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Wahleffekt von kurzer Dauer

Von Anita Kattinger und Ina Weber

Politik

Was in den drei rot regierten Bundesländern - Wien, Burgenland und Salzburg - auf Landesebene bereits beschlossen wurde, ist in den schwarz regierten Bundesländern umstritten: das Senken des Wahlalters auf 16 Jahre. Jugendforscherin Beate Großegger sieht darin "ein tolles Signal für Jugendliche".


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Was die Frage des Wahlalters betrifft, sind sich die beiden Großparteien uneinig. Für ein Mehr an Demokratie sprechen sich beide aus, allerdings auf unterschiedlichem Weg. Die SPÖ fordert die Senkung des Wahlalters auf 16 Jahre, die ÖVP fordert ein Wahlrecht für den Zweitwohnsitz und das Briefwahlrecht.

Vor diesem Hintergrund hat sich die SPÖ entschlossen dort wo sie kann im Alleingang das Senken des Wahlalters durchzusetzen. Der niederösterreichische ÖVP-Klubsekretär Leopold Steinmayer über die Senkung des Wahlalters zur "Wiener Zeitung": "Die Gemeinde ist keine Spielwiese. Solange der Bund das Wahlalter nicht herabsetzt, ist auch in Niederösterreich keine Senkung geplant."

Großegger: Jugendliche sind nicht naiv

http://www.wienerzeitung.at/Images/2005/8/19/948_008_143798_200808bursc.jpg Für die Jugendforscherin und Leiterin des Instituts für Jugendkulturforschung, Beate Großegger, ist das Herabsetzen des Wahlalters ein Aspekt von vielen, um Politik jugendfreundlicher zu gestalten. In ihrer aktuellen Studie über elf bis 18-Jährige ist die Politik für Jugendliche eine Welt der älteren Männer.

"Junge Menschen sehen für sich keinen Platz in dieser Welt". Großegger sieht die Schuld bei den Politikern, wenn Jugendliche sich von der Politik distanzieren. "Wir dürfen nicht erwarten, dass ein 16-Jähriger Politik abstrakt formuliert, wie ein 45-Jähriger Politiker." Die breite Mehrheit der Jugendlichen empfindet das politische System zu hierarchisch organisiert und die Sprache nicht Jugend-tauglich. "Junge Menschen sind nicht naiv. Sie sehen, dass sie wenig durchsetzen können in der Politik."

Um glaubwürdig für die Jungwähler zu wirken, setzen Parteien auf junge Kandidaten. Die Wiener Grünen schicken den 19-jährigen Florian Rabenstein auf dem 18. Listenplatz für die Wiener Landtagswahl ins Rennen. Mit der 24-jährigen Laura Rudas setzt die Wiener SPÖ ebenfalls auf eine junge Politikerin. Die Wiener ÖVP will zwar laut Pressesprecherin Martha Brinek "bei diesem Wettstreit, um den jüngsten und schönsten Wähler nicht mitmachen", dennoch hält auch sie mit der 23-jährige Lena Ilchmann eine Jungkandidatin bereit.

In Wien haben rund 30.000 16- bis 18-Jährige im Herbst die Möglichkeit, den Landtag zu wählen. Im Burgenland rechnet man mit zusätzlichen 6.000 Jugendlichen.

Verantwortungsbewusst zur Wahl gehen

Die "Wiener Zeitung" hörte sich im Wiener Donauzentrum unter Jugendlichen um. Die potenziellen Jungwähler finden es prinzipiell gut, dass man nun schon mit 16 Jahren wählen darf. Wenn man sich für Politik interessiert und sich auskennt, ist das Wahlrecht keine Frage des Alters, betonen sie. Die Jugendlichen nennen als Informationsquellen Internet, Fernsehen und Zeitungen. Damit das politische Interesse überhaupt einmal geweckt wird, gehören für die Jugendlichen auch Diskussionen innerhalb der Familie und in der Schule dazu.

http://www.wienerzeitung.at/Images/2005/8/19/948_008_143797_200808blond.jpg "Wir hatten leider erst ab der vierten Klasse politische Bildung", bedauert die 20-jährige Babsi J. aus Wien, "daher habe ich mich mit 16 Jahren nicht so gut ausgekannt und wäre auch nicht wählen gegangen". "Das Interesse hängt davon ab, ob man etwas von daheim mitbekommt", so die 18-jährige Nora M.

In den österreichischen Schulen wird "politische Bildung" ab der fünften AHS-Klasse als Unterrichtsprinzip in Verbindung mit Fächern wie Deutsch, Geschichte und Geografie umgesetzt. In den berufsbildenden Schulen ist es ein eigenes Pflichtfach.

http://www.wienerzeitung.at/Images/2005/8/19/948_008_143808_200808maede.jpg Martina S., 16 Jahre, wusste nicht, dass sie auch schon wählen darf. "Sicher geh´ ich hin", meinte sie. Für eine Partei hat sie sich noch nicht entschieden.

Auch die 15-jährige Jacqueline findet es gut, dass sie in einem Jahr wahlberechtigt ist. Sie habe sich jedoch darüber noch keine Gedanken gemacht.

"Politik ist fad", befand der 19-jährige Martin H. aus Wien. Er habe keine Ahnung, warum er sich damit beschäftigen soll. Er weiß daher noch nicht, ob er im Herbst zu den Urnen gehen wird. Für den 20-jährigen Tobias S. aus Niederösterreich ist es wichtig, dass Jugendliche "verantwortungsbewusst" zur Wahl gehen. Im Grunde sei das Wahlrecht ab 16 eine gute Sache: "Es hängt jedoch davon ab, ob die jungen Leute gut informiert sind und dementsprechend überlegt wählen". Ein Wahlrecht mit 16 Jahren würde er sich auch für Niederösterreich wünschen.

Daran, dass das Wählen ab 16, Jungwähler zu den Wahlurnen lockt, glaubt die Jugendexpertin Großegger: "Jugendliche wollen Wählen gerne ausprobieren. Da kommt der Neuheitseffekt zum Tragen, was aber nicht heißt, dass Jugendliche dann regelmäßig zur Wahl gehen."