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Von Jugendkult, Ahnlvertilgung und Sozialangst

Von Christa Karas

Politik

Man braucht ja nichts zu beschönigen: Wer im Supermarkt umständlich nach seinen Münzen kramt oder infolge einer Behinderung langsam den Zebrastreifen überquert, geht stets jemandem auf die Nerven. Und wenn Menschen über 65 gebetsmühlenartig nur noch als Problem - für die Gesellschaft, das Pensions- und Gesundheitssystem - dargestellt werden, so hören natürlich alle sofort die "Zeitbombe Alter" schon in den Schlagzeilen ticken oder sehen gar "Europa im Greisenalter" versinken. Auch die Unterstellungen im Gegenzug, dass die "heutige Jugend" größtenteils dumm, faul und desinteressiert sei (außer an Mode, Musik, Events und ewigem Urlaub) und von daher eher außerstande, einst "unsere Pensionen" zu zahlen, dürfen als bekannt vorausgesetzt werden. Sie sind seit zumindest 2.000 Jahren aktuell. - Aber ein veritabler "Krieg der Generationen" lässt sich daraus kaum ableiten, es sei denn, man schreibt ihn vielleicht in besten Absichten herbei.


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Frank Schirrmacher, 45 Jahre alt, gebührt diesbezüglich der erste Platz, seit im Frühjahr sein Buch "Das Methusalem-Komplott" erschienen ist. Dabei meint er´s ja nur gut, wie rasch ersichtlich wird:

"Am Horizont der Zukunft baut sich eine der erbittersten Streitmächte gegen die Alten auf, die es je gegeben hat. Sie marschiert auf uns zu, die wir heute 20, 30 oder 60 Jahre sind, denn wenn der Krieg beginnt, werden wir die Älteren sein. Und die Gesellschaft, die wir geschaffen haben, nimmt den Alternden alles: das Selbstbewusstsein, den Arbeitsplatz, die Biographie." Der Grund: "Unsere Lebensentscheidungen basieren auf Grundrissen und Daten eines vergangenen Jahrhunderts."

Untermauert werden seine Befürchtungen - wie bei diesem Thema fast durchgängig sonst auch - mit fragwürdigen demografischen Hochrechnungen und Biologismen, die man eigentlich überwunden glaubte. Aber nein: "Die Frage ist, wie wir den Steinzeitmenschen in uns an eine fast verfünffachte Lebenserwartung gewöhnen können", schreibt Schirrmacher, der u. a. Philosophie studiert hat und seit 1994 Herausgeber der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" ("FAZ") ist.

Das zeigt sich vor allem auch in der Sprache, wenn der Autor in einem Interview mit "netzeitung.de" zum "Generationenkrieg" ausführt: "Mir geht es nun aber zunächst um die naheliegende Tatsache, dass eine große Zahl abhängiger, nicht mehr arbeitender Menschen ernährt wird von einer kleinen Anzahl von Arbeitenden. Dies ist nicht nur ein Renten- und Versorgungsproblem, denn in uns steckt biologisch konditioniert ein Affekt gegen Ältere." Sowie: "In der Gesellschaft, in die wir hineinwachsen, wird der Ältere wieder das, was er schon bei den Affen war: nämlich derjenige, der eine Gefahr für die Population darstellt, weil er die Nahrung wegfrisst, sich aber gleichzeitig nicht mehr fortpflanzen kann."

Wer so mit Worten Krieg führt, evoziert nachgerade die "Ahnlvertilgung" (© Helmut Qualtinger), die er verhindern will, aber die kommt bei Schirrmacher eh von außen: "Was viel zu wenig gesehen wird, ist, dass die islamische Bedrohung ebenfalls von Generationendifferenzen verursacht wird. Hier wachsen 144 Millionen Arbeitskräfte, ein Großteil zwischen 15 und 24 Jahren, heran, und zwar im islamischen Raum um uns herum." Das kann nicht gut gehen, wie man weiß, hat doch Kinderreichtum noch nie zum Wohlstand beigetragen, also ist wenigstens das richtig: "Ich zitiere in diesem Zusammenhang die Theorie, die Huntington wieder aktuell gemacht hat, dass Gesellschaften, die zu mehr als 20 Prozent aus Jugendlichen bestehen, instabil werden können. In Europa war das seit der französischen Revolution eigentlich fast immer so, in der Weimarer Republik gab es 36 Prozent Jugendliche." Also plädiert auch er, der den echten "Generationenkrieg" für das Jahr 2050 ansetzt, indirekt für das "logische" Gegengewicht hiesigen Kindersegens. Denn: "Die, die nicht geboren worden sind, können in zwanzig Jahren auch keine Kinder zur Welt bringen. So einfach ist das."

