Zum Hauptinhalt springen

Walter Jens, der Redner der Republik

Von Walter Hömberg

Reflexionen
Walter Jens (8. März 1923 - 9. Juni 2013) auf einem Foto aus dem Jahr 1989.
© ullstein bild / Brigitte Friedrich

Der Wissenschafter, Schriftsteller, Kritiker und öffentliche Intellektuelle wurde am 8. März vor hundert Jahren geboren.


Brillante Vorträge sind im akademischen Alltag nicht gerade die Regel. Und selbst bei festlichen Anlässen wird an Universitäten häufig nur Routine-Rhetorik geboten. Umso lieber erinnere ich mich an einen Vortrag, den Walter Jens am 25. November 1965 im Rahmen der Immatrikulationsfeier der Universität Tübingen gehalten hat. Nach drei Semestern, zunächst in Kiel und dann in Berlin, war ich gerade an die traditionsreiche schwäbische Universität gewechselt. "Von deutscher Rede" hieß das Thema - und der Vortragende überzeugte sowohl inhaltlich als auch rhetorisch.

Für Jens ist die Rhetorik eine "Tochter der Republik, die sich allein in Freiheit entfalten könne, untrennbar mit dem Schicksal der Demokratie verbunden". Um diese These zu belegen, entwirft er ein aspektreiches historisch-systematisches Panorama. Die Geschichte der Redekunst vor dem Hintergrund der politischen Geschichte - das war ein Parforceritt durch die europäische Geistes- und Sozialgeschichte. "Verfiel in Athen und Rom die Rhetorik im Augenblick der zerbrechenden republikanischen Ordnung, so war für Deutschland - unter dem Aspekt einer neuen Blüte der Beredsamkeit - Rettung nur vom Zerfall des Despotismus zu erwarten."

Im Kreis der Gruppe 47

Jens setzte dem die Forderung nach Aufklärung und Agitation für die Humanität entgegen. Der Redner machte es weder sich noch den Zuhörern leicht: Lange Satzkonstruktionen, gefüllt mit Anspielungen, Literaturverweisen, Werturteilen - alles in einem fortlaufenden Redefluss ohne gliedernde Verkehrszeichen, vorgetragen mit ausdrucksstarker Mimik und lebhafter Gestik. Im damals noch üblichen Professorentalar erinnerte er an Kanzelredner aus fernen Zeiten.

Zwei Jahre zuvor war Walter Jens in Tübingen auf den ersten deutschen Lehrstuhl für Allgemeine Rhetorik berufen worden. Am 8. März 1923 in Hamburg geboren, musste er, von früher Kindheit an Asthmatiker, einen Teil seiner Schulzeit im Sanatorium verbringen. Die Krankheit bewahrte ihn vor dem Militärdienst. Nach einem verkürzten Studium der Germanistik und der Klassischen Philologie promovierte er bereits mit 21 Jahren an der Universität Freiburg mit einer Studie über die sophokleische Tragödie. Fünf Jahre später erfolgte dann seine Habilitation mit einer Schrift zum Thema "Tacitus und die Freiheit" an der Universität Tübingen, an die er 1956 als Professor für Klassische Philologie berufen wurde.

Parallel zur wissenschaftlichen Karriere versuchte sich Jens als belletristischer Autor. Seinen ersten literarischen Text veröffentlichte er noch unter Pseudonym. 1950 fand sein Roman "Nein - Die Welt der Angeklagten", bei Rowohlt erschienen, positive Resonanz. Auf diese von Kafka beeinflusste Dystopie folgten weitere literarische Werke, darunter "Herr Meister - Dialog über einen Roman" (1963), ein fiktiver Briefwechsel über ein scheiterndes Romanprojekt. Später folgten dramatische Versuche, etwa das Stück "Die Verschwörung", in dem er die historische Gestalt Caesars ironisch entmythologisierte. Der Bühnenfassung ging ein 1969 ausgestrahltes Fernsehspiel voraus.

