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Vorsicht - Bär vor der Tür!

Von WZ-Korrespondent Peter Nonnenmacher

Politik

Die Geschichte vom Paddington Bären, die jetzt fürs Kino verfilmt wurde, rührt die Briten immer noch. | Der Liebling aus den 1950ern hätte im heutigen Großbritannien aber einen schweren Stand.


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London. Er stammt aus einer fernen Ecke der Welt. Seine Heimat, sagt er, sei "das dunkelste Peru". Er ist - ohne Papiere, nur mit einem Köfferchen - im Schiff nach England gekommen. Ganz illegal. Als blinder Passagier.

Natürlich ist er obdachlos. Er nimmt sich struppig aus und weiß nichts von den Insel-Gebräuchen. Dabei erwartet er, von britischen Steuerzahlern behaust und durchgefüttert zu werden. In London will er sich vor allem amüsieren. Nach einem Job zu suchen, hat er nicht geplant.

Somit gehört er zu der Art von Migranten, denen Großbritanniens Parteien den Zugang zur Insel gern verwehren möchten. Er ist, sozusagen, der Inbegriff des unerwünschten Ankömmlings. Und doch hat man nie jemanden in England ein böses Wort gegen ihn sagen hören. Denn Paddington Bär ist ja nur eine fiktive Gestalt, ein Bilderbuch-Maskottchen. Mit seinem Schlapphut, seinem Duffle Coat und seinen Abenteuern ist er allen Kindern im Königreich ein Begriff.

1958 hat ihn der Kinderbuchautor Michael Bond erfunden. In jenem ersten Band kommt Paddington zu seinem Namen, weil er im gleichnamigen Londoner Bahnhof gesichtet wird. Auf einem an seinem Mantel befestigten Zettel steht: "Bitte kümmert euch um diesen Bären. Danke schön." Mr. und Mrs. Brown, die ihn entdecken, beherzigen die Bitte. Sie nehmen Paddington bei sich daheim auf.

Auf die Idee war Bond gekommen, als er kurz vor Weihnachten 1956 in einem Ladenfenster einen übrig gebliebenen kleinen Teddy so einsam wie geduldig auf einen Käufer warten sah. Er nahm ihn mit heim, es war, würde man heute sagen, ein impulsiver Kauf. Auch Erinnerungen an die im Krieg aus London evakuierten Kinder sind in die Paddington-Geschichten eingeflossen. Sie alle, entsinnt sich Bond, trugen ihr Köfferchen in der Hand und ihr Namensschild um den Hals. Harvey Unna, Bonds Verlagsagent, ermunterte ihn damals zu dem Buchprojekt.

Reise in einevergangene Welt

Unna selbst war als deutscher Jude aus Hamburg nach London geflohen. Mr. Gruber, der freundliche ungarische Immigrant und Besitzer eines Antiquitätenladens in den Paddington-Geschichten, dürfte ihn zum Vorbild gehabt haben. Dankbarkeit für ein Land, das Fremde aufnahm, leuchtet hell aus der Gruber-Figur.

26 Paddington-Bände hat Michael Bond insgesamt geschrieben. Dreißig Millionen Exemplare in dreißig verschiedenen Sprachen soll es heute davon geben. Zusätzlich zu den alten Büchern und TV-Serien will nun ein neuer Kinofilm Kindern die Vorweihnachtszeit versüßen. Diesen Freitag kommt der Streifen in Großbritannien in die Kinos, am 4. Dezember auf dem Kontinent. Er soll, so hört man, etwas slapsticklastig sein, aber "noch das eisigste Herz zum Schmelzen bringen".

Bezeichnenderweise entführt Paddington alle, die seine Knopfaugen und seine höfliche Art lieben, in eine Welt, die die Briten selbst für vergangen und verloren halten. Der "Times"-Kolumnist Ben Macintyre hat sie halb wehmütig und halb spöttisch eine Welt genannt, "in der es noch gute Manieren, Orangenmarmelade und die vormittägliche Vesperpause gibt". Es sei eine Welt, schmunzelt Macintyre, "in der Kinder ins Internat verfrachtet werden und jedes Haus seine Haushälterin hat". Interessanterweise hat just derzeit das Umfrageinstitut YouGov herausgefunden, dass sich die Wähler der von Erfolg zu Erfolg marschierenden rechtspopulistischen Unabhängigkeitspartei Ukip genau in eine solche "bessere" Zeit zurückwünschen. Mehr als zwei Drittel von ihnen würden die Uhr um ein paar Jahrzehnte zurückdrehen, wenn sie es nur könnten. Für sie stehen die guten alten Browns, mit ihrer schönen Villa in Windsor Gardens, für noch heile bürgerliche Existenzen. (Als Dienstboten in dieser Welt sehen sie sich natürlich nicht.)

Migranten sollen nach Ansicht vieler lieber draußen bleiben

Nur würden dieselben Wähler eben, wenn es darauf ankäme, keinen zugelaufenen Peruaner in ihrer Mitte willkommen heißen. "In einem Land, in dem Ukip das Sagen hätte, wäre Britanniens beliebtester Immigrant nicht weiter gekommen als bis zu dem Bahnhof, nach dem er benannt ist", meint Macintyre trocken: Spätestens beim Aussteigen in Paddington Station hätte man den ungebetenen Gast abgefangen, verhört und deportiert.

Nun ja - einem Bilderbuch-Bären kann man noch nachsehen, dass er sich ins Land (und in die Herzen seiner Bewohner) geschmuggelt hat. Die anderen, die mit realen Koffern und eigenen Hoffnungen anrücken, haben es schwerer. Sie sollen, finden in diesem Winter immer mehr Insel-Menschen, lieber draußen bleiben. Paddington hat sich einen interessanten Zeitpunkt für seine Premiere ausgesucht.