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Von der Schreibstube zum Büroturm

Von Thomas Karny

Wirtschaft
Grünpflanzen: Der Arbeitsplatz als privater Dschungel.

Einst gelittenes Anhängsel der Produktion, heute mächtiges Symbol der Dienstleistungsgesellschaft und Spielwiese der Blender und Selbstverwalter: das Büro.


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Das moderne lean management wollte die Hierarchien flach, die Verwaltung schlank und den Office-Bereich durch den Einsatz moderner Technologien von jedwedem gegenständlichen Ablagenballast frei halten. Doch den virtualitätsverliebten Visionären zum Trotz verwendet der moderne Büroangestellte noch immer Papier, blättert in Ordnern, bündelt diverse Bestände mittels Büroklammern und greift zu Kugelschreiber und Stempel. Er sitzt auf ergonomisch geformten Stühlen vor funktionellen Schreibtischen und nutzt das Inventar der Kästen und Rollcontainer. Zwischendurch drückt er sich einen Kaffee aus dem Automaten, liest sich rasch eine neue Dienstanweisung durch und legt zwischen Kundentelefonat und Protokoll einen Plausch mit den Kollegen ein. Eigentlich scheint der Arbeitsalltag für einen Büromenschen ja ganz angenehm zu sein.

Der Ursprung der modernen Büroarbeit findet sich in den Schreib- und Amtsstuben der öffentlichen Verwaltung, deren Leitbild von straffen Hierarchien, eindeutigen Zuständigkeiten, Akkuratesse und Loyalität bestimmt war. Die Mindestanforderung für Amtstätigkeiten war eine saubere Handschrift. Stahlfeder, Federhalter, Tintenfass und Löschpapierwippe stellten die basalen Gerätschaften dar. Wirklich bequem war die Arbeit allerdings nicht, denn sie wurde im Stehen an abgeschrägten Pulten und meist in düsteren Räumen verrichtet. Gaslicht und Glühlampe harrten noch der Einführung. Briefsortierfächer und Archivschränke dienten der Ablage, Karteikarten der alphabetischen Sortierung. Die Tatsache, dass die Unterteilung der Arbeitsbereiche in Abteilungen und Referate die Effizienz der Verwaltung deutlich steigerte, ließ die öffentliche Bürokratie zum Vorbild für die Privatwirtschaft werden.

Denn dort fristete das Büropersonal lange Zeit ein kümmerliches Dasein im Schatten der Produktion. Während in großzügig angelegten Fabrikshallen Arbeiter die Maschinen in Gang hielten, war die Verwaltung in einem kleinen Nebengebäude, manchmal auch nur in einer Baracke untergebracht. An der Wende zum 20. Jahrhundert kamen auf 100 Arbeiter zwei bis drei Büroangestellte. Mittlerweile hat sich das Verhältnis völlig verkehrt. Selbst in Produktionsbetrieben arbeiten heute mehr Personen in der Verwaltung als in der Fertigung. Nicht mehr der rauchende Schlot, sondern der gläserne Büroturm versinnbildlicht die Mächtigkeit eines Unternehmens.

Ihren Anfang nahm diese Entwicklung in den USA, als Ende des 19. Jahrhunderts die Gründung von Kapitalgesellschaften ein starkes Wachstum erfuhr und eine funktionale Gliederung der Verwaltung vonnöten war. In der Buchhaltung, der Kostenrechnung, dem Lagerwesen und dem Postversand arbeiteten nun Sachbearbeiter, denen ein Büroleiter vorstand. Die 1874 von Sholes & Glidden erste serienmäßig hergestellte Schreibmaschine löste nicht nur eine bürotechnische Umwälzung aus, sondern kreierte auch das neue Berufsbild des Typisten und förderte die Feminisierung der Büroarbeit. 1900, als Underwood sein legendäres "Modell 5" auf den Markt brachte, zählte man in den USA 86.000 Stenographinnen und Typistinnen, aber nur 26.000 männliche Kollegen.

