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Wahnsinn bekommt Methode: Die Impfgegner machen mobil

Von Christa Karas

Wissen

Immunologen kennen das Problem vor allem aus dem Vorfrühling: Wann immer sie zur FSME-Schutzimpfung aufrufen, melden sich mit Verweis auf die Nebenwirkungen auch die Impfgegner. Impfkampagnen und die Aufklärung darüber, dass diese Nebenwirkungen - wie etwa leichtes Fieber etc. - nur anzeigen, dass eine Immunantwort erfolgt ist, haben bisher zum Glück verhindert, dass solchen Stimmen nennenswertes Gewicht beigemessen wurde. Im Gegensatz zu den Senioren sind Österreichs Kinder deshalb, wie die jährliche Erkrankungsstatistik beweist, sehr gut gegen FSME geschützt. - Dennoch bekommt der Wahnsinn, zur Ablehnung von Impfungen aufzurufen, seit einiger Zeit quasi Methode: Ein Verein namens "Aegis", der am vergangenen Wochenende das "Erste Österreichische Impfforum" in Linz veranstaltete, versteigt sich sogar zur Behauptung, dass Impfungen nicht vor Krankheiten schützen, sondern per se krank machen.


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Damit ist auch selbstverständlich, dass "Aegis" die Meinung vertritt, dass "eine Kinderkrankheit das Immunsystem stärkt und die Selbstheilungskräfte aktiviert" - womit im gegebenen Fall die Masern gemeint sind, die ja auch sonst häufig als banale Erkrankung abgetan werden. So banal, dass - man glaubt´s ja kaum - neuerdings "Masern-Partys" veranstaltet werden, bei denen Eltern gesunde Kinder mit erkrankten zusammen bringen, damit sie angesteckt werden. Vermeintlich gut für´s Immunsystem, so nicht etwa eine SSPE auftritt - eine unbehandelbare, tödlich verlaufende subakut sklerosierende Panenzephalitis. In den vergangenen fünf Jahren führte diese durch Masern-Viren hervorgerufene Gehirnerkrankung in Österreich in neun Fällen zu einem langsamen und qualvollen Tod.

Eine Haupttodesursache

Dabei sollte uns gerade die Geschichte dieser Krankheit, die, wie so viele andere Seuchen auch, von der Alten in die Neue Welt verschleppt wurde, eine Menge lehren. Beispiel: Zu Anfang des 20. Jahrhunderts lebten etwa 6.000 Kayapo-Indios zwischen den Flüssen Araguaia und Xingu in den Campos, dem trockenen Savannengebiet im Norden Brasiliens. 1903 ließen sich dort einige Dominikaner aus dem französischen Toulouse nieder. Nach mehreren Masern- und Grippeepidemien gab es 1916 nur noch 500 Eingeborene, 1929 ganze 27 - heute gibt es keine Überlebenden mehr.

Und noch heute sind die Masern, weltweit betrachtet, eine der Haupttodesursachen im Kindesalter. Dass sie in unseren Breiten für "harmlos" erklärt werden konnten, obwohl erst in diesem Jahr Zehntausende Kinder in Deutschland und vor allem Italien bei Epidemien erkrankten und nur wenige von ihnen starben, sollte nicht über die wahre Ursache hinwegtäuschen, warum sie hier weitgehend ihren Schrecken verloren haben: Die hohe Durchimpfungsrate.

Die, nebenbei bemerkt, den Kindern auch das Leiden an den meist äußerst quälenden Symptomen der Masern erspart: Fieber, Schnupfen, Schluckbeschwerden, Bindehautentzündung, Husten und Ausschlag. Zuzüglich der Komplikationen in Form von Lungen- und Mittelohrentzündungen, die in 20 Prozent der Fälle auftreten, einer Gehirnhautentzündung, die bei einem von 1.000 Fällen auftritt bzw. dauerhaften Folgeschäden wie Lähmungen. Doch auch ohne Komplikationen ist die Krankheit selbst "belastend für die Kinder, da sie das Immunsystem erheblich schwächt", so Wiens Gesundheitsstadträtin Dr. Elisabeth Pittermann.

Kinder weitgehend geschützt

Bestätigt wird sie darin von den österreichischen Virologen, die vergangene Woche ein Expertensymposium in Gmunden abhielten. Und die dabei einmal mehr auf die segensreiche Wirkung der von der seinerzeitigen Sozial- und Gesundheitsministerin Eleonore Hostasch ab 1998 organisierten kostenlosen Kinder-Impfaktion hinwiesen: Seither können alle Kinder Österreichs bis zum 15. Lebensjahr vor den wichtigsten, durch Impfungen verhinderbaren Infektionskrankheiten gratis geschützt werden. Neben der Masern-Mumps-Röteln-Immunisierung gibt es nun auch den Sechsfach-Impfstoff gegen Diphterie, Tetanus, Pertussis, Haemophilus Influenzae, Hepatitis B und Polio. Die Durchimpfungsrate bei den österreichischen Kindern liegt dadurch bei 90 Prozent.

