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Erstmals seit 1950 gehen Nord- und Südkorea aufeinander zu: Ende April trafen sich Vertreter der beiden traditionell Verfeindeten Staaten in Panmunjon, einem kleinen Ort im entmilitarisierten Grenzgebiet, um das für den zwölften Juni geplante Gipfeltreffen vorzubereiten. Die USA, die bisher mit allen Vermittlungsversuchen gescheitert ist und Japan, das sich durch das hochgerüstete und unberechenbare Nordkorea in seiner Sicherheit bedroht fühlt, beobachten die Entwicklung mit besonderem Interesse.
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Vor allem Südkorea geht mit großen Erwartungen in die Verhandlungen. Nach den Worten von Präsident Kim Dae- jung soll dies der Startschuss für die Demontage eines Konflikts sein, der als einziger seiner Art die Ära des Kalten Krieges überlebt hat.
Denn noch immer prallen auf der südostasiatischen Halbinsel zwei ideologische Systeme aufeinander, sind zwei Staaten durch Minenfelder und Drahtverhaue voneinander getrennt: Auf der einen Seite steht Nordkorea, das einzige Land weltweit - sieht man von Fidel Castros Cuba ab - das dem Zusammenbruch des Kommunismus trotzt und diese Haltung mit fast völliger internationaler Isolation bezahlt. Auf der anderen Seite der Süden, kapitalistisch, demokratisch verfasst und auf den Weltmärkten höchst erfolgreich.
Der Weg in Richtung einer nachhaltigen Entspannung dürfte lang und steinig werden: Zu präsent sind die Erinnerungen an einen mörderischen Krieg, der fast drei Millionen Tote und Verletzte gefordert hat.
Schon einmal, im Juni 1994, gab es Gespräche zwischen Nord und Süd, die in ein Gipfeltreffen hätten münden sollen. Damals verhinderte jedoch der unerwartete Tod des nordkoreanischen Staatschefs Kim Il - sung einen Fortschritt der Friedensverhandlungen. In den Folgejahren hatte der Sohn und Nachfolger des verstorbenen Diktators, Kim Jong -il, einige Mühe damit, seine Machtposition innerhalb der Armee und Partei abzusichern. Mittlerweile dürfte ihm das gelungen sein.
Auch der südkoreanische Präsident Kim Dae - jung musste im Vorfeld der Verhandlungen innenpolitische Widerstände beseitigen: Seine "Demokratische Millenniumspartei" ist nur zweitstärkste Kraft im Land und die konservative oppositionelle "Große Nationalpartei" war bisher strikt gegen jedes Zugeständnis an den Norden. In den letzten Wochen hat jedoch auch Oppositionsführer Lee den Weg zu Verhandlungen freigegeben.
Hungersnöte im Norden
Während Seoul aus sicherheitspolitischen Gründen den Dialog sucht, dürfte es Pjongjang vor allem um Wirtschaftshilfe gehen: Denn seit Jahren wird der hochgerüstete Norden von fürchterlichen Hungersnöten heimgesucht, die in erster Linie staatlichem Mißmanagement und in zweiter Linie anhaltenden Dürreperioden anzulasten sind. Nach Angaben der Hilfsorganisation World Vision sind in den letzten Jahren über 500.000 Menschen verhungert.
Dabei waren die wirtschaftlichen Voraussetzungen Nordkoreas ursprünglich gar nicht die schlechtesten. Vor 1945 verfügte der Norden über 92 Prozent der Energieerzeugung und über 90Prozent der Kohle - und Eisenförderung Gesamtkoreas. Zumindest bis in die siebziger Jahre hinein konnte die Versorgung an Lebensmittel ohne zusätzliche Importe gesichert werden.
Freilich: Ohne massive Unterstützung durch die befreundete Sowjetunion wären solche Ergebnisse wohl schwer möglich gewesen.Wie stark die von Mehrjahresplänen diktierte Wirtschaft Nordkoreas an die einstige Supermacht gekoppelt war lässt sich schon daran ermessen, dass 50 Prozent des norkoreanischen Aussenhandelsvolumens über die UdSSR lief.
Sei dem Ende der sowjetischen Bruderschaftshilfe ist die nordkoreanische Wirtschaft dem Zusammenbruch nahe und auf japanisch-südkoreanische Hilfslieferungen im Bereich der Grundnahrungsmittel, sowie auf relativ gute Kontakte zu China angewiesen. Internationale Beobachter befürchten jedoch, dass diese Lieferungen vor allem der Armee zugute kommen, während ein beträchtlicher Teil der Zivilbevölkerung weiter darben muss.
