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Von Geld, Gesang und Identität

Von Martyna Czarnowska, Riga

Europaarchiv

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Das Singen ziehen LettInnen dem Streiten vor. Wenn Solvita Vevere das sagt, verweist sie gleich auf die lange Tradition des Singens in den drei baltischen Staaten. "Früher war es gar nicht denkbar, zu Feiern ohne zu Singen." Und noch heute sind viele Kinder und Erwachsene in Vereinen organisiert, finden alle paar Jahre nationale Sängerfeste mit hunderttausenden TeilnehmerInnen statt. Mehr als 1,5 Millionen vierzeiliger lettischer Volkslieder soll es geben, die im Laufe der letzten hundert Jahre immer mehr auch an politischer Bedeutung gewannen. Es war der Ruf nach Freiheit und Selbständigkeit, der sich in Lettland, Estland und Litauen im gemeinsamen Gesang ausdrückte - im 19. Jahrhundert, in der Zarenzeit, und dann Ende der 80er-Jahre des 20. Jahrhunderts. Singend demonstrierten die Menschen gegen die "Moskauer Okkupation", als "singende Revolution" ging der Umbruch in den damaligen Sowjetrepubliken in die Geschichte ein.

So war es nur eine Frage der Zeit, dass sich internationale Erfolge auch in einem friedlicheren Bereich einstellten. Der Eurovision Song Contest fand im Vorjahr in Tallinn, der Hauptstadt Estlands, statt, und heuer wird er - dank der Gewinnerin des Jahres 2002, der lettischen Sängerin Marie N - im benachbarten Lettland ausgetragen. Geschätzte 300 Millionen Menschen werden die Veranstaltung im Fernsehen mitverfolgen, 1.500 JournalistInnen werden zu dem Ereignis in Riga erwartet. Solvita Vevere ist im Organisationskommitee tätig, das den in zwei Tagen auszutragenden Wettbewerb vorbereitet. Sie streicht den erhofften Werbeeffekt für Lettland hervor. "Es ist wichtig, die Aufmerksamkeit auf unser Land zu lenken", erklärt sie. "Es soll nicht nur über den Song Contest sondern auch über Riga selbst berichtet werden." Und wie um ihre Worte zu untermauern, fragt sie mich: "Sie sind doch auch wegen des Song Contest hier?" Nein, ich bin hier, um ein paar Meinungen zum bevorstehenden EU-Beitritt einzuholen.

Vevere ist skeptisch: "Der Song Contest hat kaum etwas mit der EU zu tun. Die Gegner eines Beitritts werden sich nicht davon beeinflussen lassen." Ihre Vorgesetzte, Ingrida Smite, fügt aber schmunzelnd hinzu, dass sich auch beim Wettbewerb unterschiedliche europäische Allianzen abzeichnen: Baltische Staaten unterstützen einander bei der Punktevergabe, große Länder geizen oft mit hohen Bewertungen. Und: Nach der Austragung des Song Contests in Estland ist dort die Sympathie für die EU merkbar gestiegen.

Für Vevere ist klar, dass Lettland um einen EU-Beitritt, über den im September entschieden wird, nicht herumkommt. "Wir haben keine andere Wahl - wir müssen dafür stimmen." Die damit verbundenen Hoffnungen sind die auf weniger Korruption, finanzielle Unterstützung, größere Ausbildungsmöglichkeiten für junge Menschen. Auf der anderen Seite stehen Ängste vor zu viel Bürokratie und Überregulierung. "Es ist ja nett, sich zusammenzuschließen, doch ich weiß, wie schwierig dann der Entscheidungsprozess sein wird."

Kann auch in anderen künftigen Mitgliedstaaten nicht von Euphorie über den nahenden Beitritt die Rede sein, ist in Lettland die Zurückhaltung besonders spürbar. Wir waren schon in einer Union, und jetzt sollen wir so schnell in die nächste, ist manchmal zu hören. Wie können wir uns als kleines Land dort behaupten, wenn sich schon jetzt Schwierigkeiten zwischen kleineren und größeren Staaten abzeichnen? Wie unsere Identität bewahren?

Bis jetzt haben die LettInnen dies allerdings geschafft - trotz massiver Russifizierungsversuche in der Vergangenheit. Auf die russische Minderheit angesprochen, reagieren sie dementsprechend abweisend: Es gebe kein Problem damit. Doch die Umsiedlungspolitik Stalins und seiner Nachfolger hat tiefe Spuren hinterlassen. In den 50er-Jahren wurden Arbeitskräfte für Großbetriebe gebraucht - und aus anderen Sowjetrepubliken wie Russland, Weißrussland und der Ukraine geholt. Betrug der Anteil der LettInnen vor dem Zweiten Weltkrieg knapp 80 Prozent, sank er bis 1989 auf nicht einmal 52 Prozent. Mittlerweile steigt er, doch ist die Bevölkerung Lettlands weiterhin sehr heterogen: Von den über 2,3 Millionen Einwohner-Innen sind rund 58 Prozent LettInnen, 29,5 Prozent Russ-Innen, vier Prozent Weißrus-Innen, 2,7 Prozent UkrainerInnen, 2,5 Prozent Polinnen und Polen. Beinahe ein Viertel der Bevölkerung besitzt die lettische Staatsbürgerschaft nicht.

