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Vorarlberg auf dem Holzweg

Von Vera Purtscher

Reflexionen
Haus im Feld, Architektur: Bernardo Bader Architekten, Ausführung: Holzbau Berchtold. Der Bau erhielt 2011 den Vorarlberger Holzbaupreis in der Kategorie EFH.
© Foto: Adolf Bereuter

Die moderne Vorarlberger (Holz)-Baukunst gilt als mustergültig. Dennoch gibt es manches Bedenkliche, was bei aller Begeisterung über das Geleistete nicht übersehen werden sollte.


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Die meist anonymen bäuerlichen Bauten in der Kulturlandschaft Vorarlbergs sind ins allgemeine Bewusstsein gedrungen und prägten lange die Vorstellung von dem, was ein Haus zu sein hat: ganz oder zumindest teilweise aus Holz errichtet. Ein Baustoff, an dem es im waldreichen Westen nie mangelte. Dank dieser Grundlage und der steten Befassung mit Holz war Holzbau immer ein lebendiges Thema. Historisch sorgte die Erbteilung zwar für kleine Parzellen und bittere Armut, aber auch für kulturellen Austausch, mussten doch Handwerker saisonal ins Ausland, um zu überleben. Dieses Über-den-geografischen-Tellerrand-Blicken war einer der Gründe für das sich ständig weiterentwickelnde Handwerk. Die Kleinräumigkeit des Landes beflügelt darüber hinaus Kontakte über gesellschaftliche und soziale Grenzen hinweg.

Nicht zu übersehen ist, dass im Ländle Hausbau als quasi genetisch angelegte Aufgabe in einem Menschenleben betrachtet wird. Es ist identitätsstiftend und nachhaltig. Der kaufmännisch denkende Alemanne rechnet lieber mit Kreditrückzahlungen als mit Mietzahlungen. Befruchtend wirkte auch die Baugesetzgebung, die selbst Autodidakten das Planen gestattete. Nachdem die Architektenkammer gegen diese "wilden" Planer, die sich die Ziviltechnikerprüfung und Kammerbeiträge ersparten, vorging, schlossen sich in einem Akt zivilen Ungehorsams 16 regionale Planer zur "Gesellschaft Vorarlberger Baukünstler" zusammen und erreichten einen Kompromiss. Als 1991 der "Internationale Kunstpreis des Landes Vorarlberg" an Hans Purin gehen sollte, plädierte dieser für die kollektive Vergabe an die "Baukünstler", welche mit dem Preisgeld eine Ausstellung zu ihrem Œuvre finanzierten. Welch’ solidarische Leistung!

Kollektives Lernen

Seit 1985 wurden in den größeren Gemeinden Gestaltungsbeiräte einberufen, die als Schnittstelle zwischen Experten, Politik und Bevölkerung wirkten. Von 1985 bis 1992 wurde wöchentlich eine regionale Fernsehsendung zu Architektur und städtebaulichen Projekten gezeigt, für die Roland Gnaiger, später Bruno Spagolla verantwortlich zeichneten. So war das Thema in jedem Haushalt präsent und regte zu oft heftigen Diskussionen an. Diese Kommunikation, die als "kollektives Lernen" bezeichnet werden kann, ist u.a. auch auf die künstlerische Leidenschaft eines Multiplikators an der Pädagogischen Akademie zurück zu führen: Franz Bertel führte junge Lehrer an die Architektur heran. Über sie war somit der "Virus" Architektur ins Land gekommen und die Scheu, zum Architekten zu gehen, gebannt.

Nicht zu unterschätzen sind die mutigen Bauherren und -herrinnen: Pioniere dieser Zeit, die es den Planenden erst ermöglichten, ihre Ideen dreidimensional wahr werden zu lassen. Architekten-"Rebellen" bauten in den späten 50er und 60er Jahren ökonomische kleine Häuser - meist ausgefachte Holzskelettbauten oder in Mischbauweise errichtet - von "japanischer" Strenge, wie es Fachleute nannten; "Hasenställe", wie es vielfach in der Bevölkerung hieß.

Als Pioniere dieser Zeit gelten Hans Purin, Jakob Albrecht, Karl Sillaber, Max Fohn, Leopold Kaufmann, Rudolf und Sigi Wäger, Gunter Wratzfeld, Willi Ramersdorfer und Heinz Wagner.

