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Vom Zauber des Unterwegsseins

Von Anita Ericson

Reflexionen
Unterwegs
© Fotolia

Reisende hegen eine gewisse Rastlosigkeit, Neugier auf das, was hinter dem nächsten Hügel liegt, den Wunsch fremde Menschen kennenzulernen. Sonst könnten sie ihre Reise ja gleich Urlaub nennen.


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Barfuß, nur mit einem Lendenschurz und langen Umhängeketten bekleidet, schritten sie die staubige Gasse hinunter. Winzige Frauen in verschlissenen Saris boten an wackeligen Holztischen Opfergaben und Heiligenidole feil. Dumpfe Trommelschläge aus dem düsteren Tempelinneren hinter dem hohen Tor beschleunigten ihre Schritte.

Diese Worte stammen mitnichten aus einem historischen Bericht - so gesehen vor kurzem in Südindien. Sie stehen deswegen am Anfang einer kleinen Kulturgeschichte des Reisens, weil tatsächlich Pilger die ersten Reisenden waren. Wallfahrten gab es in den meisten Hochkulturen der Menschheit, im alten Ägypten wie im frühen Indien. In Fernost ist die Pilgertradition bis heute ungebrochen. Bei uns im Westen geriet das Wallfahren zwischenzeitlich ein wenig in Vergessenheit, erst seit einigen Jahren fasziniert das Gehen auf alten Pilgerrouten die Menschen von Neuem. Der Jakobsweg, der zu den ältesten heiligen Routen Europas zählt, wird mittlerweile jährlich wieder von über hunderttausend Wanderern begangen.

Auch Handelswege durchzogen in vorchristlichen Zeiten Europa und Asien, die sich streckenweise mit den Pilgerstraßen deckten. Bekannt ist die Bernsteinstraße, auf der die begehrten goldbraunen Steine von der Ostsee nach Rom transportiert wurden. Legendär ist die Seidenstraße, wo neben Seide Pelze, Jade, Edelsteine oder Gold in vielen Stationen zwischen China und Europa verhandelt wurden. Vor der gründlichen Kartographierung der Weltmeere war sie die wichtigste interkontinentale Verbindung aus europäischer Sicht.

Selten begab sich der Business-Traveller von damals auf die ganze Tour. 6000 Kilometer in einem Stück zurückzulegen, hätte, wenn alles gut verlief, mindestens ein Jahr gedauert. So viel Zeit hatte man nicht einmal damals. Einer der wenigen, der sich an dieses mühsame Abenteuer wagten, war Marco Polo, der zusätzlich von missionarischem Eifer getrieben war. Seine Reiseerinnerungen, die er nach 24 Jahren wohlbehalten zurück in der Heimat niederschrieb, sind weltberühmt, wenngleich sie Wissenschaftlern Grund zu Zweifeln an seinem langjährigen Pekingaufenthalt geben.

Die Seidenstraße war ein Netz aus unterschiedlichen Routen, die an Knotenpunkten im heutigen Westchina und Usbekistan zusammenliefen. Sie dient diesen Regionen nunmehr als touristisches Zugpferd. Vielerorts darf man sich hier in der Tat wie im frühen Mittelalter fühlen, wobei wir gar nicht von den Toiletten sprechen möchten: Nomadenzelte in strohdürren, endlosen Weiten, junge Mädchen bei der händischen Baumwollernte, Kamele im eisigen Sturm am Rand der Wüste Taklamakan usw.

Kavalierstouren. Mit der Renaissance brach die Zeit der großen Entdeckungen an. Bartolomeu Diaz umschiffte die Südspitze Afrikas, Christoph Columbus entdeckte Amerika und Ferdinand Magellan initiierte die erste gelungene Weltumsegelung. Ausgerechnet ein Österreicher, Christoph Carl Fernberger, zählte zu den ersten Abenteurern, die ebenso die Welt per Schiff umrundeten. Allerdings tat er es unfreiwillig, weil er in Amsterdam statt des Schiffes nach Genua jenes nach Guinea nahm. Seine Aufzeichnungen sind wunderbare Schilderungen des Unterwegsseins im frühen 17. Jahrhundert.

James Cook, Mungo Park, Alexander von Humboldt und Charles Darwin unternahmen im 18. und 19. Jahrhundert kühne Fahrten, um auch noch den letzten Winkel zu erforschen und zu vermessen. Gleichzeitig wurde Europa befriedet und Reisen in der besseren Gesellschaft en vogue. Adelssöhne wurden zum Abschluss ihrer Bildung auf mehrjährige Kavalierstour geschickt, die immer auch Italien, als Wiege der abendländischen Kultur, zum Ziel hatte. Wissenschaftler und Maler, Dichter und Denker erweiterten ihren Horizont ebenfalls auf ausgedehnten Europatrips. Das berühmteste literarische Zeugnis darüber legte Goethe in seiner Italienischen Reise ab. Wie er feststellte, reist man "ja nicht um anzukommen, sondern um zu reisen."

