Zum Hauptinhalt springen

Wahlkämpfer wider Willen

Von WZ-Korrespondent Michael Pöppl

Politik
Selten begehrt: Parteichef Rösler (M.) wird von Mitgliedern der Jungliberalen umringt.
© Pöppl

FDP kämpft um den Einzug in den Bundestag, Rösler muss es richten.


Hinweis: Der Inhalt dieser Seite wurde vor 10 Jahren in der Wiener Zeitung veröffentlicht. Hier geht's zu unseren neuen Inhalten.

Berlin. Die "Domäne" ist ein beliebter Ökobauernhof mit Biomarkt im gutbürgerlichen Zehlendorf. Die Berliner Gegend erinnert an Wiener Nobelbezirke wie Hietzing oder Döbling und ist gut gewählt für den liberalen Wahlkampfauftakt. Denn im Wahlkreis Steglitz-Zehlendorf gingen 2009 fast 17 Prozent der Stimmen an die Liberalen. Die Damen werden Wange links, Wange rechts sittsam abgebusselt, man führt Smalltalk: "Ich lobe Sie heute ganz besonders", sagt eine ältere Dame zu FDP-Landesvorsitzenden Martin Lindner, "toller Schlips!"

Dann endlich kommt der Star der Veranstaltung in einem Pulk von grauen Anzugträgern, die Musik setzt aus und Applaus ein: Parteichef Philipp Rösler macht vier Wochen vor der Wahl Station in Berlin. Die Hauptstadt ist traditionell ein hartes Pflaster für die Liberalen, eine der bittersten Stunden als Parteivorsitzender erlebte Rösler hier. Nur 1,8 Prozent der Stimmen holte die FDP bei der Abgeordnetenhauswahl vor zwei Jahren. Erst ein halbes Jahr zuvor hatte Rösler den Vorsitz der Partei übernommen. Lange war er in der FDP umstritten, nun herrscht demonstrativer Frieden. Der schlagfertige und volksnahe Spitzenkandidat Rainer Brüderle hält sich seit der "Dirndl-Affäre" um anzügliche Aussagen gegenüber einer Journalistin zurück, der hölzerne Rösler muss die Kohlen aus dem Feuer holen.

Einen Wahlkampf zu führen zählt nicht zu Röslers Stärken. Unsicher wirkt der 40-Jährige, als er das Rednerpult betritt, das Publikum beklatscht dennoch jeden seiner Sätze über den "starken deutschen Mittelstand": "Deutschland geht es gut, den Menschen geht es gut!", bilanziert er. Zuspruch von den Biertischen. 1,6 Millionen neue Arbeitsplätze habe die schwarz-gelbe Koalition in vier Jahren geschaffen, zum ersten Mal habe eine Bundesregierung am Ende weniger Schulden als zu Beginn ihrer Amtszeit.

Grüne als Zielscheibe

Seit 2009 gibt die FDP den Juniorpartner in der Koalition mit der konservativen Union. Groß war die Harmonie nicht zwischen den Parteien, trotzdem wollen beide eine Neuauflage. Mittlerweile aufgetaut, artikuliert Rösler die Ziele für die kommende Legislaturperiode selbstbewusst: "Den Solidaritätsbeitrag abschaffen!", "Keine Steuererhöhungen!" Dann wendet er sich an die potenziellen Wechselwähler im Publikum: "Jürgen Trittin (der Spitzenkandidat der Grünen, Anm.) ist nicht der Robin Hood, für den er sich ausgibt, sondern der böse Räuber Hotzenplotz mit der Steuerkeule!"

Überhaupt dienen die Grünen bei der Veranstaltung gerne als Zielscheibe. Die Jungliberalen haben einen Wald an Verbotsschildern aufgebaut, um zu demonstrieren, was mit Rot-Grün drohe: Rauchverbot, Flugverbot, Zirkusverbot für Wildtiere. "Freiheit" ist das Wort, das Rösler am häufigsten benutzt. "Wir wollen einen Staat, der Sie in Ruhe lässt, aber nicht im Stich", sagt er zum Schluss seiner Rede. Dann setzt die Band ein, spielt einen Song von Louis Armstrong, der sinnbildlich für den desaströsen Zustand der Partei ist: "I can’t give you anything but love, Baby."