Von Schnee auf Asphalt

Von Alexander Maurer

Politik
Melanie Ruff legt immer noch Hand in der Produktion an. Es braucht einige Arbeitsschritte, wie Radachsen (oben) und Räder zu montieren (Mitte), bis das Longboard fertig ist (unten).
© Stanislav Jenis

Longboards aus alten Snowboards zu fertigen, brachte dem Wiener Hersteller Ruffboards den Start-up Award 2015.


Wien. Eine kleine, unscheinbare Kellerwerkstatt in der Hofstattgasse in Währing. Über der graffitiverzierten Eingangstür steht schlicht "Ruffboards". Hier werden Longboards - das sind größere und robustere Versionen von Skateboards - hergestellt. Nachhaltig, individuell und von ehemaligen Häftlingen gefertigt. Jungunternehmerin Melanie Ruff wurde dafür am Donnerstag der Vienna Start-up Award 2015 in der Kategorie "Soziales und nachhaltiges Unternehmen" verliehen. Die Wirtschaftsagentur Wien vergibt den Award an die besten aus mehr als 180 Einsendungen.

"Angefangen hat es damit, dass Simone Melda und ich ein Longboard gesucht haben, das unseren Ansprüchen gerecht wird. Das ist der Klassiker: Die Produkte, die es schon gibt, passen nicht. Ich will sie besser haben, daher mache ich sie selber", erzählt Melanie Ruff im Gespräch mit der "Wiener Zeitung". Auf einer USA-Reise entstanden bereits die ersten Skizzen. Einzelstücke sollten es sein und nachhaltig gefertigt.

Aus Snowboard wird Longboard

"Das Sourcing war der größte Brocken, den wir letztes Jahr zu bewerkstelligen hatten", erinnert sich Melanie Ruff. "Wir können im Gegensatz zu anderen Firmen nicht einfach in den Großhandel gehen und uns Holz für die Boards kaufen." Schnell kamen ausrangierte Snowboards als Grundmaterial für die Longboardfertigung ins Spiel. Die müssen aber erst mal aufgetrieben werden. Ruffboards hat es geschafft, die Sportartikelhersteller Hervis und Blue Tomato als Partner zu gewinnen. "Wir haben die Medienaufmerksamkeit, die wir damals hatten, genutzt und Partnerschaften angeboten. Trotzdem war es ein langer Vertrauensbildungsprozess", erzählt Ruff. Bei Hervis stammen die alten Snowboards aus dem Verleih, Blue Tomato steuert die nicht mehr verwendeten Sportgeräte gesponsorter Teamfahrer bei. "Unser momentaner Lagerstand ist bei etwa dreihundert Snowboards. Diesen Lagerstand zu füllen und dann auch zu halten, war sehr aufwendig. Ich hoffe, dass wir auch bald auf Produktionsausschüsse zurückgreifen dürfen. Das sind Boards, auf denen zum Beispiel das Logo schief aufgedruckt, das Material an sich aber völlig in Ordnung ist."

Trotz Partnerschaften stellt es in der Beschaffung weiterhin eine große Herausforderung dar, umweltfreundlich produzierte Materialien zu bekommen. "Viele Unternehmen haben ihre Produktion schon nach China und Taiwan ausgelagert. Da kann man nicht sicher sein, dass die Arbeiter fair entlohnt wurden oder Umweltauflagen eingehalten werden. Außerdem gehen diese Produkte mehrmals um die Welt, was hohe Umweltbelastungen durch Transport bedeutet", klagt Ruff.

Mit der Stichsäge im Wohnzimmer

Die Start-up-Chefin betont, dass jedes Longboard von Hand gefertigt wird und ein Unikat ist. "Wir produzieren regional in Wien. Die Kunden können auch mit ihrem eigenen alten Snowboard kommen und wir bauen das nach ihren Wünschen für sie um." Momentan wird auch intensiv an einem Board-Builder für die Website des Unternehmens gearbeitet. Das Start-up geht damit weiter als vergleichbare Angebote. "Es gibt schon Customize-Boards, aber da kann man sich nur aus einem Sortiment aussuchen, welches Deck, Gripdeck oder welche Achsen man haben will. Hier lädt man ein Foto seines alten Snowboards hoch, nimmt virtuell den Stift in die Hand und malt. Wir bauen das dann nach", erklärt Melanie Ruff. Sobald das eigene alte Snowboard bei Ruffboards eingelangt ist, wird gesägt, lackiert und geschraubt. Der Board-Builder soll im Herbst an den Start gehen.

