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Vor den Kopf gestoßen

Von Piotr Dobrowolski

Politik

Nach der Entführung einer Polin im Irak gerät die Regierung in Warschau unter Druck. Die Terroristen fordern den Rückzug polnischer Truppen aus dem Irak, die polnische Öffentlichkeit wirft den zuständigen Politikern Sorglosigkeit vor.


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In der Nacht auf Freitag ist in Bagdad die 54-jährige Polin Teresa Borcz entführt worden. Die Frau ist mit einem Iraker verheiratet und lebt seit 25 Jahren in Bagdad. Auf einem Video, das vom Nachrichtensender Al-Jazeera ausgestrahlt wurde, ist die Entführte mit zwei maskierten Terroristen zu sehen, einer von ihnen hält ihr eine Pistole an den Kopf.

Kein Krisenplan

In Polen haben die Bilder einen regelrecht Schock ausgelöst. Ins Kreuzfeuer der Kritik geraten ist dabei vor allem Außenminister Wlodzimierz Cimoszewicz. Mit für viele Beobachter unerträglicher Naivität gab Cimoszewicz gestern zu, dass in der polnischen Krisenplanung der Fall der Entführung einer im Irak lebenden Polin bislang gar nicht vorgekommen ist: "Die polnischen Geheimdienste waren sich bislang nicht der Tatsache bewusst, dass auch solche Personen Ziel von Anschlägen werden können."

Kritik musste sich Cimoszewicz auch für seine sofortige und kategorische Ablehnung jeder Gespräche mit den Terroristen gefallen. Jerzy Kos, bis zum gestrigen Fall der einzige im Irak entführte Pole, war der erste, der dem Minister Sorglosigkeit vorwarf. "Ich bin kein Diplomat", sagt der Geschäftsmann, der im Sommer entführt und nach einigen Tagen von Sondereinheiten befreit wurde, "aber ich weiß, dass die Entführer gerade am Beginn der Entführung extrem nervös sind. Da kann jedes unbedachte Wort zu einer Katastrophe führen." Ähnliche Vorwürfe kommen auch aus dem Umfeld der auf Geiselbefreiungen spezialisierten polnischen Sondereinheit "Grom". Krzysztof Przepiorka, vom Verband ehemaliger Grom-Soldaten kritisiert Cimoszewicz zwar nicht direkt, sagt aber: "Verhandlungen muss man führen, dadurch gibt man den Sondereinheiten Zeit, eine Rettungsaktion vorzubereiten."

In Polen geht man derzeit davon aus, dass der Versuch einer Geiselbefreiung zumindest dann gewagt wird, wenn die entführte Frau im Bereich der polnischen Besatzungszone im Irak gefangen gehalten wird. Das hat letztlich auch Verteidigungsminister Jerzy Szmajdzinski angedeutet, als er von ungewöhnliche Bemühungen sprach, mit denen eine Freilassung erreicht werden soll.

Ruf nach Rückzug

Eine etwaige Geiselbefreiung stellt, selbst wenn es gelingt den Aufenthaltsort der Entführten festzustellen, für die polnischen Regierung allerdings ein beträchtliches poltisches Risiko dar. Misslingt sie, dürfte der schon jetzt große innerpolnische Druck nach einem Truppenrückzug weiter wachsen. Polen will sein Kontingent im Irak mit Anfang des kommenden Jahres reduzieren und möchte auch einen möglichst baldigen Totalrückzug, offiziell gilt aber nach wie vor die Linie: Voller Rückzug, erst dann, wenn die amerikanischen Verbündeten damit einverstanden sind und die Situation im Irak stabil ist. Rund 70 Millionen Euro jährlich gibt Polen für den Irak-Einsatz aus. Für das Verteidigungsministerium wird es aber zunehmend schwierig, Soldaten zu finden, die sich freiwillig für die Mission im Zweistromland verpflichten wollen.