)
Besonders die wissensbasierte Wirtschaft braucht weise Manager.
Hinweis: Der Inhalt dieser Seite wurde vor 13 Jahren in der Wiener Zeitung veröffentlicht. Hier geht's zu unseren neuen Inhalten.
Wien. Der antike Philosoph Platon forderte, dass die Könige Philosophen werden müssten, damit es um Staat und Menschheit gut bestellt sei. So weit geht der renommierte Management-Forscher Ikujiro Nonaka nicht. Einen Mangel an Weisheit stellt allerdings auch er bei heutigen Führungskräften fest. Dieses Defizit sei gerade in der andauernden Finanz- und Wirtschaftskrise offensichtlich geworden, meint er.
Was Nonaka unter einer "weisen Führungskraft" versteht, erklärte er bei einem Vortrag an der Wirtschaftsuniversität Wien. Mit "Weisheit" ist nicht eine abstrakte theoretische Einsicht gemeint, sondern eine praktische Weisheit, die Nonaka in Anlehnung an Aristoteles "Phronesis", zu deutsch "Klugheit", nennt. Als "Phronesis" bezeichnet Aristoteles die Fähigkeit, in einer konkreten Situation das moralisch Gute und Angemessene zu erkennen und danach zu handeln.
Nonaka überträgt dies auf die wissensbasierte Wirtschaft und das Wissensmanagement. "Erfolgreiche und nachhaltige Innovation stellt immer einen Nutzen für den Kunden oder eine Verbesserung seiner Lebensqualität dar", sagt er. Jede Führungskraft, die Innovation hervorbringen und damit neues Wissen generieren will, muss sich fragen: Was ist das Gut, das wir anbieten, inwiefern verbessert es die Lebensqualität des Kunden und was macht Lebensqualität überhaupt aus?
Der iPod ist kein Gerät, sondern ein Ereignis

"Vielen Führungskräften fehlt das Verständnis für die eigenen Produkte", beklagt Nonaka. Sie würden zu sehr in gegenständlichen Kategorien denken. Als Gegenbeispiel führt er Steve Jobs und Apple an. Das einzigartige Gut am Produkt iPod sei nicht das Gerät zum Abspielen von Musikdateien, sondern die mobile Verfügbarkeit von Multimedia-Inhalten. Das eigentliche Produkt sei also ein immaterielles Gut, ein Ereignis, das durch den iPod und den Online-Dienst iTunes zugänglich ist. Die Klugheit von Steve Jobs bestand folglich darin, dies als einzigartigen Wert zu erkennen und Apples Produktstrategie langfristig darauf auszurichten. Erst durch seine visionäre Führung wurde Apple zur wertvollsten Marke der Welt.
Gerade Führungskräfte in wissensbasierten und wissensgenerierenden Wirtschaftszweigen wie etwa im Technologie- und IT-Bereich sollten laut Nonaka über das richtige Verständnis von Wissen verfügen. "Wissen ist nicht einfach eine Information, die man erlangen kann; Wissen entsteht aus einem Bedeutungszusammenhang heraus", erklärt er. Neues Wissen entstehe dort, wo verschiedene Menschen mit individuellen Kontexten und Sichtweisen zusammentreffen und sich austauschen. Eine der wichtigsten Aufgaben eines Unternehmenschefs sei es deshalb, Räume für diesen Austausch zu schaffen.
Die sechs Bestandteile weiser Unternehmensführung

Ikujiro Nonaka nennt diese Räume, in denen neues Wissen entstehen soll, "Ba". "Ba" ist japanisch und bedeutet soviel wie "Raum" oder "Platz". "Natürlich sind regelmäßige Zusammentreffen fester Bestandteil vieler Unternehmen, aber diese Konferenzen sind meist keine Ba", sagt er. In den meisten Besprechungen gehe es vor allem um das Wie eines Produkts, also seine Umsetzung. Ein echter Ba allerdings beschäftige sich mit dem Was eines Produkts. Das Schaffen eines Ba ist, nach dem visionären Denken, der zweite Bestandteil weiser Unternehmensführung. Nachdem ein weiser Firmenchef einen ganzheitlichen Blick für einen Wert oder ein Gut entwickelt hat, muss er Raum für Innovation in diese Richtung schaffen. Doch eine Vision allein reicht nicht. "Praktische Weisheit beinhaltet auch ein Gespür für die konkrete Situation", betont Nonaka. Die dritte Aufgabe weiser Unternehmensführung ist daher das richtige Beurteilen einer Situation, die vierte Aufgabe ist das richtige Kommunizieren dieser Erkenntnis.
Eine Führungskraft soll keinBuchhalter sein
Der fünfte Bestandteil wirtschaftlicher Klugheit ist laut Professor Nonaka das Ausüben politischer Macht. "Politische Macht" meint hier, andere Menschen von der eigenen Vision überzeugen und unterschiedliche Ansichten und Kontexte zu bündeln. Die sechste und letzte Aufgabe einer weisen Führungskraft ist die Weitergabe dieser Klugheit an andere.
Die größte Herausforderung sieht Nonaka im ersten und letzten Schritt. "Gerade große Unternehmen haben oft starre Strukturen, die sich zu sehr auf die Analyse des Bestehenden konzentrieren. Sie denken in allen Belangen gleichermaßen buchhalterisch", urteilt er. Weise Unternehmensführung liegt aber nicht in Detailfragen, sondern im ganzheitlichen Blick. Deshalb sieht Nonaka eine breite Allgemeinbildung als sehr wichtig an. Diese bringe Offenheit für andere Sichtweisen und Visionen. "Eine Vision ist immer ein Ideal", sagt Nonaka. Das Ziel eines Ideals sei nicht immer, dass man es auch tatsächlich erreicht. "Oft genügt es schon, dass dadurch die Grenzen des Möglichen erweitert werden."
)
)
)
)