Auf die Frage, ob sie mit der Longboard-Produktion im eigenen Keller angefangen hat, schüttelt Melanie Ruff lachend den Kopf. "Es gab keinen Keller - wir haben im eigenen Wohnzimmer begonnen", erinnert sie sich. "Ich wohne mit mehreren Leuten in einer WG, dort haben wir das Wohnzimmer ausgeräumt, die Bücherregale abgedeckt und zu Testzwecken das erste Brett mit der Stichsäge geschnitten." Trotz Heimwerkeranfängen musste eine eigene Werkstätte her. Nach langem Suchen stieß Melanie Ruff im vergangenen Oktober auf die Kellerwerkstatt im 18. Bezirk. "Das ist der beste Ort, den wir uns vorstellen konnten - denn bis 2004 war hier ein Skateboardhersteller einquartiert. Wir konnten die Presse und das Werkzeug von ihm ablösen und haben ein paar seiner alten Skateboards als Eingangstreppe verwendet", erklärt Ruff schmunzelnd.

Mit der eigenen Produktionsstätte war das Start-up im Jänner bereit für die offizielle Eröffnung - das Ergebnis von zweieinhalb Jahren Arbeit. Der Firmengründung im Jänner 2014 gingen eineinhalb Jahre Vorbereitungsphase voraus, erzählt Ruff. "Uns war es sehr wichtig, dass das Produkt fertig entwickelt ist. Bereits drei Monate, nachdem wir unser erstes Board fertiggebaut hatten, haben wir mit dem Verkauf gestartet und waren auf Märkten, um zu sehen, wie es bei den Leuten ankommt." Der frühe Verkauf finanzierte beim Jungunternehmen die laufenden Kosten, Investitionen wurden aber aus der eigenen Tasche bezahlt.

Handgefertigt von Ex-Häftlingen

Auch wenn Melanie Ruff noch selbst Hand bei den Boards anlegt, werden die Boards von Arbeitern gefertigt. Hier zeigt sich eine weitere Besonderheit des Start-ups, denn es ermöglicht in Zusammenarbeit mit dem Verein "Neustart" Ex-Häftlingen durch Arbeit den Wiedereinstieg in die Gesellschaft. "Wir haben uns bewusst für den Verein entschieden, weil uns seine Organisation sehr gut gefällt. Außerdem passt das gut zum Produkt, da das Skateboardfahren oft als ans Rowdytum grenzend dargestellt wird", erklärt Melanie Ruff. "Ausschlaggebend war aber, dass diese Menschen wirklich Probleme haben, einen Job zu finden. Der häufigste Grund für Strafrückfälligkeit ist Arbeitslosigkeit. Daher ist das Ziel der Firma auch, Arbeitsplätze zu schaffen. Wir sind zwar weder Psychologen noch Sozialarbeiter, aber hier können wir helfen." Die Erfahrungen mit dem Verein sind so gut, dass mit Anfang Juli der erste Ex-Häftling fix im Unternehmen angestellt wird. Auch eine Bekleidungskollektion ist im Aufbau, diese wird in einem Frauengefängnis in Schwarzau produziert.

Momentan besteht Ruffboards noch aus der Werkstätte in Währing und einem Shop am Donaukanal. Doch bald werden die Longboards und der Board-Builder in einigen Hervis-Filialen in Wien und Westösterreich angeboten. Nach einem Einstieg in den deutschen Markt nächstes Jahr soll Europa folgen, auch die USA und Japan sind anvisiert, so Ruff. "Wir wollen zum Beispiel unbedingt nach Spanien. Die Skateboardkultur dort ist riesig."