Die Angst vor Identitätsverlust wird einigen auch die EU nicht nehmen können. "Doch es sind vielmehr einfache Fragen, die viele Menschen bewegen: Was wird mit meiner Pension nach dem Beitritt, wird meine Miete höher, wo bekomme ich Subventionen?" berichtet Ieva Sproge, die an der Fakultät für Moderne Sprachen unterrichtet. Sie wird auf jeden Fall zum EU-Referendum gehen. Doch wie sie wählen wird, weiß sie noch nicht. "Der Großteil der Studenten ist für den Beitritt, doch viele alte Menschen und Bauern haben ein Problem damit", erzählt die Hochschullehrerin.

Die Modernisierung der Landwirtschaft, die gerade 4,8 Prozent des BIP-Anteils ausmacht, gehört zu den vorrangigen Aufgaben der Regierung, die sich die Steigerung der Standards und der Produktivität zum Ziel setzt. "Doch es erfüllen nur fünf, vielleicht zehn Prozent der Betriebe die nötigen Standards", meint Sproge. "Die meisten Bauern werden sich die Umstellung nicht leisten können - und gehen Pleite." Schon jetzt reicht die Arbeitslosigkeit aber in ländlichen Gebieten bis zu 26 Prozent. Die Landflucht könnte größere Ausmaße annehmen; im "Wasserkopf Riga", wo ein Drittel der Bevölkerung Lettlands wohnt und die Arbeitslosigkeit derzeit nur bei knapp vier Prozent liegt, könnte das zu Wohnungs- und Jobproblemen führen.

Den SkeptikerInnen halten die Beitrittsbefürworter-Innen, zu denen alle großen politischen Parteien gehören, entgegen, dass die strukturelle Entwicklung des Landes innerhalb der EU eher gesichert sei. Sie verweisen auf das Wirtschaftswachstum: Mit 6,1 Prozent verzeichnete Lettland im Vorjahr das höchste BIP-Wachstum unter den baltischen Staaten. Rund 60 Prozent der lettischen Exporte gehen in EU-Staaten.

"Wozu sollen wir dann beitreten?" fragt Janis. Der junge Unternehmer strahlt mehr als nur Selbstbewusstsein aus. Leger gekleidet, die Blicke langbeiniger Mädchen auf sich ziehend, lehnt er an der Theke einer gehobenen Bar - er riecht nach Erfolg. Er ist einer von denen, die die Möglichkeiten des wuchernden Kapitalismus für sich genutzt haben. Er hat eine Textilfirma mit 20 Beschäftigten, über die Geschäfte will er nicht klagen. Der EU-Beitritt ist für ihn keine Notwendigkeit - zumindest nicht zu diesem Zeitpunkt. Er will dagegen stimmen. "Für viele Unternehmen könnte eine Mitgliedschaft derzeit sogar Nachteile bringen", meint Janis. "Lettland ist ein kleines Land. Abgesehen von den steuerlichen Erleichterungen ist ein Vorteil, den wir auf dem großen Markt im Moment vielleicht haben, die billigere Arbeitskraft." Diesen Standortvorteil nutzt auch er. Das Durchschnittsgehalt in Lettland liegt bei 200 Euro.

"Besser wäre es, ein paar Jahre auf den Beitritt zu warten und in dieser Zeit die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen anzupassen", führt der Unternehmer aus. "Und dann können wir ein vollwertiges Mitglied der Union sein, und nicht ein Land zweiter Klasse." Ob es denn Lettland allein schaffen könne? "Klar, das führen wir doch die ganze Zeit schon vor." Die Angst vor Identitätsverlust ist Janis bei all dem fremd. Sein Kommentar ist kurz: "Nicht das interessiert junge Menschen, sondern Geld."

Edys macht sich sehr wohl seine Gedanken darüber. Neben seinem Tourismus-Studium arbeitet er als Barkeeper in einem Hotel, das einer deutschen Gruppe gehört. Deutschland, unter dessen Fremdherrschaft Lettland lange gestanden hatte, gehört auch zu den wichtigsten Handelspartnern und Investoren im Land. Aufwändig werden in der alten Hansestadt Riga die Gilde- und Handwerkshäuser renoviert. "Früher waren wir die Sklaven Russlands, werden wir jetzt zu Sklaven Deutschlands?" überlegt Edys. Eine eigene Bar wäre sein Traum, in Madrid vielleicht. Er glaubt, dass die Bevölkerung in der Frage des EU-Beitritts gespalten ist, er selbst ist gegen die Mitgliedschaft.

Tief ist die Kluft auch zwischen Reich und Arm. Auf den Straßen sind Sportwagenmodelle zu sehen, die in Österreich erst im Katalog zu betrachten sind. Auf den gleichen Straßen, vor den wunderschön restaurierten Eingängen der Häuser der Altstadt, stehen alte Frauen, die ein paar Knoblauchknollen oder einzelne Blumen verkaufen wollen. Manche halten nur stumm einen Becher hin.

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P.S. Wollte sich die Geschichte Ironie erlauben, würde sie beim Eurovision Song Contest in Lettland die zwei Russinnen von t.A.T.u. gewinnen lassen.

Die Serie wird mit "Estland" fortgesetzt.