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Vor 13 Jahren starb Thomas Sankara, Afrikas Che Guevara

Von Germain Koura Bagassy

Politik

Fast genau vor 13 Jahren, am 15. Oktober 1987, wurde Thomas Sankara, damaliger Präsident von Burkina Faso, von einer Gruppe von Offizieren ermordet. Eine Woche vor seinem Tod sprach Sankara auf einer Gedenkveranstaltung für Che Guevara in Ouagadougou. Für die Jugend Westafrikas gilt er heute als der "Che" Schwarzafrikas.


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Hinter dem Mordkomplott, der von Teilen der Armeeführung ausgeführt wurde, stand Sankaras Halbbruder, der bis heute amtierende Präsident von Burkina Faso, Blaise Compaoré. Sankara hatte vier Jahre zuvor selbst die Macht militärisch übernommen und seitdem ein vielbeachtetes Projekt der planwirtschaftlichen und sozialistischen Entwicklung in einem der ärmsten Länder der Welt umzusetzen versucht.

Wer war Thomas Sankara? In einem Interview, das in dem empfehlenswerten Buch von Jean Ziegler "Burkina Faso, eine neue Hoffnung für Afrika" (Rotpunktverlag, Zürich 1987) abgedruckt ist, sagt er über sich selbst:

"Nehmen sie meinen Fall: Von 1.000 Kindern, die im gleichen Jahr wie ich geboren wurden, ist die Hälfte in den ersten drei Lebensmonaten gestorben. Ich hatte das unverschämte Glück davonzukommen. Ich hatte auch das Glück, in der Folge nicht Opfer einer jener Krankheiten zu werden, die wir hier in Afrika kennen und die die Menschen aus meinem Jahrgang weiter dezimiert hat. Ich gehöre zu jenen 16 Kindern von 100, die zur Schule gehen konnten. Das war eine weitere unerhörte Chance. Ich gehörte zu jenen 18 von 100 Eingeschulten, die bis zur mittleren Reife kamen, und zu jenen 300 Jugendlichen im ganzen Land, die ins Ausland gehen und ihre Ausbildung vervollständigen und bei der Rückkehr sicher sein konnten, einen Arbeitsplatz zu finden. Ich gehörte zu den zwei auf 100 Soldaten, die in sozialer Hinsicht einen stabilen und gut bezahlten Platz haben.

Wir sind es, die in der Stadt leben, die den Ton angeben, die der Weltöffentlichkeit erklären, was hier geht, was nicht geht und wie man die Situation hier einzuschätzen hat. Wir sind es, die von Menschenrechten sprechen, von der sinkenden Kaufkraft, vom Klima des Terrors. Wir vergessen dabei, dass wir Tausende von Kindern zum Tode verurteilt haben, weil wir nicht akzeptierten, dass unsere Gehälter auch nur ein kleines bisschen gesenkt werden sollten, um so eine kleine Gesundheitsstation zu finanzieren. Und wir haben die Weltöffentlichkeit nicht aufgerüttelt angesichts des Skandals, den diese Toten darstellen. Wir tragen unseren Teil bei zur internationalen Komplizenschaft des guten Gewissens. 'Ich vergebe dir deine Fehler, du vergibst mir die meinen. Ich schweige zu deinen schmutzigen Geschäften, du schweigst zu meinen Untaten, und wir beide gehören zu den sauberen Leuten.' Das ist wirklich das gentlemen´s agreement des guten Gewissens."

Perspektiven einer wirklichen Befreiung

Thomas Sankara hatte natürlich Kontakt zu verschiedenen kleinen Linksgruppen. Wie überall im neokolonialen Afrika diskutierten in den 70er Jahren trotzkistische, maoistische, Moskau-orientierte Gruppen und im Ausland ausgebildete junge Intellektuelle im damaligen Obervolta die Perspektiven einer wirklichen Befreiung von den kolonialen Zwängen und von den neokolonialen Regimen, die weit entfernt von früherer national-emanzipatorischer und antiimperialistischer Rhetorik nur noch korrupt, gewalttätig und machtbesessen die knapper werdenden nationalen Ressourcen verprassten.

1983 beteiligte sich der junge Offizier Sankara als Ministerpräsident an der Regierung, die nach einem Militärputsch unter Jean Baptiste Ouedraogo eingesetzt wurde. Er reiste zu internationalen Treffen, traf auf dem Gipfel der blockfreien Staaten mit Fidel Castro zusammen und erzielt mit anti-imperialistischen Reden viel Aufsehen.

Nach einem persönlichen Treffen mit Castro, dem damaligen Vorsitzenden der Bewegung der Blockfreien, zeigt sich eine weitere Radikalisierung im Auftreten Sankaras. Er wird nach der Rückkehr auf Treiben der französischen "Berater" in Obervolta verhaftet, jedoch im Juni von einer Gruppe Fallschirmjäger unter dem Kommando von Blaise Compaoré befreit. Die siegreichen Militärs gründen einen Nationalen Revolutionsrat und Thomas Sankara wird Präsident des später in Demokratische Republik Burkina Faso ("Land der Unbestechlichen") umbenannten Landes.