Buch oder Bühne, Radio oder Fernsehen, Zeitung oder Zeitschrift - Jens war in allen Medien präsent. Wie selbstverständlich gehörte er auch zum Kreis der Gruppe 47, die das literarische Leben in der jungen Bundesrepublik maßgeblich mitbestimmte. Seit 1950 nahm er regelmäßig an den Treffen der Gruppe teil, manchmal zusammen mit seiner Frau Inge, mit der er seit 1951 verheiratet war. Dort hat er nicht aus eigenen Werken gelesen, sondern sich zusammen mit anderen "Feuilleton-Größen" (Axel Schildt) als Interpret und Kritiker der vorgestellten Texte profiliert.

Dass dieser Homme de lettres meinungsstarke Literaturkritiken für angesehene Blätter schrieb, ist nicht überraschend. Seine Vielseitigkeit zeigte sich eher darin, dass er über zwei Jahrzehnte unter dem Pseudonym Momos Fernsehkritiken in der Wochenzeitung "Die Zeit" veröffentlichte. Momos ist in der griechischen Mythologie der Gott des Tadels. Ob die Übertragung der Totenmesse für Präsident Kennedy, ein Filmbericht über Wien, Magazine wie "Panorama", "Pariser Journal" oder "Report", Krimis von Durbridge, "Das Wort zum Sonntag", Verfilmungen der "Buddenbrooks" und von "Radetzkymarsch", Berichte über die Beisetzung Adenauers und de Gaulles - kein Thema war vor ihm sicher.

Natürlich schrieb er auch über Fußball, den er sein Leben lang geliebt und als Student selbst gespielt hatte. Als Fernsehkritiker hat er bereits 1970 weitsichtig vorausgesagt: "Eines Tages werden die Unparteiischen das Spiel vom Monitor dirigieren, mit Trick-Repetitionen statt der Linienrichterbefragung ..."

Aktiver Protestant

Die Tübinger Studentinnen und Studenten besuchten seine Vorlesungen zur Rhetorik in der Alten Aula neben der Stiftskirche. Die Abendvorträge im Festsaal der Universität waren auch für Bürgerinnen und Bürger der Stadt zugänglich. Unter dem Titel "Probleme der modernen deutschen Literatur" ging es vor allem um die aktuelle Gegenwartsliteratur.

Mit Walter Jens im Bus.
© Kriscom, CC BY-SA 4.0 via Wikimedia Commons

Nicht selten war eine vierstellige Zahl von Zuhörern im "Zirkus Jens", wie diese Veranstaltung spöttisch genannt wurde. In späteren Jahren hat er solche Vorlesungen mit seinem Nachbarn und Freund Hans Küng, dem katholischen Theologen, über religiöse Werke der Weltliteratur gehalten. Dass er als aktiver Protestant religiös sensibel war, zeigt sich auch in seinen Bibelübersetzungen.

Als Redner war Walter Jens bald deutschlandweit gefragt. Wenn Festspiele oder Kunstausstellungen eröffnet, wenn Geburtstage von Kulturgrößen gefeiert oder Literaturpreise vergeben wurden - immer wieder findet man ihn auf der Rednerliste. Auch bei eigenen Ehrungen hat er bedeutende Reden gehalten, so 1968 bei der Verleihung des Lessing-Preises durch die Hansestadt Hamburg oder 1981 bei der Verleihung des Heinrich-Heine-Preises durch die Stadt Düsseldorf. Er war kein verkanntes Genie. In den Medien präsent wie kaum ein anderer Geisteswissenschafter, wurde er mit einer zweistelligen Zahl von Ehrungen und Preisen gewürdigt, darunter drei Ehrendoktortitel der Universitäten Stockholm, Jena und Hamburg.

Nach der Emeritierung kein Ruhestand. Zweimal wird er zum Präsidenten der traditionsreichen Akademie der Künste in Berlin gewählt. In seine Amtszeit (1989 bis 1997) fällt die deutsche Wiedervereinigung, und auch die Teilung in Ost-Akademie und West-Akademie konnte überwunden werden. Inge Jens hat in ihren "Unvollständigen Erinnerungen" ausführlich über die Schwierigkeiten der Zusammenführung berichtet.

