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"Wachstum ist dort alles"

Von Helmut Dité

Politik
Fast so leistungsstark wie Wien-Freudenau: Das erste von zehn großen neuen Enerjisa-Wasserkraftwerken kostete 120 Millionen Euro und ging 2011 im Süden der Türkei in Betrieb.
© Verbund

Kapitalmangel könnte Österreicher zur Enerjisa-Abgabe an E.ON zwingen.


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Wien. Wenn Österreichs größter Stromerzeuger Verbund sein milliardenschweres Engagement im stark wachsenden türkischen Strommarkt wirklich an den deutschen Energieriesen E.ON abtreten muss, dann steckt schlicht Geldmangel dahinter: Weil der türkische 50:50-Partner Sabanci das Investitionstempo bei der Enerjisa - die bis 2015 ohnehin schon Kraftwerke mit insgesamt 5000 Megawatt Leistung bauen und damit den Anteil auf dem türkischen Strommarkt auf 10 Prozent ausbauen will - noch deutlich steigern will, brauchen die Österreicher wohl eine weitere Kapitalerhöhung.

Und da signalisiert die Republik Österreich, die per Verfassungsgesetz gezwungen ist, ihre 51-Prozent-Mehrheit an der Verbundgesellschaft zu halten und mitziehen müsste, dass man nach den Milliardenhilfen für die maroden Banken andere Sorgen hat.

Verbund-Chef Wolfgang Anzengruber will kämpfen - und das vor fünf Jahren gestartete Türkei-Engagement sogar noch ausbauen. Das wirtschaftliche weiterhin dynamisch wachsende Land am rande Europas ist der Energie-Hoffnungsmarkt schlechthin, beim Strombedarf werden Wachstumsraten im zweistelligen Prozentbereich auf viele Jahre hinaus erwartet, die noch für heuer erwartete weitere Marktliberalisierung sollte noch attraktivere Strompreise bringen.

Zu den bereits bis 2015 geplanten 5000 Megawatt Kraftwerksleistung - sie sind nicht zuletzt durch zwei Kapitalerhöhungen der Enerjisa in heurigen Jänner und Juli, bei denen der Verbund mit rund 180 Millionen Euro mitgezogen hat, auch ausfinanziert - steht bald ein zweites Ausbauprogramm bis 2020 zur Entscheidung an, das den Bau von weiteren bis zu 5000 Megawatt Kraftwerksleistung vorsieht.

Gespräche "überbewertet"

"Es müssen vielleicht nicht nochmals 5000 MW sein, es könnten auch 2500 reichen", meint Anzengruber nun. Und hofft, dass der Sabanci-Clan - eines der größten und wichtigsten der das Land beherrschenden türkischen Familien-Industriekonglomerate - Geld auch für Investitionen in andere Sparten des Mischkonzerns braucht - und daher den Druck in der Energiesparte etwas zurücknimmt: "Wachstum und Investitionen sind dort alles."

Lange dementierte Gespräche mit dem finanzstarken deutschen E.ON-Konzern über einen Tausch der Verbund-Enerjisa-Beteiligung gegen die restlichen deutschen Wasserkraftwerke der Düsseldorfer seien "überbewertet" worden, heißt es jetzt in der Wiener Verbund-Zentrale. Man rede ständig in vielen Ländern mit großen Konkurrenten und Partnern über diverse Projekte. Bei E.ON in Düsseldorf heißt es nach wie vor überhaupt "kein Kommentar".

E.ON hat bei seinem ersten, bald wieder an den Konkurrenten RWE abgetretenen Türkei-Engagement - so wie bei zahlreichen anderen großen Auslandsprojekten der letzten Jahre auch - eher glücklos agiert; zuletzt stoppte im August ein Gericht ein Mega-Kohlekraftwerks-Projekt in Chile.

Vor ziemlich genau zehn Jahren hätte übrigens schon einmal ein Wasserkraft-Joint-Venture von Verbund und E.ON starten sollen: Geplant - und im Juli 2001 unter der Schirmherrschaft des damaligen Bundeskanzlers Wolfgang Schüssel in der Hofburg der Presse präsentiert - war die "European Hydro Power" (EHP), die mit mehr als 200 Wasserkraftwerken der zweitgrößte und später sogar der größte Wasserkrafterzeuger Europas unter Federführung der Österreicher werden sollte. Das Projekt scheiterte nach wenigen Monaten am Widerstand der Landesversorger, stattdessen kam die "Österreichische Stromlösung". Und: Als der Verbund 2010 dann vom früheren Bayernwerk die meisten Inn-Kraftwerke kaufte, hat die damals nötige Verbund-Kapitalerhöhung im Vorfeld größeren Wirbel im Aktionärskreis ausgelöst.