Zum Hauptinhalt springen

Vorwand "Privatsache"

Von Sabine M. Fischer

Gastkommentare
Sabine M. Fischer, Inhaberin von Symfony Consulting, ist Wirtschaftspädagogin und Unternehmensberaterin in Wien. Sie ist Sprecherin des Arbeitskreises Industrie 4.0/IoT und Aufsichtsratsvorsitzende des Verbandes Österreichischer Wirtschaftsakademiker sowie Fachbuchautorin.
© Symfony / Klaus Prokop

Was Maßnahmen zur Weiterbildung in Unternehmen mit der Corona-Krise zu tun haben.


Hinweis: Der Inhalt dieser Seite wurde vor 2 Jahren in der Wiener Zeitung veröffentlicht. Hier geht's zu unseren neuen Inhalten.

"Eine Pandemie ist keine Privatsache", erklärt die Virologin Dorothee von Laer. So bedeutend die Privatautonomie ist, so klar ist unsere gegenseitige Abhängigkeit: Keiner kann alleine eine gesunde, prosperierende Gesellschaft schaffen. Dazu braucht es - Corona hat es überdeutlich gezeigt - auch Einsicht in die Zusammenhänge; Wissen ist dafür eine notwendige Voraussetzung. Nun hat die Arbeiterkammer aufgezeigt, dass Unternehmen zu wenig in die Aus- und Weiterbildung von Niedrigqualifizierten investieren. Festgestellt wurde, dass es für Unternehmen auch viel effizienter sei, ihren höherqualifizierten Mitarbeitenden Bildung zu ermöglichen. Denn Weiterlernen gehe leichter, je solider die Basis sei, auf der es aufbaue.

Das kann ich sowohl aus unternehmerischer als auch aus wirtschaftspädagogischer Praxis nur bestätigen. Ebenso wie, dass jedes erfolgreiche Unternehmen - und nur solche sichern Arbeitsplätze - seine Entscheidungen am Kosten-Nutzen-Verhältnis ausrichtet. Deshalb haben zum Beispiel viele Betriebe zur Absicherung ihres Unternehmens in Eigenregie für ihre Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter Corona-Präventionsmaßnahmen getroffen: Die Kosten dafür wurden geringer eingeschätzt als die Kosten für das Nicht-Handeln.

Seit Jahren thematisieren Unternehmen die geringen Kenntnisse von Pflichtschulabsolventen in den grundlegenden Kulturtechniken. Aus diesem Grund gibt es Großunternehmen, die ihren Lehrstellenanwärtern zunächst einmal auf eigene Kosten in eigenen Kursen Lesen, Schreiben und Rechnen beibringen. Klein- und Mittelbetrieben ist dieser "Privat-Ausweg" aus Kostengründen nicht möglich.

Denn die Aus- und Weiterbildung von Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern kostet Unternehmen umso mehr, je geringer die Grundqualifikation ist, die im öffentlichen Bildungssystem erworben worden ist.

Österreichische Klein- und Mittelunternehmen sind ebenso wie Kinder aus bildungsfernen Milieus darauf angewiesen, dass es ein öffentliches Bildungssystem gibt, dessen Pflichtschulabschluss ein Zertifikat für das tatsächliche Beherrschen von grundlegenden Kulturtechniken des 21. Jahrhunderts ist. Daher ist Bildung, ebenso wie eine Pandemie, eben keine Privatsache und auch kein Problem, das österreichische Unternehmen in Eigenregie lösen könnten.

Die Kosten der politischen Präferenz des Nicht-Handelns und der Fehleinschätzung von Zusammenhängen in Bildungsfragen seit Jahrzehnten tragen alle Steuerzahlerinnen und Steuerzahler, egal ob selbständig oder unselbständig tätig. Und diese Kosten werden immer höher und ihre Auswirkungen immer komplexer. "Posen statt Performen" ist ein häufiger Vorwurf an die Generation der Digital Natives. Die Politik in Österreich ist ihnen darin schon lange voraus. Seit Jahrzehnten verabsäumt sie es, die Bevölkerung insgesamt in die Lage des Leisten-Könnens zu versetzen.

Ceterum censeo, dass das österreichische Bildungssystem endlich an den Herausforderungen der Schulstandorte ausgerichtet wird anstatt am richtigen "Posen" in Ministerium und Medien.