Das Ehepaar Jens zog politisch am selben Strang. Beide Partner engagierten sich in der SPD-Wählerinitiative für Willy Brandt, und gemeinsam nahmen sie als überzeugte Pazifisten zusammen mit anderen Prominenten teil an Sitzblockaden vor dem Atomwaffendepot in Mutlangen. Die Unterbringung zweier amerikanischer Soldaten, die 1990 vor Beginn des Zweiten Golfkriegs desertiert waren, brachte ihnen später eine Geldstrafe ein.

Am Dies academicus der Katholischen Universität Eichstätt hat Walter Jens 1996 den Festvortrag über "Das künstlerische Alterswerk" gehalten. Dabei ließ er eine Reihe von Personen Revue passieren, die bis ins hohe Alter kreativ waren: die Maler Michelangelo, Rembrandt, Munch und Picasso, die Musiker Verdi und Wagner, die Dichter Goethe, Fontane und Thomas Mann. Sein Resümee: Im Alterswerk zeigt sich der "Wille zur Veränderung, Erweiterung, Vertiefung eigener Vorwürfe", es ist "eher durch Reflexion als Dynamik bestimmt", und es ist entweder durch "Übereinstimmung mit den zeitbestimmenden Kräften" oder durch "Gegenläufigkeit" gekennzeichnet.

Ein solches Alterswerk blieb diesem universell gebildeten, sprachmächtigen und couragierten Mann indes verwehrt. Immerhin: Zusammen mit seiner Frau hat Walter Jens noch zwei biographische Bücher veröffentlicht, die zu Bestsellern wurden. Sie schildern das Leben von Katharina Pringsheim, der Frau Thomas Manns, und ihrer Mutter Hedwig. Die öffentlichen Lesungen daraus stießen auf große Resonanz, wurden aber für den damals schon Achtzigjährigen immer mühsamer.

Diagnose Demenz

In ihren Erinnerungen schildert Inge Jens die zunehmende Orientierungslosigkeit ihres Mannes, die zunächst als Psychose diagnostiziert wird, sich aber schließlich als beginnende Demenz erweist. So findet sie ihn in seiner Bibliothek mit einem Buch in der Hand, das er verkehrt herum hält. Sensibel beschreibt sie die wechselnden Befindlichkeiten des Erkrankten und ihre eigenen Empfindungen zwischen Verunsicherung, Ratlosigkeit und Erschöpfung. Die letzten neun Jahre seines Lebens war Walter Jens dement. Damit erfüllte sich auf tragische Weise das Diktum Vergils: "Alles nimmt uns das Alter, sogar den Verstand."

Das Grab von Walter Jens in Tübingen.
© Muesse, CC BY-SA 4.0 via Wikimedia Commons

"Demenz - Abschied von meinem Vater", so lautet der Titel eines 2009 erschienen Buches, in dem Tilman Jens, der älteste Sohn, das allmähliche Verdämmern beschreibt. Er bringt es in Zusammenhang mit einer Veröffentlichung des Literaturarchivs in Marbach, in der 2003 die Mitgliedschaft seines Vaters und anderer führender Intellektueller in der NSDAP offengelegt wird.

Walter Jens, der am Ende der Nazi-Zeit erst 22 Jahre alt war, bestreitet zunächst die Mitgliedschaft, muss dann aber mögliche Erinnerungslücken einräumen. Der Sohn, der sich schon vorher als journalistischer Aufdecker zu profilieren versucht hat, schildert die letzten Jahre des auch von ihm geschätzten Vaters mit quälender Präzision, sodass ihm sogar "literarischer Vatermord" vorgeworfen wird.

Walter Jens, der in einer gemeinsamen Vorlesung mit Hans Küng über humanes Sterben für das Menschenrecht auf aktive Sterbehilfe plädiert hatte, hat zu dieser Zeit noch einige Monate mit der Krankheit vor sich. Am 9. Juni 2013 ist er, neunzigjährig, in Tübingen verstorben. In dem Ehrengrab auf dem dortigen Stadtfriedhof wurden später auch sein Sohn Tilman (2020) und seine Frau Inge (2021) beigesetzt.

Walter Hömberg, Kommunikationswissenschafter und Publizist, war Lehrstuhlinhaber für Journalistik an den Universitäten Bamberg und Eichstätt und hat viele Jahre als Gastprofessor an der Universität Wien gelehrt.