Der Mediziner Johann Loibner vom Verein "Aegis" findet das nicht so gut: "Jede Impfung ist ein neuerlicher Menschenversuch mit nie sicher vorhersehbarem Ausgang." Die große Gefahr liege vor allem in den Zusatzstoffen - unter anderen "Quecksilber und fremdes Eiweiß" -, die mit verabreicht würden. Es sei "nicht vorhersehbar, wie ein Organismus darauf reagiert". Zahlen über Impfschäden - die notabene seit dem Ende der Pockenimpfung nur noch sehr selten registriert werden - konnte er nicht nennen, behauptete aber: "Die Grauzone ist sehr hoch." Außerdem sind nach seinem Dafürhalten viele, auch chronische, Krankheiten auf Impfungen zurückzuführen.

Statistisch beweisbar ist das nicht. Tatsächlich sind die Impfstoffe erwiesenermaßen nicht nur effizient, sondern auch gut verträglich. Und gelegentlich auftretende Nebenwirkungen wie die eingangs erwähnten in einen Topf mit "Impfschädigungen" zu werfen oder gar gleichzusetzen, disqualifiziert sich von selbst.

Unumstößliches Faktum ist, dass die Entwicklung von Impfstoffen, also die Prävention gegen Krankheit, der bahnbrechendste Erfolg moderner Medizin und Pharmakologie nicht nur der vergangenen Jahrhunderte ist. Nichts hat in gleicher Weise derart viel zur Gesundheit, zum Überleben und zur heutigen Lebenserwartung der Menschen in jenen geografischen Gebieten beigetragen, in denen der Masse der Menschen - neben Wasser, Nahrung und Hygiene - erschwingliche Impfstoffe zur Verfügung stehen oder von funktionierenden Sozial- und Gesundheitssystemen zur Verfügung gestellt werden. Das beweist jeder Blick in die Verhältnisse der Dritten Welt sowie jeder Rückblick auf die eigenen historisch-demografischen Entwicklungen.

Die erste Aktivimpfung

Der Grundstein dafür wurde vor rund 2000 Jahren in Indien gelegt, als man aktive Pockenviren in eingeritzte Stellen am Oberarm einbrachte. Eine im Grundsatz richtige Methode, der aber kein Erfolg beschieden war, ehe die Chinesen sie 500 Jahre später aufgriffen und, auch mit empirischen Versuchen, weiter entwickelten. Mit einiger Wahrscheinlichkeit kamen die Grundlagen für die erste aktive Impfung mit dem Buddhismus nach Szechuan, wo sie von taoistischen Alchemisten lange Zeit als Geheimnis gehütet wurden.

Bekannt wurde diese Art der Immunisierung erst im 10. Jahrhundert, als der Premierminister Wang Tan nach dem Tod seines ältesten Sohnes an Variola (Pocken) alle Ärzte, Weisen und Magiere anwies, ein Mittel gegen die Krankheit für sich und seine Familie zu finden. Der Überlieferung nach waren es dann ein Eremit oder eine Nonne vom Berg O-Mei Shan, die mit der Technik vertraut waren und sie den Ärzten der Hauptstadt erklärten.

Diese entwickelten schließlich verschiedene Methoden der Impfung. Oberstes Gebot war dabei, niemals Abstriche von Pockenpusteln akut Erkrankter zu verwenden, sondern von abgeheilten Pusteln. Und sie bevorzugten jene der weniger virulenten Pockenform Variola minor. Dieses Material wurde dann mit Wattebauschen in die Nase eingebracht. Erkrankte der Proband, lieferte er weiteren Impfstoff, der wieder verwendet wurde, erkrankte auch dieser Proband, so fand dies seine Fortsetzung im nächsten usw. - wodurch jenes Vakzin entstand, das als ideal galt.

Sehr genau wurde dabei Buch geführt, zu welchen Jahreszeiten das potenzielle Vakzin wie reagierte (also wie lange es seine Wirksamkeit entfalten konnte und ab wann es sie einbüßte) und wie lange es bei welchen Temperaturen entwickelt werden musste, um optimal eingesetzt zu werden.

Millionen Leben gerettet

Nach Europa kam die Pockenimpfung über das Türkische Reich und in abgewandelter Form erst im 17. Jahrhundert. Bis zur Ausrottung der Krankheit (1977) hat sie jedenfalls weit mehr Millionen Menschen das Leben gerettet, als die Seuche je Opfer gefordert hat. Und das gilt für viele Impfungen seither, denkt man nur einmal etwa an die Tuberkulose...