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Wahl beginnt im "roten Korridor"

Von WZ-Korrespondentin Agnes Tandler

Politik

Anschläge überschatten Auftakt. | 714 Millionen Wahlberechtigte. | Neu Delhi. Indien hat seine Marathon-Wahl im "roten Korridor" gestartet: In zahlreichen Landesteilen, die von blutigen Aufständen und bitterer Armut geprägten sind, begann am Donnerstag die Stimmabgabe. Rund 143 Millionen Menschen sollten in dieser ersten Etappe die Kandidaten für 124 Sitze im Parlament in Neu Delhi bestimmen - in 17 der insgesamt 35 Unionsstaaten. Große Teile des Nordens und Ostens waren zur Wahl aufgerufen, darunter viele Regionen, in denen Übergriffe von Rebellen, Maoisten und anderen militanten Kräften an der Tagesordnung sind.


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Am ersten Wahltag wurden mindestens 17 Menschen in den Bundesstaaten Bihar, Chhattisghar, Jharkhand und Orissa bei Anschlägen von sogenannten Naxaliten getötet. Der Großteil der Opfer waren Sicherheitskräfte. Die maoistischen Guerillas besetzten auch zahlreiche Stimmlokale, stahlen Wahlcomputer und schüchterten Menschen ein. Im letzten Jahr sind in Indien rund 500 Menschen von Naxaliten getötet worden.

Das Schlimmste zuerst

Im "roten Korridor" Indiens, der sich von der Grenze zu Nepal in Bihar über Jharkhand, Chhattisgarh, Maharashtra, Orissa bis in den Süden nach Andhra Pradesh zieht, kämpfen seit Jahrzehnten die sogenannten Naxaliten, maoistische Guerillas, für die Rechte von Landlosen, Bauern und Ureinwohnern. "Offensichtlich wollte die Wahlkommission das Schlimmste zuerst hinter sich bringen", schrieb Politikanalyst Yogendra Yadav in der Tageszeitung "Hindu". Auch in dem indisch beherrschten Teil Kaschmirs an der Grenze zu Pakistan, wo muslimische Extremisten zum Wahlboykott aufgerufen haben, wird gleich in der ersten Etappe abgestimmt, ebenso im kommunistisch beherrschten Bundesstaat Kerbala im Süden.

Insgesamt sollen über 714 Millionen Menschen in der größten Wahl der Welt ein neues Parlament und indirekt auch die nächste Regierung Indiens bestimmen. Zur Stimmabgabe, die in fünf Phasen gestaffelt bis zum 13. Mai abgehalten wird, treten mehr als 200 Parteien und unzählige unabhängige Kandidaten an. Vier Millionen Wahlhelfer und zwei Millionen Polizisten sind im Einsatz.

Um die rund 540 Sitze im Parlament in Neu Delhi bewerben sich neben Politikern auch eine bunte Mischung aus Mafia-Bossen, Film- und Sportstars, Schriftstellern, eine Tänzerin, der Besitzer einer Fluggesellschaft und ein früherer UN-Diplomat. Das Ergebnis wird am 16. Mai erwartet.

Als Favoriten gelten die beiden großen nationalen Parteien Indiens, die linke Kongress-Partei und die hindunationalistische Bharatiya Janata (BJP). In den letzten fünf Jahren war der Kongress mit einer Minderheitsregierung aus zahlreichen Koalitionspartnern an der Macht. Der 76-jährige Premierminister Manmohan Singh ist der Spitzenkandidat der Partei. Die Oppositionpartei, BJP, schickt den 81-jährigen Lal Krishna Advani ins Duell.

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Teurer als in USA

Die Kongress-Partei hat über Jahrzehnte die indische Politik bestimmt, doch in den letzten Jahren mit dem Aufkommen neuer Regionalparteien an Stimmen und Einfluss verloren. Weil beide großen Parteien keine zugkräftigen Persönlichkeiten bieten können, wird erwartet, dass keine der beiden eine klare Mehrheit erringen kann.

Bis zu 50 Prozent der Sitze im Parlament könnten diesmal an die Regionalparteien gehen. Damit wäre eine wackelige und vielleicht wenig dauerhafte Koalitionsregierung wahrscheinlich. Spötter bezeichnen die Wahl daher schon als "Halbfinale".

Indiens leistet sich bei Wahlen einigen Luxus: Das höchste der über 828.000 Wahllokale liegt auf 5180 Metern im Himalaya-Gebirge und ist 26 Kilometer von der nächsten Straße entfernt. In einem Naturreservoir in Gujarat im Nordwesten, wo Indiens einzige wilde Löwen leben, gibt es ein Wahllokal für nur einen einzigen Wähler: den Priester des dortigen Shiva-Tempels.

Die Kosten für den Urnengang übersteigen daher mit über 1,5 Milliarden Euro sogar die Ausgaben für die letzten US-Präsidentschaftswahlen.