)
Moskau - Terror war sein Geschäft, und Felix Dserschinski stand dazu. Zehntausende Menschen hatte der Gründer der berüchtigten Tscheka, des ersten Sowjet-Geheimdienstes, töten lassen - und sah sich damit ganz im Dienst der bolschewistischen Revolution. 76 Jahre nach seinem Tod soll jetzt in Moskau das Denkmal des "Eisernen Felix" wieder aufgestellt werden. Zur Fassungslosigkeit vieler Liberaler machte Bürgermeister Juri Luschkow höchstselbst diesen Vorschlag.
Hinweis: Der Inhalt dieser Seite wurde vor 23 Jahren in der Wiener Zeitung veröffentlicht. Hier geht's zu unseren neuen Inhalten.
Noch vor wenigen Jahren hatte Luschkow sich mit Händen und Füßen gegen die Wiedererrichtung der Statue gewehrt. Jetzt scheinen politische Ambitionen ihn zu einer Umkehr zu bewegen, wie Bürgerrechtler vermuten.
Im August 1991 holten wütende Moskauer Dserschinski buchstäblich vom Sockel. Tage zuvor hatten Alt-Kommunisten versucht, den damaligen Staatschef Michail Gorbatschow zu stürzen. Nachdem der Putsch fehlgeschlagen war, warfen pro-demokratische Demonstranten das Denkmal des verhassten Tscheka-Chefs um - und damit das Sinnbild des "Roten Terrors" und des allgegenwärtigen Geheimdienstes.
Die Tscheka, Vorläuferin des Sowjet-Geheimdienstes KGB, wurde am 20. Dezember 1917 unter dem Namen "Außerordentliche Kommission zur Bekämpfung von Konterrevolution und Sabotage" gegründet. Ihr von Lenin eingesetzter Chef Dserschinski machte die politische Polizeitruppe zum Instrument des "Roten Terrors". Mit Massenverhaftungen und Hinrichtungen versuchte er, die bolschewistische Herrschaft zu stabilisieren. Schätzungen zufolge fielen von 1917 bis 1923 zwischen 100.000 und 500.000 Menschen dieser Verfolgungskampagne zum Opfer. "Wir stehen für Terror, das muss ganz offen eingeräumt werden", betonte Dserschinski selbst. "In Zeiten der Revolution ist Terror absolut notwendig."
Die sowjetische Propaganda versuchte später die Erinnerungen an den gnadenlosen Dserschinski abzumildern. Statt der Blutjahre pries das Regime lieber die angeblichen Wohltaten des 1926 verstorbenen Hardliners und sein Verdienst, obdachlose Kinder und Waisen von der Straße geholt zu haben. Daran würde nun auch Bürgermeister Luschkow gerne erinnern und das gestürzte Standbild des umstrittenen Sowjet-Helden wieder auf dem Lubjanka-Platz aufstellen - direkt gegenüber dem früheren Gebäude des KGB, in dem heute der russische Inlandsgeheimdienst FSB seinen Sitz hat.
Liberale, Bürgerrechtler und Angehörige von politisch Verfolgten der Sowjetzeit bringt dieses Ansinnen auf die Barrikaden. "Wenn wir schon ein Denkmal aufstellen müssen, dann sollten wir es doch wohl nicht den Henkern setzen, sondern lieber den Opfern, die unter politischer Verfolgung und Terror gelitten haben", erregt sich der Chef des liberalen Reformblocks Jabloko, Grigori Jawlinski. Schließlich sei Dserschinski "Symbol eines Systems, unter dem Millionen von Menschen jahrelang gelitten haben".
Bürgerrechtler Lew Lewinson sieht in Luschkows Vorstoß ein neues Zeichen für die widersprüchliche Haltung der russischen Gesellschaft zu ihrer Vergangenheit. Auch dass Präsident Wladimir Putin die Nationalhymne der Stalin-Zeit offiziell wieder einführte, kurz nachdem die russisch-orthodoxe Kirche Zar Nikolaus II. heilig gesprochen hatte, zeige dies.
Wie andere Kritiker vermutet Lewinson auch ganz handfeste politische Gründe hinter Luschkows plötzlicher Sympathie für Dserschinski. Der populistische Bürgermeister versuche offenbar, sich mit Putin gut zu stellen, argwöhnt der Bürgerrechtler. Schließlich sei Putin früher selbst ein hoher KGB-Mann gewesen. Tatsächlich schwieg sich der Kreml zuletzt zu dem Denkmal-Streit aus. Erst am Donnerstag erteilte der stellvertretende Kreml-Verwaltungschef Wladimir Surkow dem Wiederaufbau eine vorläufige Absage. Diese Idee sei "für die große Mehrheit der Bürger ebenso unzeitgemäß wie unakzeptabel". Ein solcher Schritt erfordere "ein vorsichtiges und allmähliches Vorgehen". Luschkow äußerte sich zunächst nicht, ob er Dserschinskis Comeback nun womöglich verschieben will. AFP
)
)
)