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Von Heiligen und Huren

Von Marina Delcheva

Politik
© Fotolia/michaeljung

Immer wieder verlassen geflüchtete Frauen ihre gewalttätigen Ehemänner. Und: Männer, die Frauen hassen, werden sich vermutlich nicht ändern. Deshalb muss man ihre Frauen ändern, sagt die afghanische Feministin Tanya Kayhan.


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Salzburg/Wien. In einer Flüchtlingsunterkunft im Salzburger Pinzgau rumort es unter einem Teil der männlichen Bewohner, erzählt eine Betreuerin, die ihren Namen nicht in der Zeitung lesen möchte. Viele können es nicht erwarten, ihre Frauen, Töchter und Söhne, die sie im Krieg zurücklassen mussten, wieder in die Arme zu schließen. Sie hetzen von Vorstellungsgespräch zu Vorstellungsgespräch, um eine Arbeit zu finden, irgendeine, schwarz, legal, egal. Eine Wohnung für alle, ein neues Leben.

Dann werden da auch andere Stimmen laut: "Überlege dir gut, ob du deine Frau hierherholen willst. Sonst emanzipiert sie sich und verlässt dich." Vor einem Jahr sei das einem Syrer im Ort passiert. Und einem Iraker. Faizah S. ist so eine Frau. Sie ist mit ihrem Sohn vor dem Krieg in Syrien nach Österreich geflohen, ihr Mann ist dort geblieben. Nachholen wollte sie ihn nicht, weil er sie vorher schon schlecht behandelt habe. Sie hat sich von ihm getrennt, das Kopftuch abgelegt und versucht, sich alleine durchzuschlagen.

"Manche Frauen, die sich zu Hause nie getrennt hätten, verlassen hier in Österreich ihre Männer", erzählt Nora Ramirez Castillo, Therapeutin bei Hemayat. Der Verein betreut jährlich rund 700 Folter- und Kriegsopfer. Zu ihr kommen auch geflüchtete Frauen, die sich aus gewalttätigen Beziehungen oder Zwangsehen befreien. "Hier in Österreich wissen sie, dass das Recht auf ihrer Seite ist und die Kinder nicht automatisch beim Mann bleiben", erklärt Andrea Brem, Geschäftsführerin der Frauenhäuser Wien. Eine Trennung sei aber auch hier für Frauen aus stark religiös geprägten, sehr patriarchalen Familien schwierig. Viele der Betroffenen verheimlichen die Trennung vor ihren Verwandten. Oft würden sie auch von ihren Communities verstoßen. Ohne Ausbildung, Sprachkenntnisse und ohne Job, aber dafür mit Kindern, ist es dann umso schwierig, einen schlagenden Mann oder einen, den man einfach nicht liebt, zu verlassen.

"Wenn so etwas auch in Europa passiert, wo soll ich dann noch hin?"Tanya Kayhan, Journalistin aus Afghanistan

Tanya Kayhan bricht mit jedem platten Klischee einer verschreckten, demütigen Asylwerberin. Sie lacht laut, hält Blickkontakt und geht mit Sexismus und religiös motivierter Frauenunterdrückung hart ins Gericht. Sie war eine bekannte Fernsehjournalistin und Frauenrechtlerin in Afghanistan. "Als Frau und Journalistin hast du es in so patriarchalen Gesellschaften doppelt schwer", erzählt sie. Es sei ihr nicht möglich gewesen, sich alleine auf der Straße zu bewegen. Sie sei belästigt worden und von den Taliban bedroht worden. Deshalb ist Tanya vor fünf Jahren nach Österreich geflohen.

"Wo muss ich noch hin?"

Die massenhaften sexuellen Übergriffe auf Frauen in der Silvesternacht in Köln lassen auch sie nicht kalt. "Ich fühle mit diesen Frauen und was sie erleben mussten, ist sehr schlimm", meint sie. Sexuelle Gewalt gegen Frauen ist in ihrer Heimat an der Tagesordnung. Vor allem gegen jene, die sich dem religiösen Patriarchat wiedersetzen.

