Die Zielgruppe der Männer und Frauen 50 plus ist jedoch so inhomogen wie kaum eine andere. Lebenswandel und Einstellungen definieren die einzelnen Gruppen viel stärker als das Alter.
Die Generation 50 plus wird auch in den nächsten Jahren die Mehrheit der Bevölkerung stellen, wie demografische Zahlen belegen. Drei Millionen über 50-Jährige machen schon jetzt über ein Drittel der Bevölkerung Österreichs aus. In 20 Jahren werden laut Berechnungen der Statistik Austria 45 Prozent der Österreicher, das sind rund vier Millionen, ihren 50. Geburtstag bereits gefeiert haben. Europaweit sind derzeit etwa 150 Millionen Menschen über 50 Jahre alt. Eine ältere Gesellschaft ist jedoch nicht automatisch eine kränkere oder pflegebedürftigere Gesellschaft. Dank der Fortschritte der modernen Medizin schiebt sich die Pflegebedürftigkeit altersmäßig weit nach hinten. Und eine positive Einstellung zum Altern erhöht Studien zufolge die Lebenserwartung überdies um bis zu acht Jahre.
Wissenschafter glauben, dass die nächsten Generationen leicht 100 Jahre alt werden könnten. Welche Umwälzungen das für die Gesellschaft bedeutet, lässt sich anhand der aktuellen europaweiten Debatten über das Pensionsantrittsalter erahnen. Kann man wirklich rechtfertigen, dass Menschen dann in der Mitte ihres Lebens ihr Erwerbsleben beenden?
sex please, we are old
den gängigen Vorurteilen, dass ältere Menschen keinen Sex brauchen oder sich nicht mehr nach erotischer Zweisamkeit sehnen, räumt schließlich die amerikanische Sexualtherapeutin Ruth Westheimer auf. In ihrem Bestseller "Silver Sex" kämpft sie gegen das Klischee, dass Alter und Sexualität nicht zusammen passen. Da Sex in der zweiten Lebenshälfte, wann immer man die jetzt ansetzen möchte, anderen psychischen und physischen Bedingungen unterliegt, funktioniert das Liebesleben zwar anders als zu Sturm- und Drangzeiten, schreibt sie, aber es funktioniert. Die Tipps, die sie in ihrem leicht fasslichen Ratgeber gibt, sind denkbar einfach: Miteinander reden, sich nicht gehen lassen, Partner und Freunde nicht für selbstverständlich nehmen.
Das könnten sich auch sehr viel jüngere Menschen zu Herzen nehmen. Jugendlichkeit hat eben nur bedingt mit dem Alter zu tun.
Buchtipps.
Benita Cantieni, Jürgen Spona: Well-Aging: Econ-Verlag, ISBN 3-430-11618-X,
17,95 Euro
Ruth K. Westheimer: Silver Sex:
Verlag Humboldt, ISBN 978-3-86910-468-3, 10,30 Euro
Frank Schirrmacher: Das Methusalem-Komplott:
Verlag Heyne, ISBN: 978-3-453-60009-6, 8,20 Euro
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