Nach dem Vorbild der industriellen Rationalisierung wurden in riesigen Sälen Schriftstücke verfertigt. Wiewohl diese Tätigkeit von vielen Frauen angestrebt wurde und zuweilen den Aufstieg vom Proletariat ins prestigeträchtige Angestelltenverhältnis bedeutete, war sie von hoher Fluktuation gekennzeichnet. Das Anschlagen der Typen war kraftaufwendig, der Lärmpegel hoch, die Arbeit einseitig. Dadurch ausgelöste Nervosität, Schwerhörigkeit und wiederkehrende Sehnenscheidenentzündungen erzwangen oftmals die Aufgabe der Arbeit. Dennoch hat sich beispielsweise in Deutschland in den ersten drei Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts der Anteil der weiblichen Angestellten verfünffacht.

Permanent erreichbar

Das "Büro", das sich etymologisch vom altfranzösischen "bure" - der Bezeichnung für den groben Wollstoff, mit dem die Schreibtische in den altehrwürdigen Kontoren überzogen waren - ableitet, setzte sich sehr schnell als Sammelbegriff für Orte durch, wo Daten gesammelt, verwaltet und ausgewertet werden: vom Politbüro über das Wettbüro bis zum Federal Bureau of Investigation. Wer im Büro arbeitete, hatte keine schmutzigen Hände, sondern einen "white collar", bediente sich einer gewählten Ausdrucksweise und verfügte über gute Manieren. Denn im Gegensatz zum Arbeiter, der sich üblicherweise unter seinesgleichen bewegte, hatte der Angestellte auf Grund seiner oftmals externen Kontakte eben nicht nur mit Gleichgesinnten und Gleichgestellten zu tun.

Rasch erfuhr das Büro eine technologische Aufrüstung: Neben dem Telefon und dem Fernschreiber gab es bald das erste Diktaphon mit dem 1935 von BASF erfundenen Tonband. Lochkarten und Magnetstreifenkonten beschleunigten Rechen- und Buchungsvorgänge. Gegensprechanlagen zwischen Vorzimmer und Chefresidenz ersparten Gehwege. Die vom Kopierer-Pionier Rank Xerox auf den Markt gebrachten Geräte machten ab etwa 1960 die mittels Kohlepapier angefertigten Durchschriften nach und nach überflüssig. Zwanzig Jahre später löste der Personal Computer einen bis heute anhaltenden Innovationsschub aus. Die digitale Erfassung von Daten erlaubte eine schnellere Verarbeitung, ermöglichte Speicherkapazitäten von bis dahin ungeahntem Ausmaß und gestattete den sekundenschnellen Zugriff auf riesige Datenmengen.

Die Vorstellung jedoch, dass Laptop, Mobiltelefon und Internet ein mobiles Büro ermöglichen, das sich als home office von zu Hause aus betreiben lässt, fand ihre Erfüllung weniger in der Arbeitserleichterung als im Fluch: Permanente Erreichbarkeit ist für Mitarbeiter vom mittleren Management aufwärts, aber auch für Chefsekretärinnen nahezu gang und gäbe. Nämlich über den offiziellen Dienstschluss hinaus. Wer Anrufe und Mails vom Chef nach Feierabend und am Wochenende ignoriert, verstößt gegen die teils ungeschriebenen, teils mit Überstundenpauschalen eingeführten Regeln der neuen Arbeitswelt. Und die Videokonferenz, die die gemeinsame Anwesenheit an einem gemeinsamen Ort überflüssig macht, wird zwar genutzt, wenn die europäische Zentrale mit ihren asiatischen und südamerikanischen Niederlassungen über Zeit und Raum hinweg in Kontakt treten möchte, hat aber zu keiner merklichen Reduzierung an Besprechungsräumen geführt. Warum auch? Schließlich ist das Büro - auch - der Tummelplatz für Selbstdarsteller, die ihre Existenzberechtigung vor allem von ihrem schillernden Auftritt in Teamsitzungen, Projektgruppen und Arbeitskreisen ableiten.

