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Waggon-Striptease für 700 Reisezugwagen

Von Werner Grotte

Wirtschaft

Nachrüstung mit Klima, Internet & Co. | Alte Wagen laufen nun 15 Jahre länger. | Simmeringer Werk baut auch Railjet. | Wien. Betritt man das ÖBB-Betriebsgelände in der Simmeringer Grillgasse 48, fühlt man sich zunächst ins 19. Jahrhundert zurückversetzt: jede Menge historische Ziegelbauten, Schlote, Gleise. Doch der Schein trügt. Hinter den Kulissen der "Technischen Services" (TS) wird gerade Österreichs gesamter Fernreise-Waggonpark ausgehöhlt und mit modernster Technik ausgestattet. Parallel dazu beginnen demnächst die Vorbereitungen für den Bau der ersten 23 Railjet-Garnituren, Österreichs Antwort auf den ICE.


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Qualitäts-Diskussion

Angesichts der in manchen Medien derzeit geführten Komfort-Diskussion über das ÖBB-Waggonmaterial kann TS-Geschäftsführer Franz Seiser nur lächeln: "Den überwiegenden Teil unserer insgesamt 700 Reise-Waggons haben wir in den letzten drei Jahren mit Klimaanlagen, neuen Sitzen, Internet-Anschluss, eigenen Kinder-Abteilen, Küchen, neuen Toiletten und Dämmstoffen ausgestattet. Der Rest wird bis 2008 fertig sein", erklärt Seiser beim "Wiener Zeitung"-Lokalaugenschein.

Die Entscheidung, das zwischen 10 und 30 Jahren alte Waggonmaterial zu modernisieren, statt zu verschrotten, sei eine ökonomische gewesen: "Wir können mit den rundumerneuerten Wagen jetzt sicher wieder 15 Jahre ohne Probleme fahren", erklärt Seiser. Angeliefert werden die aus dem normalen Betrieb kommenden Wagen über einen eigenen Gleisanschluss direkt in die riesige Simmeringer Werkshalle, wo sie in "Takten" ausgehöhlt, ausgebessert, lackiert und dann neu eingerichtet werden.

Hier ist es laut, riecht nach Männerschweiß und Metall. Ruhezonen mit Getränkeautomat und Blumen wirken zwischen Maschinen und Stahlkolossen irgendwie bizarr. "Es ist eine Mischung aus traditioneller Industrie-Handarbeit und hochkomplexer Elektronik, die auch bei uns immer wichtiger wird", erzählt der Geschäftsführer.

130 Jahre Geschichte

Im 130 Jahre alten Werk arbeiteten in Spitzenzeiten 2000 Leute. Derzeit sind es rund 450, deren Bestand zumindest mittelfristig gesichert scheint. Die Referenzen lesen sich beeindruckend: So wurden hier etwa zwischen 1997 und 2000 alle 240 "Wiesel"-Doppelstockwagen produziert, danach sogar 134 Triebzüge für den Londoner Nahverkehr. Auch der Flughafen-Zubringer CAT stammt aus Simmeringer Fertigung.

Nachdem das laufende Waggonerneuerungs-Programm die vergangenen drei Jahre für Auslastung sorgte, hat man für danach schon den nächsten Großauftrag an Land: Die Produktion der ersten 23 "Railjets", der österreichischen Variante des ICE, im Auftrag von Siemens.

Österreichischer ICE

"Unser Kerngeschäft ist die Wartung, das heißt wir übernehmen nur Bauaufträge, die auch Wartungsverträge inkludieren", betont Seiser. So sollen auch die Railjet-Garnituren (Taurus-Lok plus sieben Waggons) für große Instandsetzungen, die alle 1,2 Millionen Laufkilometer vorgeschrieben sind, nach Simmering gebracht werden. Laufende Wartungen will man zwar im geplanten Instandsetzungswerk Matzleinsdorf durchführen, das im Zuge des Zentralbahnhofsbaues entstehen soll. Das dort tätige Personal will man aber aus den Simmeringer TS-Werkstätten rekrutieren, weshalb die ÖBB demnächst rund 250 Facharbeiter zusätzlich aufnehmen wollen.

"Wir liegen strategisch günstig und rechnen auch mit Aufträgen unserer östlichen Nachbarländer. Deren Bahnflotten sind meist überaltert und im europäischen Fernverkehr kaum einsetzbar", sagt Seiser.

Das Gegenstück zur Simmeringer Waggonproduktion ist das ÖBB-TS-Lokwerk in Linz, wo bisher 382 Taurus-Lokomotiven gebaut wurden, die ab 2008 auch den Railjet ziehen sollen. Insgesamt hoffen die ÖBB auf 63 solcher Garnituren, die dann bis 2011 auf Schiene stehen sollen.