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Die von den USA geführte Koalition kann Afghanistan nicht verlassen. Also muss sie - wie vor 150 Jahren die Briten - mit der Bevölkerung in Afghanistan zusammenarbeiten.
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Wenn es um Afghanistan geht, haben die Briten eine besondere Perspektive: Jeden Fehler, den die USA jetzt dort machen, haben sie schon vor 150 Jahren gemacht. Es kann also nicht schaden, in der Debatte über die richtige Afghanistan-Strategie auch britische Experten zu Wort kommen zu lassen.
Afghanistan hat die Briten im 19. Jahrhundert fast in den Wahnsinn getrieben. Sie konnten das Land nicht kontrollieren, aber sie konnten auch nicht mehr weg. Es war keine militärische Lösung in Sicht, aber auch keine nichtmilitärische. Es ging nur noch darum, das Chaos zu bändigen. Klingt bekannt?
Die beste Lösung, welche die Briten fanden, war eine Zusammenarbeit mit den Stammesführern. Sie zahlten ihnen Schmiergelder und versuchten, sie auf ihre Seite zu ziehen, ließen sonst aber alles beim Alten. Afghanistan ist dadurch ein rückständiges Land geblieben. Die Alternative wäre aber endloses Blutvergießen gewesen.
Auch heute noch ist dieser Ansatz, mit den Stammesführern zusammenzuarbeiten, die vergleichsweise beste Lösung. Und sie dürfte auch einen wichtigen Teil der neuen Strategie von US-Oberbefehlshaber Stanley McChrystal ausmachen, bei der viel von "bevölkerungszentriertem" Vorgehen die Rede ist und in Richtung Taliban-Kämpfer von "Wiedereingliederung". Vereinfacht ausgedrückt heißt das alles: Wenn ihr mitmacht, bekommt ihr Geld, Arbeit und vielleicht auch Waffen.
Ein früherer CIA-Mitarbeiter mit Afghanistan-Erfahrung interpretiert McChrystals neuen Ansatz folgendermaßen: "Hinaus ins Hinterland und mit der lokalen Bevölkerung leben. Gib ihnen Geld und Waffen und nutze die Warlord-Struktur."
Auch von britischer Seite habe ich nicht viele Einwände gegen McChrystals Pläne gehört. Die von den USA geführte Koalition könne Afghanistan nicht verlassen, also müsse sie mit der afghanischen Bevölkerung zusammenarbeiten. Sich allein darauf zu beschränken, Al-Kaida-Kämpfer zu töten, wie das manche McChrystal-Kritiker fordern, wird von den Briten als zu riskant eingeschätzt. "Man kann nicht nur Terrorabwehr betreiben", erklärte mir ein britischer Afghanistanexperte. "Zöge man die Truppen ab, würde alles kollabieren. Kandahar wäre innerhalb einer Woche in der Hand der Taliban."
Meine britischen Gesprächspartner äußerten sich positiv zu McChrystals Plänen der Integration auf lokaler Ebene, der eine Aussöhnung auf nationaler Ebene folgen soll. Frühere Aufständische sollen eingegliedert und die lokale Verwaltung soll gestärkt werden.
Aber auch etwas Kritik an McChrystals neuer Strategie bekam ich zu hören. So bezweifeln zum Beispiel manche, dass es wirklich nötig ist, noch mehr US-Truppen nach Afghanistan zu schicken. "Die Vorstellung, dass man Menschen mit Militärmacht an den Verhandlungstisch bekommt, ist falsch", meint ein führender britischer Afghanistan-Experte: "Es wird nicht funktionieren, wenn man nicht gleich das ganze Land kolonisieren will. Eine Festung zu bauen und Männer in Uniformen zu stecken, stachelt alle nur noch mehr an, statt sie zu beruhigen." Da hat er wohl recht: Mehr Truppen bedeuten nicht automatisch mehr Sicherheit.
Eine andere Warnung von britischen Experten bezieht sich auf die alten Stammes-strukturen, die heute nicht mehr funktionieren: Jahrzehnte des Krieges haben sie zerstört. Die Macht ist mittlerweile von den Stammesführern zu den Drogendealern übergegangen, zu den Waffenschmugglern und den Talibankämpfern. Um daran etwas zu ändern, könnte sich als McChrystals bestes Mittel Geld erweisen. Denn wenn die Briten eines in diesem Teil der Welt gelernt haben, so ist das die Nützlichkeit von kalten, harten Münzen.
Übersetzung: Redaktion

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