Von Erdhügeln und Panzerbüchsen

Von WZ-Korrespondent Markus Schauta

Politik

Ein Besuch im Trainingscamp bei Erbil und an der Front beim Mossul-Staudamm.


Erbil. "Sie haben Kampferfahrung, sind aber noch keine Soldaten." Der deutsche Presseoffizier Hagen Messer beobachtet von einem Erdhügel aus die Truppenübungen auf der grasbewachsene Ebene. Ein Schützengraben zieht sich wie eine Narbe durch das Grün. Drinnen Soldaten in sandfarbenen Tarnflecken, die Gewehre angelegt, die metallenen Zielscheiben in gut hundert Metern Entfernung im Visier. Klack. Klack. Bei jedem Treffer jubeln die Peschmerga.

Das Ausbildungszentrum bei Bnaslawa ist etwa 30 Autominuten von Erbil entfernt. Sieben Nationen beteiligen sich an der Ausbildungsmission, die im Februar 2015 begann: Deutschland, Finnland, Großbritannien, Italien, die Niederlande, Norwegen und Ungarn. Rund 7500 Peschmerga durchliefen bisher das Training. "Die kurdischen Soldaten erhalten hier eine infanteristische Ausbildung", sagt Offizier Messer, "vergleichbar mit dem Niveau der Grundausbildung im österreichischen Bundesheer."

Dazu zählen neben der Handhabe der Waffe und Bewegen in Formation auch der Häuserkampf und das korrekte Anlegen von Schützengräben. Denn der Stellungsbau der Peschmerga sei nicht gerade auf dem neuesten Stand. "Oft gibt es nur Löcher und einfache Gräben, oder oben abgeflachte und mit Sandsäcken befestigte Erdhügel, wie den, auf dem wir stehen." An manchen Frontabschnitten sehe es aus wie in den Stellungskriegen des Ersten Weltkriegs.

In Deutschland Elektriker,im Irak Peschmerga

Ein Dutzend Soldaten klettert aus dem Graben. Ein Teil der Gruppe deckt, der andere läuft auf einen imaginären Feind zu. Ein Ausbilder mit schwarzer Sonnenbrille bellt seine Befehle auf Italienisch, gefolgt vom Dolmetscher, der auf Kurdisch übersetzt. "Man sieht sofort, dass das ihr erster Ausbildungstag ist", meint Messer. Die Soldaten, die durchs Gras hetzen, haben die Läufe der M16 gesenkt, anstatt sie schussbereit in Richtung Feind zu halten. Aber der Offizier ist zuversichtlich: "In vier Tagen können sie das."

Auf dem Kasernengelände üben Peschmerga, mit einem Abbindeband Blutungen zu stoppen. Zu viele seien gestorben, weil es keine Sofortmaßnahmen im Gefecht gab, erläutert der Ausbilder. "Wenn jemand einen Oberschenkelschuss hatte, schaffte man ihn auf einen Lkw und ab zum Arzt. Bis sie dort ankamen, war der Verwundete oft verblutet."

Nach drei Stunden Training gibt es um zehn Uhr die erste Pause. Wir treffen Shorsh vor dem Eingang zur Baracke. Der 32-jährige Deutsch-Kurde will seine Kameraden überzeugen, ihre Stiefel vor dem Betreten des Schlaf- und Aufenthaltsraumes auszuziehen. "Wegen dem Gestank", sagt er. Damit es bei den vielen Stiefeln später keine Verwechslungen gibt, hat Shorsh seine bereits beschriftet: "1" und "2".

Als der Islamische Staat 2014 Teile Kurdistans eroberte, verließ der Deutsch-Kurde Würzburg und flog nach Erbil. Shorsh ist an der Kirkuk-Front im Einsatz. Wie viele andere seiner Kollegen ist er Teilzeit-Peschmerga, im zivilen Beruf arbeitet er als Elektriker am Bau. "Wenn ich gebraucht werde, bekomme ich einen Anruf", sagt er. "Dann fahre ich raus an die Front und kämpfe. Wenn der Angriff abgewehrt ist, fahre ich zurück nach Kirkuk." Das klappe eigentlich ganz gut, doch die leeren Staatskassen machen sich an allen Ecken und Enden Irakisch-Kurdistans bemerkbar. Seit zwei Monaten schon habe er die rund 350 Euro Sold nicht mehr erhalten, erzählt Shorsh. Zahlreiche Kameraden haben daher gekündigt. Durch die internationale Hilfe gebe es jetzt bessere Waffen, aber die Verteilung klappe nicht sehr gut. "Viele, die in Kirkuk die guten deutschen Waffen haben, kämpfen nicht selbst an der Front. Andere, die kämpfen, haben veraltete Waffen." Er fände es besser, wenn das Koordinationszentrum der internationalen Ausbildungsmission die Verteilung der Waffen übernähme. "Es ist gefährlich, wenn du schlecht ausgestattet kämpfen musst." 1600 Peschmerga sind bisher bei Kämpfen ums Leben gekommen, 5000 bis 6000 wurden verletzt.

"Nachts müssen wir bereit sein, dann kommt Daesh näher"

Das Strohdach wirft seinen Schatten auf die Terrasse, hinter den Lücken im Dach strahlt ein wolkenloses Blau. Vögel zwitschern. Entspanntes Geplauder bei Tee und Zigaretten. Würden nicht die Sandsäcke vor dem Haus und der Pick-up mit der Doshka auf dem Parkplatz daran erinnern, man könnte fast vergessen, dass hier die Front verläuft, das Grenzgebiet zwischen der Autonomen Region Kurdistan und dem selbst ernannten "Islamischen Staat" (IS/Daesh).

