Zum Hauptinhalt springen

Von der Sonderschule in den Heiligen Krieg

Von Clemens Neuhold

Politik
Entglitten: Wie ein 14-Jähriger in wenigen Monaten der islamistischen Ideologie verfällt.
© fotolia/freshidea

Der Fall eines Jugendlichen zeigt, wie rasch der islamistische Wahn bereits 14-Jährige befällt.


Hinweis: Der Inhalt dieser Seite wurde vor 9 Jahren in der Wiener Zeitung veröffentlicht. Hier geht's zu unseren neuen Inhalten.

Wien. Der im wahrsten Sinne jüngste Fall eines Dschihadisten erschüttert Österreich. Ein erst 14-jähriger Bub aus St. Pölten mit türkischem Migrationshintergrund soll ein Bombenattentat auf Ziele wie den Wiener Westbahnhof geplant haben. Er wollte das Material, nach dem er im Internet suchte, in einer Menschenmenge zünden. Danach plante er laut Landespolizeidirektion, nach Syrien auszureisen und sich dem terroristischen Islamischen Staat (IS) anzuschließen. Nach der Festnahme am Dienstagnachmittag sitzt er in der Justizanstalt St. Pölten in Untersuchungshaft. In 14 Tagen entscheidet ein Psychologe, wie es weitergeht.

Die Chronologie der jüngsten Ereignisse zeigt, wie früh und rasch Teenager vom islamistischen Wahn befallen werden, der vom Gebiet der Terrororganisation Islamischer Staat (IS) in Nordsyrien ausstrahlt. Wie die "Wiener Zeitung" aus Kreisen, die mit dem Fall vertraut sind, erfuhr, hat der Junge schon vor Monaten begonnen, ganz offen seine Sympathie für den Dschihad zu bekunden. Er pries die Aktivitäten des IS bei jeder Gelegenheit, sagte, er wolle für den Dschihad sterben und Ungläubige töten.

Weder den Mitschülern - er besuchte die 9. Schulstufe einer St. Pöltner Sonderschule - noch den Verwandten konnte die Radikalisierung entgehen. Sogar bei späteren Polizeiverhören machte der Junge kein Hehl aus seinen Bombenplänen. Er dürfte Einzelgänger gewesen sein, auf Facebook hat er wenige Freunde.

Wie Hermann Helm vom niederösterreichischen Stadtschulrat mitteilt, habe der Wandel im Verhalten des Schülers seine Lehrer auf den Plan gerufen, die das an die Behörden gemeldet hätten.

Da hatte die Mutter bereits das Jugendamt eingeschaltet. Die Familie ist alevitisch, eine liberale Form des Islam. Das Jugendamt kontaktierte das "Netzwerk sozialer Zusammenhalt", das mit dem Sohn ins Gespräch kam. Gleichzeitig versuchte die Mutter, ihn von radikalen Einflüssen im Internet fernzuhalten. Doch der Sohn war bereits zu fixiert. Bevor es zu einem persönlichen Treffen mit Experten kommen konnte, griff die Polizei ein. Diese hatte ihn - nach Hinweisen aus dem weiteren Umfeld - observiert und die Bombenbaupläne auf seinem Computer entdeckt.

Bestandteile hatte er aber noch nicht in Besitz. Er soll noch weit davon entfernt gewesen sein, eine echte Bombe herzustellen. Ein Kenner der radikalen Szene relativiert "die Umsetzungsrealität" eines gesprengten Westbahnhofes. "Viele Pubertierende haben seltsame und radikale Ideen. Jetzt gibt es besonders viel Angebot."

Von den Personen, die das Netzwerk sozialer Zusammenhalt betreut - ein Teil davon wollte vergeblich nach Syrien ausreisen -, ist 14 nicht das jüngste Alter.