Der "FAZ"-Herausgeber stützt sich dabei auf eine Vielzahl demografischer Daten wie etwa jene des Berliner Instituts für Weltbevölkerung und globale Entwicklung: Demnach werde man im Jahr 2050 in einem "gut besuchten Restaurant" folgende Altersverteilung vorfinden: 9 unter 25-Jährige, 11 unter 50-jährige, 13 unter 75-Jährige und sieben über 75-Jährige. - Aber was - abgesehen davon, dass das Restaurant so toll besucht auch wieder nicht sein kann und dass die Altersverteilung schon jetzt meist nicht zuletzt aus Preisgründen so ausschaut - sagt uns das? Eben.

Geeignete Strategien

Für den Kampf gegen den "Jugendkult" (gemeint ist hier offenbar die westliche Jugend: die islamische pariert immer noch auf´s Wort der Patriarchen) gibt´s hinlänglich taugliche Waffen, wie sie von allen Alternsforschern empfohlen werden. Zusammenhalt - Gertraud Steiner (s .u.): "Im Rudel hat man beste Überlebenschancen!" - ist für ältere Menschen sicher gut und wichtig. Sich die Kontakte zum "Feind" Jugend und dessen Problemen zu bewahren, kann aber auch nicht schaden.

"Lebenslanges Lernen" und vor allem intellektuell "nie in den Ruhestand" zu gehen sind gewiss die besten Empfehlungen - nicht nur zur Beibehaltung jeglicher Fitness, sondern auch, um Anerkennung und Respekt zu erzielen. Sie im Umkehrschluss generell zu verlangen, hieße aber, ein Gros an Lebensläufen und sozialen Determinierungen zu ignorieren: Nicht jeder kann ein Seniorenstudium anfangen oder im reifen Alter noch Kunstwerke schaffen.

Auch die Zuwendung zu "neuen Aufgaben", in die Wissen, Erfahrung, Talent und soziale Kompetenz eines langen Lebens einfließen können, ist unbedingt lohnenswert. Da sich diese aber nicht immer jedem und sofort erschließen, spricht viel für Aktivititäten im Rahmen eines entsprechenden Trainings. Das gibt es bereits, weil sich zunehmend doch die Erkenntnis durchsetzt, die Gertraud Steiner beschreibt: "Wir können es uns schlicht und ergreifend nicht leisten, die Ressourcen zu verwerfen, die die Welt von heute erst möglich gemacht haben. Eine grandiose Entwicklung steht uns bevor, denn erstmals in der Geschichte der Menschheit können wir die Zukunft mit Hilfe der Erfahrung von fünf oder mehr gleichzeitig lebenden Generationen gestalten..."

Was man aber so weit wie möglich aus dem heiklen Thema heraushalten sollte - Stichwort: Sozialabbau -, sind Dramatisierungen, das Jonglieren mit plakativen Zahlen statt tatsächlichen Fakten und persönliche Sozialängste.

Man leistet einer guten Sache schlechte Dienste, wenn man etwa, wie geschehen, ganze Jahrgänge in puncto Fertilisation abschreibt, weil man noch nicht begriffen hat, dass Erstgebärende heute oft rund um das 40. Lebensjahr alt sind. Und wenn man übersieht, dass sich die verlängerte Lebensspanne Dank der Medizin u. a. ja auch zur Reproduktion nutzen lässt (von Wissenschaftern wie Carl Djerassi prognostiziert und anderen bewiesen). Oder wenn man gar, wie Schirrmacher, in offensichtlicher Unkenntnis behauptet, dass es bei der Stammzelldiskussion "nur um Altersmedizin" geht.