Köln und die Horden aggressiver Männer, großteils Muslime, die auf Frauen losgingen, waren eine Art "Tipping-Point": Die Stimmung kippt gerade und macht sehr viele Menschen ratlos. Vor allem jene, die an den Bahnhöfen Flüchtlinge empfangen haben und sie vor rechten Hetzern verteidigten.

"Ich glaube, dass diese Vorfälle etwas Kathartisches haben. Wir müssen uns fragen: Stimmen unsere Werte noch?", sagt der Soziologe Kenan Güngör. Er plädiert dafür, statt eine Debatte über Gruppen und Herkunft, eine über Werte zu führen. Verletzungen von Frauenrechten müssten immer geahndet werden, und zwar egal welche ethnische oder religiöse Gruppe sie begeht.

"Ich bin nach Europa gekommen, um mich sicher zu fühlen. Aber wenn so etwas auch hier passiert, wo soll ich dann noch hin?", fragt Kayhan. Einige junge Männer aus dem arabischen Raum und aus Afghanistan kämen mit einem ganz anderen Frauenbild hierher. "Eine gute Frau im Islam ist nicht sexy, sie muss ihrem Mann folgen und die religiösen und kulturellen Werte akzeptieren." Eine Frau, die einen Freund hat, sich nicht unterordnen will, ist folglich keine gute Frau. Etwas dazwischen gibt es nicht.

"In Afghanistan sind die Söhne heute konservativer als ihre Väter. Vor 30 Jahren war unser Land offen und die Frauen hatte ihren Platz im öffentlichen Raum. Und dann kamen die Mujaheddin, die Taliban und sie haben unsere Gesellschaft verändert", sagt Kayhan. Nicht der Islam, sondern das religiös motivierte Patriarchat und antidemokratische Regierungen seien das Problem, "überall". Diese würden die Religion als Legitimation für die Unterdrückung von Frauen nutzen.

Viele junge Männer würden im Extremismus aufwachsen und ihre Denkmuster auf der Flucht mitnehmen. Vor allem jene, die keine Bildung genossen haben. In stark religiös geprägten Kulturen wachsen Frauen und Männer getrennt voneinander auf, erklärt Kayhan. Vor der Ehe gebe es kaum Berührungspunkte, keine gemeinsamen Schulklassen, keine Spielplätze. Hier angekommen, seien sie ob der Freizügigkeit und Offenherzigkeit der Europäerinnen überwältigt.

Sind es diese Denkmuster, die manche Männer dazu ermutigen Frauen zu attackieren und zu erniedrigen? "Bei diesen konkreten Männern herrscht eine gewisse sexuelle Frustration", erklärt Güngör. Einerseits schreibt die Religion sexuelle Enthaltsamkeit vor der Ehe vor. "Deshalb ist dort der Druck, früh zu heiraten, sehr groß." Das könnten sich aber viele nicht leisten. Hinzu käme das Bild von der Heiligen und der Hure. Und die Hure ist hier die unbeugsame, freizügige Frau, die kein Kopftuch trägt, die Europäerin. "Sie ist aber für diese Männer eigentlich unerreichbar, deshalb beschmutzt man sie, aus Frustration", erklärt Güngör.

Kayhan warnt vor Pauschalurteilen. "Männer sind überall Männer." Sexismus und abfällige Bemerkungen habe sie auch von Österreichern erlebt. Und sehr viele Muslime würden weder ihre Frauen schlagen, noch zu Sex zwingen oder ihre Töchter unterdrücken.

"Ändert die Frauen"

Dass man das Denken jener, die unabhängige Frauen verachten, ändern wird können, glaubt sie nicht. "Man kann aber ihre Frauen ändern und zu freien Menschen erziehen", sagt sie; durch Bildung, rechtliche Beratung und Hilfe bei der Trennung, durch Jobchancen. "Die Frau hat in islamischen Kulturen sehr viel Macht innerhalb der Familie." Sie könne mit ihrer Erziehung sehr wohl auf den Sohn und die Tochter einwirken und Werte wie Gleichberechtigung und Freiheit weitergeben.

Und nicht zuletzt nimmt sie ihre eigene Community und ihre Geschlechtsgenossinen in die Pflicht. Eine Frau, die ihr Kopftuch ablegt oder ihren Mann verlässt, dürfe hier nicht wie eine Verräterin von den eigenen Leuten behandelt werden.