Mit Hungerrevolten und einem Aufstand der Bevölkerung ist nach den Angaben des 1997 nach Südkorea übergelaufenen ehemaligen Chefideologen des Nordens, Hwang Yang -yop, in den nächsten Jahren nicht zu rechnen. Zu allgegenwärtig ist die staatliche Propaganda, die den 1994 verstorbenen Diktator und Staatsgründer Kim Il -sung immer noch mystifiziert. Ihm zu Ehren wurde sogar die nordkoreanische Zeitrechnung reformiert, die das Jahr Null mit der Geburt des "großen Führers Genossen Kim Il -sung", 1912, gleichsetzt.Wer unter diesen Bedingungen Widerstand wagt, verschwindet in einem Arbeitslager.
Diktatorische Vergangenheit
Doch auch der Süden des Landes ist, was oft angesichts wirtschaftlicher Meisterleistungen in den Hintergrund gerät, in seiner historischen Entwicklung kein demokratischer Musterstaat:
Während der Amtsperiode des 1953 gewählten Präsidenten Syngman Rhee war die unter dem Einfluss der USA ausgearbeitete Verfassung der Republik nur formal von Bedeutung. Studentenproteste zwangen den Autokraten 1960 zur Flucht ins Exil.
Die darauffolgende Interimsregierung wurde schon bald von einem Militärputsch beseitigt, der den General Park Chung Hee an die Macht brachte. Dieser installierte eine Militärjunta, die anfangs weder Parteien, noch Gewerkschaft duldete. Mithilfe seiner Geheimpolizei und Wahlmanipulationen konnte sich Hee bis 1986 an der Macht halten. Obwohl in den darauffolgenden Jahren einige Fortschritte im Sinne einer weitgehenden Demokratisierung erzielt werden konnten, wurde auch in letzter Zeit immer wieder zu polizeistaatlichen Methoden gegriffen:Als im Februar 1998 unter dem Eindruck der der allgemeinen Wirtschaftskrise zu einer Lockerung des Kündigungsschutzes und Massenentlassungen kommt, wird dem ausgerufenen Generalstreik seitens der Regierung mit der Festnahme der verantwortlichen Gewerkschaftsfunktionäre begegnet. Im darauffolgenden August treten die Arbeiter des grössten nationalen Autozulieferers Mando Machinery in den Streik. Der Arbeitskampf wird von der Polizei gewaltsam aufgelöst und 1600 Arbeiter vorübergehend festgenommen.
Doppelstrategie Südkoreas
In seinem Verhältnis zum Norden verfolgte Südkorea unter Kim Dae-jung bislang eine zweifache Strategie: Einerseits wurde immer höchster Wert auf eine schlagkräftige Armee gelegt, die im Ernstfall den Streitkräften Pjongjangs standhalten könnte, auf der anderen Seite wurde der Weg einer vorsichtigen Annäherung beschritten.
Bei den für Montag angesetzten Gesprächen will Südkoreas Präsident darüber hinausgehend den Prozess einer "friedlichen Koexistenz" mit dem Norden einleiten: Denn immer noch kommt es zwischen den verfeindeten Staaten regelmäßig zu kleineren bewaffneten Zwischenfällen. Weiters sollen bei den Verhandlungen politisch - ideologische Aspekte soweit als möglich ausgeklammert werden, um erste Wirtschaftskooperationen in die Wege zu leiten. Auch könnten erste Verbindungen auf dem Gebiet des Tourismus und des Sports und der gemeinsamen friedlichen Nutzung nuklearer Energie zustande kommen.
Bei der längerfristigen Perspektive einer möglichen Wiedervereinigung will Seoul dem kommunistischen Norden die Beibehaltung seines politischen Systems durch die Beteuerung garantieren, dass eine Konföderation rein auf wirtschaftlichem Gebiet angestrebt werde.
Auch Nordkorea signalisiert über seinen Chefunterhändler Song Ho Kyong Kooperationsbereitschaft. Vorbedingung für erfolgreiche Gespräche sei aber die strikte Nichteinmischung dritter Staaten in die Verhandlungen.
Internationale Experten warnen daher davor, allzugroße Erwartungen in das am Montag stattfindende Treffen zu setzen. Die Hauptbedeutung der Zusammenkunft liege vor allem in der Symbolik, meinen sie. Südkoreas Kim Dae-jung sieht in dem Gipfe die Grundlegung für regelmäßigere Kontakte auf höchster Ebene, die langfistig eine Normalisierung der Beziehungen bingen könnten.
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