Burkina Faso ist ein Land mit sieben Millionen Einwohnern, das bisher fast ausschließlich als billiges Arbeitskräftereservoir für die umliegende Region diente. Es ist ein Binnenland und im Einzugsbereich der sich ständig ausbreitenden Wüste. 95 Prozent der Bevölkerung leben überwiegend in Subsistenzwirtschaft auf dem Land. Die Analphabetenrate liegt bei 80 Prozent und die durchschnittliche Lebenserwartung bei gerade mal vierzig Jahren.

Ein Großteil der städtischen Arbeiterklasse ist im öffentlichen Sektor beschäftigt, der Rest in der Leichtindustrie und in Handwerksbetrieben. Dennoch ist der Lebensstandard in den Städten unvergleichlich höher als auf dem Land. Vom Staatshaushalt 1983 in Höhe von 58 Mrd. CFA-Francs (umgerechnet rund 1,2 Mrd. Schilling) wurden zwölf Milliarden (250 Mill. Schilling) für den Schuldendienst und weitere 30 Mrd. für den öffentlichen Sektor in den Städten verbraucht. In den Städten gibt es für afrikanische Verhältnisse sehr starke Gewerkschaften, die alle vorhergehenden Regierungen mit Streiks und Protestkundgebungen in die Knie gezwungen hatten.

Eine sozialistische Revolution gegen die Gewerkschaften, mittels Lohnsenkungen in den Städten und bei völliger Abhängigkeit vom Ausland - wie soll das funktionieren?

Es ehrt Thomas Sankara als wirklichen Revolutionär, dass er es gewagt hat. Viel mehr als Mut, Begeisterung und sich selbst als vorangehendes Beispiel konnte er dabei nicht einbringen. Ein Wahnsinn? "Gewiss", sagt Sankara, "man führt nicht grundlegende Veränderungen durch ohne ein Minimum an Wahnsinn. In diesem Fall wird dies zu Nonkonformismus, zum Mut, den bekannten Formeln den Rücken zu kehren, die Zukunft zu erfinden. Vor allem brauchte es die Verrückten von gestern, damit wir uns heute so außerordentlich klarsichtig verhalten können. Ich möchte zu dieser Sorte von Verrückten gehören."

"Man muss auf dem steinigen Boden säen"

Eine Erziehungsrevolution von oben konnte kaum gut gehen. Die mechanische Anprangerung der städtischen Bevölkerung als Privilegierte, die auf Einkommen und Vorteile verzichten müssten, um die ungerechte Ungleichverteilung im Lande aufzuheben, führte fast zwangsläufig zu Widerstandsformen, zu Streiks und Dissonanzen in der Verwaltung. Zusätzlich wurde die alte Armee nicht aufgelöst, sondern mit 6.000 Bewaffneten beibehalten, die ebenfalls auf nichts verzichten wollten.

Einen solch holprigen und mit Widerspruch gespickten Weg erwartet wohl jede Revolution. Die Revolutionsführung von Thomas Sankara hatte aber versäumt, wirkliche Massenmobilisierung und -beteiligung zu organisieren, die in der Summe von Diskussion und Interessensausgleich eine breit akzeptierte Politik möglich gemacht und Widerstand demokratisch ausgeräumt hätte.

Die Regierung unter Sankara ließ alle internationalen Verträge und Mitgliedschaften unverändert. Aber nur anti-imperialistische Rhetorik allein greift die strukturelle Abhängigkeit von Frankreich nicht an und öffnet statt dessen die Tore, dass sich diese Abhängigkeit auch bis in den höchsten Führungszirkel hineinfressen kann, in dem dann die Enge zur alten Kolonialmacht zum wichtigsten Differenzierungsmerkmal in den Meinungen der Führer wird.

Über die Meinungsverschiedenheiten in der Führung wurde in der Öffentlichkeit nicht informiert und gestritten. So war es möglich, dass ein interner Gewaltakt, ein Brudermord im wahrsten Wortsinn, die revolutionäre Dynamik fast über Nacht beenden konnte.

Thomas Sankara bleibt in den Köpfen der Menschen, vor allem der Jugend Westafrikas dennoch als leidenschaftlicher und aufrichtiger Revolutionär präsent. Er ist heute, nach zehn Jahren, der Che Schwarzafrikas. An seinem Mut, an seiner "Verrücktheit" werden kommende Generationen von Revolutionären gemessen werden. Hier in Burkina Faso hören noch viele Jugendliche in der Öffentlichkeit die Rede des ehemaligen Präsidenten. Und hoffen immer, dass Ihr Land eines Tages das Land der Unbestechlichen bleiben wird.

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Germain Koura Bagassy ist Korrespondent der Tribüne Afrikas in Westafrika.