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Vom Lesemuffel zum Bücherwurm im Zeitraffer

Von Bettina Figl

Politik

"International völlig peinlich": 28 Prozent können nicht sinnerfassend lesen.


Wien. Diesen Herbst steht Lesen hoch im Kurs, die Liste der Maßnahmen zur Leseförderung ist lang: Alphabetisierungs- und Crashkurse, begleitende Leseförderung in allen Fächern. Damit reagiert man auf die schlechten Resultate des Wiener Lesetests, der heuer erstmals in allen Wiener vierten und achten Schulstufen stattfand. Er ergab: Jeder vierte Zehnjährige hat Probleme beim Lesen, bei den 14-Jährigen sind es 19 Prozent.

Der Test war umstritten: Einige Volksschullehrer kritisierten Zeitdruck und das Vorlesen eines Standardtextes. Dass die Ergebnisse deshalb nicht valide seien, lässt man im Stadtschulrat aber nicht gelten.

Rupert Corazza, Bezirksschulinspektor und Leiter der "Soko Lesen", sagt gegenüber der "Wiener Zeitung": "Wenn bei Pisa rauskommt, 28 Prozent der Schüler sind Risikoschüler, ist das international völlig peinlich, und man muss sich auf solche Vergleichsverfahren einstellen." Nur wenn die Schüler solche Tests noch nie gesehen hätten, wäre ein schlechteres, nicht den tatsächlichen Lesefertigkeiten entsprechendes Abschneiden möglich. "Wir erwarten von unseren Lehrern, dass sie - neben aller individueller Freiheit - auch ein paar standardisierte Tests durchgeführt haben." Alfred Schabmann war ebenfalls bei der "Soko Lesen" und ist Bildungspsychologe an der Uni Wien. Er hat die lesefördernden Projekte mitentwickelt und meint: "Wenn jemand sagt, die Daten sind nicht aussagekräftig, verschließt er die Augen." Andere Experten kritisieren den Test, unter ihnen Stefan Hopmann. Der Bildungswissenschaftler an der Uni Wien nannte den Test "schwach konstruiert" und "diagnostisch untauglich". Dass den Eltern die Ergebnisse nicht erklärt wurden, ist für ihn "ethisch völlig unvertretbar".

Wie wird man in sechs Wochen zur Leseratte?

Doch dass es Leseschwäche in Wien gibt, ist unumstritten - und wie den Betroffenen geholfen werden kann, wurde am Dienstag in der Arbeiterkammer Wien diskutiert. Ein zweimonatiger Crashkurs soll die Lesefertigkeiten von Kindern mit schlechten Deutschkenntnissen verbessern. Aber kann Leseschwäche in sechs bis acht Wochen wegtrainiert werden? Corazza sagt, man müsse unterscheiden: Buchstabenerkennung und Lesegeschwindigkeit könne man in "zwei, drei Monaten" verbessern. Schwieriger sei der Ausbau des Wortschatzes.

Der Wiener Lesetest geht Ende Februar in die zweite Runde: Die leseschwachen Schüler müssen den Test wiederholen. Zudem werden - wie schon 2011 - alle Schüler der vierten und achten Schulstufe getestet.