Das Pragmatische des Alemannen lässt Architektur kaum als Kunst gelten. Viel eher handelt es sich um Schaffung von dienendem Lebensraum, der die Außenerscheinung unserer Umwelt prägt und deshalb möglichst sensibel eingebettet gehört. Selbstbau war immer ein Thema: Beginnend mit Purins Haldensiedlung in Bludenz, oder Wägers Holzhäuser fürs kleine Budget, realisierte 1979 die "Cooperative" - Eberle, Juen, Koch und Mittersteiner - in Höchst eine Hausgruppe, bei der die von Fachleuten aufgestellte Primärkonstruktion von den Jungarchitekten und anderen künftigen Hausbewohnern selbst komplettiert wurde. Neugierde, Wissensdurst und die Möglichkeit, Prototypen vor Ort relativ unkompliziert umsetzen zu können, erlaubten Neuentwicklungen, die bald Schule machten. Die Bauordnung behinderte nichts Neues, Ungewohntes, Mutiges. Da es nicht bei vereinzelten Typen blieb, sondern eine Weiterentwicklung stattfand, rückte die Dichte solch bemerkenswerter Bauten ins mediale Licht.

Den endgültigen internationalen Durchbruch verschaffte der Vorarlberger Architektur 2000 ein Artikel in der renommierten Zeitschrift "wallpaper": "there is no better place to built, than inVorarlberg . . . the most progressive part of the planet, when it comes to new architecture". 2003 liest es sich in "d’Architectures" folgendermaßen: "Le Vorarlberg est une exception culturelle . . ."

1997 wurde das Vorarlberger Architektur Institut gegründet und entwickelte sich zur erfolgreichen Schnittstelle zwischen ArchitektInnen, Planenden und Umsetzenden, Wirtschaft und Handwerk, Wissenschaft und Politik. Die Verschränkung von Planern und Ausführenden ist auch ablesbar in der Qualitätsvereinigung "Vorarlberger Holzbaukunst" - kollektiv finanziert von den Holz verarbeitenden Betrieben. Mehr Holzbau auf höchstem Niveau soll durch gemeinsames Marketing, Weiterbildung und Lobbying erreicht werden.

Energiebewusstsein

1985 wurde von der Vorarlberger Landesregierung der Energiesparverein ins Leben gerufen, seit 1990 als Energieinstitut Vorarlberg professionalisiert und ausgebaut. Dass Vorarlberg die höchste Dichte an Energiespar- und Passivhäusern aufweist, ist quasi logisch. Längst macht der mehrgeschossige Holzbau von sich reden und bewegt langsam die bisher festgefahrenen Normen. Tatsächlich kann sich Vorarlbergs Bauindustrie auf ihre Fahnen heften, innovativer Marktführer zu sein.

So kann der Architektur-Tourist schwelgen. Nicht "nur" im Holzbau zeigt sich architektonisches Können: auch im Lustenauer Milleniumpark, wo sich herausragende Gewerbe- und Indus- triebauten dicht aufeinander präsentieren, oder Infrastruktur-Beispiele wie Brücken, Liftstationen oder Autobushaltestellen. Oder Bauten für Kommunen, die als Auftraggeber vielfach zu anspruchsvollen Bauherren - im besten Sinn - geworden sind. Es herrscht Wettbewerb unter den Bauherren. Welcher Auftraggeber würde sich die Blöße schlechter Architektur geben wollen?

Kulturbauten wie das KUB in Bregenz von Pritzkerpreisträger Zumthor oder der vielfach preisgekrönte islamische Friedhof in Altach von Bernardo Bader bilden nicht nur meisterhafte Zeichen in der Landschaft, sondern basieren auf einer Entstehungsgeschichte, die es mit zu betrachten gilt (dass dies nicht geschieht, ist im Übrigen ohnehin ein Mangel fast aller Architektur-Kritik). Ging es im einen Fall um die Zähigkeit des Architekten und das Ringen der Politik wegen der Kostenüberschreitungen, so war es im anderen Fall ein langjähriger Kommunikations-Prozess, in dem alle Beteiligten eine vorsichtige Annäherung zum sakralen Thema fanden, und der Architekt eine zeitgemäßeAntwort finden konnte.

