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Wahl im Schatten des Comandante

Von WZ-Korrespondentin Michaela Sivich

Politik

Herausforderer Henrique Capriles im zweistelligen Bereich abgeschlagen.


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Caracas. Die Aufbruchs- und Hoffnungsstimmung in Venezuela ist verflogen. Seit inzwischen fast zehn Monaten befindet sich das Land im Dauerwahlkampf. Noch im Oktober bestätigte eine frenetische Mehrheit ihren Comandante Hugo Chávez als Präsidenten. Nach dessen Tod Anfang März sind die knapp 19 Millionen wahlberechtigten Venezolaner am Sonntag erneut aufgerufen, zu den Urnen zu schreiten. Doch die Menschen sind abgestumpft; mehr aus Pflichtgefühl gegenüber dem verstorbenen Erfinder der Bolivarischen Revolution und des Sozialismus des 21. Jahrhunderts wählen die Anhänger seinen designierten Kronprinzen Nicolás Maduro. Die Opposition hingegen klammert sich an den verbliebenen Strohhalm "letzte Hoffnung" ihr Land vor dem drohenden Abgrund und ihre Freiheit zu retten. "Wählt Nicolás, wenn ich nicht mehr da bin", hatte der todkranke Chávez gesagt. Für den Großteil der Venezolaner ist das ein Befehl. Denn die Pläne des Comandante sind für sie das Versprechen auf ein besseres Leben.

"In meiner Familie haben wir Hunger gelitten, als ich ein Kind war. Andersdenkende wurden diskriminiert", erklärt Chemieingenieurin Inge Martínez. Das habe sich mit Chávez geändert. "Alles, was er versprach, hat er eingehalten." Doch die Probleme des Landes sind nach wie vor präsent: Die Bevölkerung leidet Mangel, Mangel an Sicherheit, an Wohnraum, an Energieversorgung und in den letzten Wochen auch an Lebensmitteln. "Plünderungen wegen Mangels abgesagt", wird hier als Scherz über die sozialen Netzwerke verbreitet. Die Korruption grassiert im Land. Doch für die Missstände könne Chávez nichts, ist Inge überzeugt: "Vielleicht sind ihm einige Dinge entglitten, aber das war nicht seine Schuld." Dass Minister und Beamte "enchufados", "mit guten Verbindungen", wie die Opposition sie nennt, sich Millionen in die eigene Tasche gesteckt haben sollen, glaube sie erst, wenn man ihr Beweise vorlege.

Beamte für Wahlkampffeier freigestellt

Zu den Wahlkampfkundgebungen kommen die Venezolaner trotzdem in Massen. Darunter Angestellte des öffentlichen Dienstes, die für Wahlkampfveranstaltungen freigestellt wurden und jene, die zu Hunderten mit Autobussen aus ganz Venezuela angekarrt wurden. Siegessicherheit gepaart mit der Angst, die zugesagten Sozialhilfen zu verlieren.

Herausforderer Maduros ist Henrique Capriles. Im Oktober war er noch an Chávez gescheitert - mit elf Punkten Rückstand. Auch für diesen Sonntag sieht es nicht gut aus: Die Umfragen sehen auch Maduro im zweistelligen Bereich vorne. Auf seiner Abschlusskundgebung bezichtigte der 40-Jährige seinen Gegner der "Lüge", weil dieser unter anderem das Gerücht eines Mordkomplotts der USA gegen ihn in die Welt gesetzt hatte. Mit Korruption und Kriminalität könne es "so nicht weitergehen", sagte Capriles. Doch die Frontalangriffe zeigen wenig Wirkung, der Glaube an einen Sieg sinkt unter seinen Anhängern. Doch ans Aufgeben denkt niemand.

"Mit Gottes Hilfe gewinnt Capriles", sagt Teresa Roja, die Fotos ihres Kandidaten in Caracas verteilt. Sie fühlt sich von ihren politischen Gegnern bedrängt. "Ich will Ruhe, Frieden und die nationale Aussöhnung. Es gibt hier viel Hass, hauptsächlich von Seite der Regierung."

Dabei gibt es auch unter den Chavistas Menschen, die sich für Capriles erwärmen können. "Maduro wird die Revolution vom Ziel abbringen, radikalisieren, um seine eigenen Leute zu belohnen", sagt Ladenbesitzer Gustavo Arbelo. Maduro wolle die "Missionen" genannten Sozialprogramme den eigenen Anhängern vorbehalten. "Wenn wir neue Ergebnisse wollen, müssen wir einen neuen Mann wählen", sagt Arbelo.

Doch viele haben einfach die Nase voll. So wie Luis José aus Petare, dem größten Slum Lateinamerikas. "Ich bin Chávista, aber Maduro wähle ich nicht; Capriles auch nicht. Die taugen beide nichts. Samstagnacht haben sie vor meiner Haustüre sieben Menschen erschossen. Die Polizei traut sich gar nicht mehr in mein Viertel. Wir müssen mit dem Verbrechen leben." Diese Unsicherheit fühlt auch Teresa, die ebenfalls aus einem Elendsviertel kommt: "Hier macht jeder, was er will, das Gesetz wird von niemandem respektiert."

16.000 Morde im Jahr 2012 - höchste Rate Südamerikas

16.000 Morde wurden 2012 in Venezuela gezählt - die höchste Rate in Südamerika. Davon kann auch Polizist Luis Angarita ein Lied singen: "Die Lebensmittel sind knapp, es herrschen katastrophale Zustände in den Gefängnissen, Dutzende sterben täglich durch Gewaltverbrechen." Luis José hat die Konsequenzen für die anstehende Wahl längst gezogen: "Ich werde dieses Mal zu Hause bleiben. Vielleicht fahre ich auch an den Strand, aber wählen werde ich nicht, nicht einmal für viel Geld."