Zum Hauptinhalt springen

Waffe gegen lichtscheue Subjekte

Von Heiner Boberski

Wissen

In London wurde vor 200 Jahren die erste öffentliche Gasbeleuchtung eingeführt.


Hinweis: Der Inhalt dieser Seite wurde vor 10 Jahren in der Wiener Zeitung veröffentlicht. Hier geht's zu unseren neuen Inhalten.

Wien. Vor 200 Jahren, am 1. April 1814, ersetzte man im Gebiet um die St. Margaret’s Kirche in London die Öllampen durch Gaslaternen. Dieser Tag gilt als Datum der ersten öffentlichen Gasbeleuchtung eines Stadtviertels. Ansätze dazu hatte es in London freilich schon davor gegeben. 1807 hatte der deutsche Gaspionier Friedrich Albrecht Winzer - in Großbritannien als F. A. Winsor - eine Seite der Prachtstraße Pall Mall mit Gaslaternen beleuchtet, 1813 erstrahlte bereits die Westminster Bridge im Gaslicht. Auf dem Kontinent brachte Wilhelm August Lampadius 1811 an seinem Wohnhaus im deutschen Freiberg die erste Gaslaterne an.

Dass sich aus Steinkohle ein brennbares Gas gewinnen ließ, hatte bereits 1684 der irische Geistliche John Clayton bemerkt. 1785 nahm Johannes Petrus Mickeleers in den Niederlanden die erste funktionierende Gaslampe in Betrieb, ein Patent für eine mit Gas betriebene Heizlampe ("Thermolampe") wurde im September 1799 Philipp Lebon in Paris zuteil. Im großen Stil stellten als Erste der Schotte William Murdoch und sein Assistent William Clegg Leuchtgas her, sie beleuchteten damit auch ihre Fabriken.

Den Wert der neuen Erfindung sah man im besseren Schutz vor lichtscheuen Elementen und vor Fehltritten in der Finsternis, es gab aber auch Sicherheitsbedenken, hatten doch die ersten Versuche mit dem Kohlegas mehrmals zu Explosionen geführt, sowie besorgte und launige Kommentare. Der britische Chemiker Sir Humphry Davy (1778-1829), Entdecker der Wirkung von Lachgas, fragte: "Ist es vielleicht beabsichtigt, die Kuppel von St. Paul’s zum Gasometer zu machen?" Ungeachtet des Faktums, dass die Strahlkraft der ersten Gaslaternen noch ziemlich schwach war, breitete sich die neue Beleuchtungstechnik im 19. Jahrhundert in den Großstädten der Welt aus. Der Beruf des Laternenanzünders, der bei Einbruch der Dunkelheit durch die Straßen eilte und mit einer langen Stange die Gasflammen entfachte, kam in Mode und ging später im Buch "Der kleine Prinz" von Antoine de Saint-Exupéry auch in die Literatur ein.

In die Filmgeschichte gingen zwei Streifen ein, die mit dem Flackern von Gaslicht Spannung erzeugten. "Gaslicht" hieß auch der erste Thriller von 1940 mit dem österreichischen Emigranten Adolf Wohlbrück, der sich in England Anton Walbrook nannte, in der Hauptrolle. Pikant ist, dass die Produzenten des zweiten Films - "Das Haus der Lady Alquist", 1944, mit Ingrid Bergman, Charles Boyer und Joseph Cotten - vergeblich bemüht waren, alle Kopien des Konkurrenten von 1940 aufzukaufen und zu vernichten.

In Wien, wo am 31. Oktober 1899 in Simmering das erste städtische Gaswerk eröffnet wurde, leuchteten die ersten öffentlichen Gaslaternen entlang der Ringstraße. Durch den österreichischen Ingenieur Carl Auer von Welsbach, der sich 1885 den Glühstrumpf patentieren ließ, war die Lichtausbeute erheblich besser geworden. Ab 1920 setzte sich in Wien dann elektrische Beleuchtung durch - sie erreichte gegenüber dem Gaslicht die dreifache Helligkeit bei einem Viertel der Kosten. Am 27. November 1962 wurde in der Sauraugasse im Bezirk Hietzing feierlich die letzte öffentliche Gaslaterne gelöscht.

Auch Deutschland kam ab 1960 von Gasbeleuchtung weitgehend ab, doch brennen dort noch jetzt in 40 Städten jede Nacht etwa 80.000 Gaslaternen, die weitaus meisten davon in Berlin (43.900) und Düsseldorf (18.000).

Die Nacht wird zum Tag

Heute sind modernste Lichtquellen (Quecksilberdampflampen, Leuchtstofflampen, LED-Leuchten oder Natriumdampflampen) im Einsatz. Markante Leuchtreklamen wie am New Yorker Times Square oder am Londoner Piccadilly Circus prägen das Bild von Großstädten in aller Welt.

Das Verschwinden des natürlichen Nachthimmels wird auch kritisiert, etwa von Bob Mizon von der Organisation "Dark Sky": "Viele Kinder wachsen heute auf und können nicht mehr die Milchstraße sehen." Vor zwei Jahren ergab ein Test in England, dass 53 Prozent der Teilnehmer in einer klaren Nacht nicht mehr als zehn Sterne am Himmel wahrnehmen konnten. Wird die Nacht zum Tag, gefährdet das aus Sicht von Umweltschützern die Artenvielfalt, Ärzte befürchten für Menschen gesundheitliche Schäden.