Ja, Vorarlberg weist eine besonders hohe Dichte guter Architektur-Beispiele auf. Ja, Vorarlbergs gelebte Baukultur ist schnörkellos, klar, konstruktiv logisch. Früher armutsbegründet, erweist sich diese Haltung heute als "modern". Die schlichte Eleganz naturbelassener Lärche oder Weißtanne mit ihrem grauen, natürlich verwitterten Aussehen ist authentisch: also das, wonach sich die meisten sehnen!

Die Häuser passen sich der umgebenden Natur an, das unbehandelte Holz kann atmen, es ist Sonne, Wind und Wetter ausgesetzt. Die Patina ist erwünscht. Und doch darf man nicht erwarten, dass das Ländle eine makellose Architektur-Landschaft wäre. Selbstverständlich gibt es auch hier viele "Sünden". Zwar gibt es seit 1973 ein Raumplanungsgesetz, doch man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, dass es nicht mit der erforderlichen Einsicht und Härte angewendet wird. Ob das Einfamilienhaus oder eine Privatuni, ob finanzkräftige Totalunternehmer oder zähe Bauwerber: zu nachgiebig scheint die Behörde bisweilen zu agieren, um andernorts wieder mit unverhältnismäßiger Penibilität aufzutreten.

Quo vadis, Ländle?

Es bleibt abzuwarten, ob die architektonische Verwendung des Werkstoffes Holz jene Veränderbarkeit erlaubt, die nachfolgenden Nutzern Freiheit zur Veränderung schenkt. Die Chancen stehen durchaus gut, dass die Zurückhaltung bei formalen Attitüden jenes Nachhaltige, Authentische schafft, das immer Gültigkeit hat.

Vorbild dafür sind jene Holzbauten, die kraftvolle Zeugnisse ehemaliger Handwerkskunst darstellen. Es wohnt ihnen eine Echtheit inne, die heute schwer zu erreichen ist. Vorarlbergs Architekten bemühen sich darum und verwenden zurzeit Weißtanne - oft massiv und unbehandelt. Ob hypermoderne Apartements oder sensibel sanierte alte Bauernhäuser: Holz wird konstruktiv, wandbildend, aber auch in der Innenraumgestaltung verwendet - ohne alpenländischen Kitsch. Materialreduzierte Objekte verleihen den Räumen ein hohes Maß an Klarheit. Mit Holz-Oberflächen sind sie dauerhaft, mechanisch belastbar, altern in Ehren und sind gut fürs ökologische Gewissen. Der CO2-Ausstoß und der ökologische Fußabdruck verbessern sich drastisch, wenn heimisches Holz mit Hilfe der hiesigen Handwerker genutzt wird - und dies nicht nur für kurze Modezyklen.

Allerdings gelten auch im Ländle überbordende Bauvorschriften, die ebenso wie übervorsichtige Behörden Architektur beschränken und verteuern. Selbstkritisch wird hinterfragt, ob der Holzbauweg architektonisch in eine Sackgasse führe, nimmt doch das uniforme, kulturlose Bauen mit "Holzanstrich" auch im Ländle zu. Die meisten jüngeren Architekten bemängeln, dass es in ihrer Branche keinen Zusammenhalt gäbe, dass Neid und Missgunst herrschten. Wie anders, als die Baukünstler vor rund 25 Jahren noch solidarisch das aufgebaut haben, was heute allerorten so gerühmt wird!

So ist die Außensicht - zu Recht - geprägt von Jubel über das Geleistete. Im Land mischt sich allerdings Nachdenklichkeit über das Derzeitige und Sorge über das Zukünftige. Es gälte, an die kulturellen Leistungen der Pioniere anzuknüpfen und sich weder von der Last der guten Beispiele erdrücken zu lassen noch sich auszuruhen auf dem Neuhergebrachten. Oder sprechen wir doch vom Althergebrachten?

Vera Purtscher ist als freischaffende Architektin und Ziviltechnikerin im Produktdesign sowie publizistisch tätig. Jahrelang in Wien, später in Vorarlberg.

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