In diesen oftmals heterogenen Zusammenrottungen der Experten und Blender, so stellte der britische Soziologe C. Northcote Parkinson bereits 1957 fest, werden zumeist nicht die wichtigsten, sondern die einfachsten Themen am ausführlichsten behandelt, weil davon die meisten Teilnehmer etwas verstehen. Als Beispiel nannte er eine Diskussion im britischen Finanzausschuss über die Bereitstellung von Sitzungskaffee, die mit über fünf Stunden doppelt so lange dauerte wie die millionenschwere Entscheidung über den Bau eines neuen Kraftwerks.

Nicht selten werden im Zuge von Arbeitskreisen aber auch jene verbindlichen Instrumentarien eingeführt (und scheinbar demokratisch abgesegnet), die nichts mehr mit der betrieblichen und fiskalen Verwaltung zu tun haben, sondern nur mehr dem Autobürokratismus dienen: Zielvereinbarung, Evaluierung, Bilanzgespräch, Monitoring sind dem im Büro tätigen Menschen wohlvertraute Begriffe, die verbal bloß den eigentlichen Zweck verschleiern: die Kontrolle des Mitarbeiters und seines Tuns.

Ob die individuelle Gestaltung des Arbeitsplatzes die hohe Identifikation mit der Arbeit zum Ausdruck bringt oder das Empfinden der Hilflosigkeit gegenüber den sogenannten effizienz- und produktivitätssteigernden Maßnahmen kaschiert, mag allgemein nicht beantwortbar sein. Nirgendwo anders jedoch findet man eine derart offensichtliche Verschmelzung von Privatem und Beruflichem wie im Büro. Das Foto von der Familie gesellt sich so selbstverständlich zum PC wie das persönliche Kaffeehäferl zum Schreibtischköcher, und das Background-image zeigt natürlich unser aktuelles Lieblingsmotiv. An der Pinnwand findet man neben Notizen zu innerbetrieblichen Abläufen die Ansichtskarte, die einem die Kollegin aus dem Urlaub geschickt hat. Und die Grünpflanze steigert die Behaglichkeit ebenso wie die auf einem Antiquitätenmarkt erstandene Kleinskulptur, die den Tisch der Besprechungsecke ziert.

Der Mitarbeiterstand im Bürosektor wächst kontinuierlich. In Österreich ist die Zahl der männlichen Angestellten zwischen 1991 und 2010 von 596.000 auf 751.000 gestiegen, die der weiblichen gar von 692.000 auf deutlich über eine Million. Auch wenn man hiervon den großen Teil der Handelsangestellten abzieht, zeigt sich dennoch, dass Büroarbeit weiblich ist. Die Vermutung, dass die wohnliche Atmosphäre der Büros auf den hohen Anteil der hier arbeitenden Frauen zurückzuführen ist, wiegt schwer.

Wenig Möglichkeit zur individuellen Ausgestaltung haben jene Menschen, die in den minimalistischen Einzelboxen der Großraumbüros ihr Arbeitsdasein fristen. Hier, wo Paravents die Tätigkeitsbereiche trennen und die Separiertheit den sozialen Kontakt erschwert, arbeiten die Hackler des Angestelltentums. 90 Prozent der Großraumbüromitarbeiter, dies ergab eine australische Studie aus dem Jahre 2009, klagen über negative Einflüsse auf ihre psychische und physische Gesundheit. Sie fühlen sich auf Grund des nicht abgeschlossenen Raums permanent überwacht und wegen der Reizüberflutung schneller gestresst. Dass die Ansteckungsgefahr mit Viren und Bakterien deutlich höher als im Einzelbüro ist, gilt mittlerweile als bewiesen.

Sinkende Produktivität und steigende Krankenstandskosten scheinen die Einsparungen durch die wirtschaftliche Nutzung der Bürofläche zumindest auszugleichen. Die kalte Hand der ökonomischen Präferenz hat die krank machenden Arbeitsbedingungen der Schreibsäle wieder eingeführt. Hässliche neue, alte Büroarbeitswelt!

Artikel erschienen am 27. April 2012 in: "Wiener Zeitung", Beilage "Wiener Journal", S. 4-9