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Von Troddeln, Litzen und Quasten

Von Markus Kauffmann

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Markus Kauffmann , seit 22 Jahren Wiener in Berlin, macht sich Gedanken über Deutschland.

Im Branchentelefonbuch von Berlin habe ich nur zwei Firmen unter "Posamentierer" gefunden. Die eine ist ein Möbelhaus, die andere verkauft Kleiderzubehör. Keine produziert selbst.


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Ein junger Rekrut geht grußlos an einem hohen Offizier in Prachtuniform vorbei. An dessen Uniform prangen Kokarden, Epauletten und Schulterschnüre, Paspeln und Portepees, Litzen und Biesen, dass es nur so funkelt. "Können Sie nicht grüßen?" herrscht er den Unbedarften an. Der winkt nur ab und meint: "So Typen wie dich kenn’ ich, du bist doch beim Zirkus!"

In der Tat sind Zirkusleute auch heute noch Stammkunden bei einem aussterbenden Handwerksberuf. Das Gewerbe ist uralt und führte im Lauf der Zeiten zahlreiche Namen: Bandbereiter, Bandweber, Besatzmacher, Bortenwirker, Brämelmacher, Breisler, Gorler, Gorlnäher, Gürtelwirker, Knöpfelmacher, Quastenmacher, Schleiermacher, Schnürmacher, Tressenwirker. . .

Die heute gebräuchliche Bezeichnung ist der "Posamentierer", der sich vom französischen "passement" (Borte) ableitet. Gerade am prunkvollen Hof des barocken Frankreich hatten sie ihre hohe Zeit. Von diesen gibt es heute aber nur noch ganz wenige. Doch die Zahl ihrer Produkte ist mindestens so umfangreich wie ihre Namen. Allein die Raumausstatter nutzen rund hundert verschiedene Erzeugnisse, darunter die Embrasse zum Halten der zur Seite gerafften Gardinen, oder die Soutache, eine in zwei Flechtgraten herzartig gearbeitete schmale, feine Litze mit Mittelenden.

1884, als sich die preußische Gesellschaft neu orientierte, gründete Theodor Wagler, der das Posamentierhandwerk von der Pieke auf erlernt hatte, am 17. Juni seine Firma in Berlin. 1910 wurde er Königlicher Hoflieferant. Nach seinem Tod übernahm Sohn Kurt die Firma und in der dritten Generation sorgte bis 2006 Enkel Günter dafür, dass die Maschinen liefen. Solch eine Posamentiermaschine ist übrigens ein mechanisches Wunderwerk und trotz voller Funktionsfähigkeit ein Schaustück aus der Zeit der ersten Industriellen Revolution.

Auf diesen historischen Maschinen führt seitdem eine kleine Manufaktur am östlichsten Rand der Bundesrepublik Tradition und Produktion fort. Direkt an der polnischen Grenze gelegen, blickt das rund 20.000 Seelen zählende Städtchen Forst auf eine große Tuchmacher-Geschichte zurück. Im 19. Jahrhundert wurde es zu einer der wichtigsten Textilstädte ("deutsches Manchester").

Dort schafft unsere kleine Manufaktur eine Produktionspalette von Zierborten über Quasten für Einrichtungsgegenstände bis hin zu Theatervorhängen - alles, was das Herz von Ästheten begehrt. Zum Beispiel Quastenborten oder Stengelfransen, Gimpenborten oder prunkvolle Quasten, mit denen man vielleicht einmal ein repräsentatives Weihnachtsgeschenk verpacken und schmücken könnte. Unzählig die Varianten an Schnüren, Kordeln und Seilen, bis zur Nobelabteilung mit originellem Modeschmuck und anderen Accessoirs. Textilummantelte Stromkabel und Haltegriffe für Oldtimer zählen laut Firmenangaben "zu den neueren Produktionen".

Ursprünglich wurden diese Verzierungen aus hauchdünnen Metalldrähten "gewirkt". Erst als glänzende Silber- und Goldfäden aufkamen, ging man allmählich zur rein textilen Herstellung über. Dennoch haben sich die Ursprünge in der Formensprache der Posamentierer erhalten. Manche reliefartig gestickte oder gewirkte Applikationen können ihre "drahtige" Herkunft nicht verleugnen.

Ein bisschen sieht das alles ziemlich altmodisch und vorgestrig aus. Doch wer an feinfühliger Handarbeit, erfinderischer Gestaltung, nostalgischer Verspieltheit und überquellender Pracht sein Vergnügen hat, wird dieses Handwerk schätzen.