Den Spuren von Cook, Goethe & Co folgen heute Studien- wie Rucksackreisende gleichermaßen. Ausgestattet mit deutlich unterschiedlicher Abenteuerlust, betrachten die einen beim Streben nach Bildung auch noch das hundertste Mosaikmotiv mit ungebremstem Interesse, während die anderen sich beim Streben nach Erfahrung auf eine Opiumpfeife bei den Bergstämmen Thailands einlassen. Noch viel mehr Menschen jedoch ist das Reisen auf langen Wegen abhanden gekommen, das, was gemeinhin als Urlaub bezeichnet wird, hat den Charakter des Reisens im goetheschen Sinn verloren: Da wird schon gemault, wenn das gebuchte Strandhotel weiter als anderthalb Stunden vom Flughafen entfernt liegt - und wehe es gibt kein Wiener Schnitzel am Buffet. Das einzige Abenteuer ist oft genug das Chaos beim An- und Abflug.

Mit der Eisenbahn. Die industrielle Revolution veränderte die Welt binnen 50 Jahren drastisch. Eisenbahn und Dampfschiff lösten Postkutsche und Segler ab, Privatfahrten wurden immer selbstverständlicher - für jene Gesellschaftsschichten, die es sich leisten konnten. Man ging auf Kur, wie Hesse in seinem Buch "Kurgast" unübertrefflich pointiert schildert. Man ging auf Sommerfrische und auf Bildungstour. Der Adel erschloss - wie er vergeblich hoffte - nicht nur für sich, neue Terrains wie das Hochgebirge und die Meeresküsten. Außereuropäisch freilich galt es, Abenteuer zu bestehen. Erstmals in der Geschichte des Reisens machten sich nun auch Frauen auf den Weg. Und wieder kam ein Pioniergeist aus Österreich: Ida Pfeiffer umrundete als erste Frau alleine die Welt. Als 45-Jährige hatte sie sich von allen biedermeierlichen Zwängen gelöst und war ihrem Fernweh erlegen. Eine Leidenschaft, die sie mit dem Tod bezahlte, ihr war kein Ziel zu ausgefallen. Sie betrat das xenophobe China, besuchte die Menschenfresser von Sumatra und überquerte die Anden. Die Expeditionen finanzierte sie durch ihre erstaunlichen Berichte, die weitgehend frei von Dünkel und sehr spannend zu lesen sind.

Pauschalreisen. Die Engländer, durch ihre Kolonien weltneugierig und reich geworden, waren es schlussendlich, die den Massentourismus begründeten. Genauer gesagt Thomas Cook, der die Pauschalreise erfand. Die von ihm erstmals organisierten Nilkreuzfahrten waren auch deswegen ein Meilenstein in der Geschichte des Tourismus, weil sie selbst für den Mittelstand leistbar waren.

Es dauerte aber noch bis in die 1960er bis auch Arbeiter hinreichend Geld und Freizeit hatten, um eine Reise anzutreten. Ansichtskarten aus der Fremde wurden von den Empfängern wohl gehütet. Zitronenbäumchen in Italien, die Promenade des Anglais in Nizza reichten aus, um Sehnsucht zu wecken, von Elefanten oder Palmen zu träumen, kam noch niemand in den Sinn. Erste Bettenburgen wurden gebaut und das Flugzeug als Transportmittel für Badetouristen entdeckt, die es ins prestigeträchtige Spanien oder ins billige Bulgarien zog. Mit einem Flug konnte man wochenlang im Bekanntenkreis angeben.

Fliegen ist heute selbstverständlich, der Weg gilt den Alltagsflüchtigen als notwendiges Übel zur Erreichung ihres Urlaubszieles - und selbst das rückt vermehrt in den Hintergrund, das Hotelresort wird zur Destination. Doch auch der Reiz des Reisens hat Bestand. Kulturgenuss beim Citytrip, Bildungsfahrten zu römischen Ruinen, Safari in Ostafrika, Bergsteigen in Nepal. Dem Einzelnen bleiben Zeit seines Lebens genug weiße Flecken auf der persönlichen Landkarte, um immer wieder zu neuen Entdeckungen aufzubrechen.

Lesetipps

Promedia Verlag: Zahlreiche historische Reiseberichte von Frauen, u.a.

Ida Pfeiffer in der Edition Frauenfahrten

(www.mediashop.at)

Edition Erdmann: Schöne gebundene Bücher zu den wichtigsten Entdeckern und Weltreisenden (www.edition-erdmann.de)

Christoph Carl Fernberger: In sieben Jahren um die Welt - Die Abenteuer des ersten österreichischen Weltreisenden (1621-1628). Folio Verlag Wien

Johann Wolfgang von Goethe: Italienische Reise. Insel Taschenbuch

Hermann Hesse: Kurgast. Suhrkamp Taschenbuch

Daniel Kehlmann: Die Vermessung der Welt. Rowohlt Verlag