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Von der Schulbank in den Krieg gegen den Terror

Von unserer Korrespondentin Alexandra Klausmann, Prag

Politik

Während der Irak-Krieg in den USA unpopulärer wird, werben in Europa private Agenturen Söldner zum Objekt- und Personenschutz an. In Tschechien etwa ködert eine dubiose Firma Schulabgänger mit Stundenlöhnen von 80 Dollar. Wobei noch nicht geklärt ist, ob es sich dabei um Betrug handelt.


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Vor einem halben Jahr drückte Alexander Postl noch die Schulbank. In einem halben Jahr lebt er vielleicht gar nicht mehr. Der Zwanzigjährige aus Karlsbad hat sich als Söldner in den Irak anwerben lassen. Das erste von zwei Ausbildungslagern hat er schon hinter sich, nach weiterem Training in Deutschland geht es Ende September an nach Bagdad. Dort wird sich Alexander zu den tausenden weiterer Söldner gesellen, die in dem von Krieg und Terroranschlägen zerstörten Land Objekte oder Personen schützen. "Ich rechne damit, dass mir etwas passieren kann. Ich habe Angst, aber fliege trotzdem," meint Alexander, der eigentlich in diesem Herbst sein Hochschulstudium beginnen wollte. Doch anstelle von Kugelschreiber nimmt er erst einmal die Waffe in die Hand. Dass er dabei über keinerlei militärische Erfahrung verfügt, stört ihn wenig. "Ich will das wegen des Geldes machen. Uns wurden 80 Dollar pro Stunde versprochen," erklärt Alexander bestimmt.

Verdächtige Trainingsgebühr

Dem Lockruf des Geldes folgen, zusammen mit Alexander, noch 14 weitere junge Tschechen in den Irak. Angeworben wurden sie von einer privaten Agentur, die im Internet gezielt junge Tschechen für den Söldnerdienst im Irak sucht. Söldner stellen heute nach der amerikanischen und britischen Armee die drittgrößte Streitkraft im Zweistromland. Meist sind sie bei privaten Sicherheitsfirmen angestellt, die im Dienst des Pentagons für den Schutz von hochgestellten Persönlichkeiten, Ölfeldern, Konvois, Baustellen und weiteren Objekten sorgen. Sie machen die Arbeiten, für die Amerika nicht seine Soldaten gebrauchen will. Welche konkrete Firma Alexander angeworben hat, ist bislang noch unklar, weil deren Kampagne über die Website eines tschechischen Unternehmers läuft, der behauptet, nichts darüber zu wissen. Dass die Amerikaner involviert sind, bestätigt Alexander selbst: "Das Ganze organisieren die Amerikaner. Sie sorgen auch für alles Notwendige - Flugtickets und Waffen." Inzwischen drängt sich aber der Verdacht auf, dass es sich bei den geheimnisumwitterten Anwerbern um Betrüger handelt. Für sein dreiwöchiges Einsatztraining musste Alexander eine Gebühr von 100 Euro entrichten, was der Praxis bei der Anstellung von Söldnern widerspricht.

"Wie Erdbeeren pflücken"

Andererseits wäre Alexander nicht der erste tschechische Söldner im Irak. Schon jetzt stehen dort dutzende Tschechen im Dienst privater Sicherheitsfirmen. Im Gegensatz zum frisch gebackenen Maturanten Alexander handelt es sich dabei aber ausschließlich um erfahrene Ex-Soldaten, Elitepolizisten oder ehemalige Fremdenlegionäre. "Sie wissen, wie sie sich in brenzligen Situationen verhalten sollen und wie sie bei einer Schießerei einen kühlen Kopf behalten," meint ein ehemaliger tschechischer Polizist, der für eine internationale Sicherheitsagentur Söldner in den Irak anwirbt. "Einen unerfahrenen Zwanzigjährigen dem Chaos dort auszusetzen, ist für ihn ausgeschlossen. "Mit solch einer Firma würde ich nicht zusammenarbeiten. Da stimmt etwas nicht," behauptet er. Das Söldnerdasein im Irak sei schließlich kein Zuckerschlecken, sondern eine Arbeit, deren unaufhörlichen Druck nur erfahrene Kämpfer aushalten würden.

Das weiß auch Alexanders Mutter. Aus Angst um ihren Sohn hat sie Premier Ji ø i Paroubek in einem Brief um Hilfe gebeten. "Tun Sie etwas, damit tschechische Söhne nicht in den Tod gehen," schrieb sie. Doch Paroubek sind die Hände gebunden. Das Gesetz verbietet Privatfirmen nicht, Söldner anzuwerben. "Das ist nichts Illegales. Wenn es hier um Dienst in der irakischen Armee ginge, dann würde es sich um einen Strafbestand handeln," erklärt Rechtsanwalt Tomas Horak. "Aber für eine private Sicherheitsagentur zu arbeiten ist genauso legal, wie in England Erdbeeren zu pflücken."