Colonel Mohamad Ahmad Khfor ist Kommandant dieses Postens südlich des Mossul-Staudammes. Der 46-Jährige mit schwarzem Schnauzbart und Pistole im Halfter ist seit 30 Jahren Peschmerga. Auch er hat die Ausbildung bei der deutschen Bundeswehr in Bnaslawa absolviert. "Gutes Training, sehr hilfreich an der Front", sagt er. Die Deutschen hätten ja viel Erfahrung aus dem Zweiten Weltkrieg.

Tabak und Zigarettenpapier machen die Runde. Am gefährlichsten sei Daesh, wie der IS auf Arabisch genannt wird, während des Ramadan, sagt Khfor. "Sie glauben, wer im Ramadan stirbt, kommt direkt in den Himmel, ohne Checkpoint." Gelächter. Von den acht Peschmerga, die hier im Schatten sitzen - der Jüngste Mitte 20, der Älteste bald 60 - trägt keiner eine schusssichere Weste. Dazu fehle es dem Peschmerga-Ministerium an Geld.

Insgesamt sind hier 50 Soldaten stationiert. Die meisten schlafen um diese Zeit, so der Colonel. "Nachts müssen sie bereit sein, dann kommen die Daesh näher. Sie schießen mit Granatwerfern und schicken ihre Sniper, aber wir sehen sie mit unseren Nachtsichtgeräten." Drüben bei den Stellungen des IS gebe es auch Panzer. Abrams Kampfpanzer, die sie von der irakischen Armee erbeutet haben. "Sie basteln sich auch eigene Panzer aus Pick-ups." Ob es panzerbrechende Waffen gebe? Ein Panzerabwehrsystem "Milan" für den gesamten Frontabschnitt. "Das können wir herschaffen, wenn nötig", sagt der Colonel. Dann lässt er von einem Soldaten eine schwedische Einweg-Panzerbüchse, Kaliber 84, holen. Wie viele er davon habe? Der Colonel zieht an seiner Zigarette: "Ein Stück."

"Wir sind hier, um unsere Grenzen zu sichern"

Der Tee ist ausgetrunken. Vorbei am Klohäuschen, an dessen Außenwand Waschbecken und Spiegel befestigt sind, geht es über einen mit Sandsäcken geschützten Treppenaufgang auf das Dach des Hauses. Von hier fällt der Blick auf eine weite Ebene, aus der vereinzelt Rohbauten und einige schiefe Strommasten hervorragen. In zwei Kilometern Entfernung - "Sehen Sie den Streifen dunkler Bäume dort vorne?" - liegt die Stellung des Islamischen Staates.

Der Posten des Colonel ist einer von acht, die sich über eine Frontlinie von 20 Kilometern verteilen. 400 Peschmerga sind an diesem Abschnitt im Einsatz. Vor vier Monaten startete der IS hier seinen letzten großen Angriff. "Sie kamen mit schweren Maschinengewehren, Mörsern und Pick-ups voller Sprengstoff." Seiher sind die Fronten festgefahren.

Der Colonel blickt über die Sandsackmauer, wo sich in der Ferne die Konturen von Häusern abzeichnen. "Diese Dörfer, in denen sich Daesh festgesetzt hat, könnten wir leicht einnehmen", sagt er. "Aber wir sind nicht hier, um eine Offensive zu führen. Wir sind hier, um unsere Grenzen zu sichern."

"Als wäre die ganze Weltauf unserer Seite"

In einem fensterlosen Raum im Erdgeschoss versammelt man sich zum Essen. Ein Teppich auf dem Boden, Matratzen an der Wand. Im TV Frontberichte: Die Mossul-Offensive sei bei Al-Nasser stecken geblieben, 35 Kilometer vor Mossul. Von einer Beteiligung der Peschmerga an der Offensive hält der Colonel wenig. "Die kurdische Armee soll von Mossul wegbleiben und nur in kurdischen Gebieten operieren." Die Offensive sei politisch brisant, sagt er und spielt damit auf Konflikte zwischen den Kurden und der Zentralregierung in Bagdad an, bei denen es um die Frage nach der territorialen Zugehörigkeit der Provinz Mossul geht. Eroberten die Kurden die Stadt, würden die Araber ihnen vorwerfen, sie angegriffen und ihr Land geraubt zu haben, glaubt der Colonel.

Khfor hat bereits gegen Saddam Husseins Baath-Regime gekämpft. Viele ehemalige Baathisten haben sich dem IS angeschlossen, er weiß also, mit wem er es zu tun hat. "Damals wie heute wollen unsere Gegner das kurdische Volk ausrotten, damals wie heute kommen dafür chemische Waffen zum Einsatz." Neu seien allerdings die Selbstmordangriffe, die habe es unter Saddam nicht gegeben, erzählt er.

Und noch etwas sei anders: Früher hätten viele westliche Staaten Waffen an Saddam Hussein geliefert - Deutschland und die Niederlande die Substanzen für chemische Kampfstoffe, Österreich Kanonen, Frankreich Mirage-Kampfflugzeuge. "Mit diesen Waffen hat Saddam Kurden getötet." Heute sei es anders. "Diesmal haben wir das Gefühl, als wäre die ganze Welt auf unserer Seite."